"Frau Winter, Sie glauben ja, was Sie sagen!"

Im Gespräch mit Gertraud Winter

Ein strahlendes Lächeln – wann immer man sie sieht. Eine gewinnende, sympathische Art. Ein Mensch, den man gerne und regelmäßig auch im deutschen Gottesdienst sieht. Oft auf der Kanzel, und noch häufiger einfach so als Gottesdienstbesucherin. Was wären wir nur ohne Gertraud Winter? Ehrlich gesagt, ich kann es mir nicht vorstellen. Doch wir müssen es uns auch nicht vorstellen. Denn man merkt, sie ist mit Herz und Seele Mitglied unserer Gemeinde. Die Lektorin und langjährige Religionslehrerin spricht über Herzensanliegen im kirchlichen Dienst und über den Wert der Gemeinschaft.

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Zunächst ganz herzlichen Dank, dass Sie den Großteil der deutschen Gottesdienst, die ich nicht halten kann, übernehmen.

Ich mache das ja auch gerne – und muss ja auch ein bisschen in Übung bleiben.

Was macht die Soproner Gemeinde in ihren Augen besonders liebenswert?

Ich finde die Leute so lieb. Ich habe eine Gemeinde gesucht, in der ich mich zu Hause fühlen kann – und jetzt fühle ich mich in der Soproner Gemeinde einfach zu Hause. Wenn ich in die Kirche komme und die Leute mich grüßen und sich freuen, wenn sie mich sehen, dann ist das einfach schön – und ich fühle mich zu Hause!

Sie sind Religionslehrerin und halten schon lange Gottesdienste. Was bedeuten diese beiden Formen von Verkündigung für Sie?

Als Religionslehrerin habe ich ja schon versucht, Gottes Wort zu vermitteln und die Kinder auch zur Kirche hinzuführen. Und auch im Gottesdienst, in der Predigt kann ich das Wort der Bibel weitergeben – das ist für mich wichtig.

Wenn Ihre Zeit als Religionslehrerin ins Gespräch kommt, strahlen Sie ganz besonders. Man merkt, eine für Sie sehr wichtige und bedeutende Zeit.

Ich habe das unheimlich gern gemacht. Meine Religionslehrerin hatte damals zu mir gesagt: "Warum wirst du nicht Gemeindeschwester, wenn dich das so interessiert?" Und so bin ich hineingewachsen. Mit 15 Jahren habe ich – von ihr angelernt – Kindergottesdienst gehalten und dann war für mich klar: Ich werde Gemeindeschwester.

Ich wurde dann Religionslehrerin, aber die Tätigkeit als Gemeindeschwester habe ich parallel ausgeübt – und zwar unentgeltlich. Ich fand, wenn man Religion unterrichtet, dann muss auch Glaube vermittelt werden und die Zugehörigkeit zur Kirche aufgezeigt werden. So wächst es dann auch, dass Kinder gerne zur Kirche gehen und zu Kindergruppen kommen. Und solange ich Lehrerin war, ist mir das vielleicht auch gelungen.

Was einem selbst ein Herzensanliegen ist, auch anderen ans Herz legen.

Es gab Schüler, die sagten: "Frau Winter, Sie glauben ja das, was Sie uns sagen!" Da sagte ich: "Na sicher, denn was ich nicht glaube, das sage ich auch nicht." Das sind Erlebnisse, die einen glücklich machen, ich habe irrsinnig gerne Religion unterrichtet. Den Beruf habe ich immer geliebt.

Wie erleben Sie als Religionslehrerin mit Herz und Seele, dass Kirche schon auch in der Krise ist. Woran liegt das?

Ich habe gemerkt, dass Kinder oft einen vollen Kalender haben – von Turnen über Ballett zu Basketball. Und die Kirche ist dabei irgendwie unwichtig geworden. Früher hatte man nicht so viel Action, sondern man war froh, dass die Kinder gut aufgehoben waren, wenn sie in die Kirche oder den Kinderkreis gegangen sind, wo gebastelt, gespielt und gesungen wurde. Und heute sitzen Kinder oft lieber vor der Playstation, als dass sie hinausgehen, zum Beispiel zur Kirche.

Was können wir tun?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kinder, die zum Kinderkreis gekommen sind, zu Hause die Laden voller Zuckerl hatten. Und ich bat sie am Ende des Kinderkreises alle Futzerln Papier wegzuräumen, dann kriegen sie ein Zuckerl. Und für dieses Zuckerl sind sie auf dem Boden herumgerobbt und haben alles weggeräumt, was da an Schmutz war. Das ist komisch. Also: Wir müssen motivieren, dass sie gerne kommen. Dass sie merken, da erleben wir Gemeinschaft, da tut sich was. Gemeinsam spielen, gemeinsam etwas unternehmen, gemeinsam wandern – das erleben viele zu Hause nicht mehr. Aber so können wir Erlebnisse in der Gemeinschaft bieten.

Wir können als Kirche Erfahrungen bieten, die sie woanders nicht mehr bekommen.

Man erlebt ja auch in Urlauben immer häufiger, dass Familien nichts mit sich anzufangen wissen. Da muss dann ein Animator her, der sagt: "Uns jetzt hebt die Hände in die Höhe". Viele sind selber nicht mehr kreativ. Und wenn man immer gesagt bekommt, was man tun soll, muss man selber nicht mehr denken. Das selbständige Denken ist oft der Denkfaulheit gewichen.

Der Religionsunterricht allein kann's nicht richten, Menschen zum selbständigen Denken zu ermutigen.

Nein, da muss sich in vielen Bereichen der Gesellschaft etwas ändern. Bleibt zu hoffen, dass ein Umdenken kommt. Aber momentan sehe ich das mit Sorge.

Da kann Gemeinschaft – gerade wie sie auch eine Gemeinde bietet – doch auch eine Perspektive sein, auch was das Erleben von Werten betrifft.

Gerade in Sopron gehen sehr viele Kinder mit ihren Eltern in den Kindergottesdienst. Ich habe festgestellt, wie viele Kinder da kommen, wenn der Gottesdienst aus ist. Und auch ich habe ja die Gemeinschaft gesucht und in Sopron gefunden. Viele Leute kommen in den Gottesdienst, weil sie da die Gemeinschaft finden, die sie suchen. Und: In Sopron kommen neben den Kindern und den Älteren auch sehr viele "Mittelalterliche" in den Gottesdienst. Und das gefällt mir.

Und wenn ich zum Beispiel einen Gottesdienst am ersten Sonntag nach Neujahr habe – an einem Sonntag, wo schon so viele Gottesdienste zuvor waren – und es kommen immer noch 30 Leute in die Kirche, das freut mich schon. Und ich bin überrascht.

Die Menschen freuen sich, dass Sie Gottesdienst halten.

Mir hat jetzt jemand gesagt: "Seien Sie nur weiter so fröhlich bei der Predigt, wie Sie immer sind." Ich weiß gar nicht, ob ich immer so fröhlich bin. Manchmal will ich auch etwas sagen, was nicht so fröhlich ist.

Der genannte Wunsch an Sie legt doch auch die Frage nahe, was Sie der Soproner Gemeinde wünschen.

Eigentlich, dass sie so bleibt, wie sie ist – und dass die Jugend auch in der Kirche tätig bleibt. Mehr kann man nicht wünschen.



Holger Manke