Gyengénlátóknak

Soproni Evangélikus Egyházközség

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2012-01-01 Predigt zur Jahreslosung 2012: 2. Kor. 12,9 (Neujahr, 01.01.2012)

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass früher oder später zwei Dinge als Gesprächsthemen auftauchen: Wetter und Krankheit. Beide sind Dinge, die wir nicht in der Hand haben; sie kommen auf uns zu, und wir müssen irgendwie mit ihnen umgehen und sie meistern. Krankheit ist Schlechtwetter in unserem Leben, kann bildlich bedeuten, dass wir "aus der Sonne in den Regen kommen", dass stürmische Zeiten anbrechen. Man kann gut verstehen, dass zu den Wünschen auch für das neue Jahr nicht zuletzt Gesundheit gehört: "Und bleib gesund!" "Bleibt gesund!" Ja, öfter wird die Gesundheit ausdrücklich hervorgehoben und eigens genannt: "Ich wünsche dir alles Gute, und vor allem Gesundheit", so oder ähnlich kann man es immer wieder hören. Und wenn es anders kommt, Krankheit vielleicht wie ein Sturm über dem Leben eines Menschen ausbricht und Unheil anrichtet?

Man kann das irdische Wirken Jesu ganz kurz auf den Punkt bringen und auf die Frage "Was hat er getan?" antworten: Er hat das Reich Gottes verkündigt, die Herrschaft Gottes, und zwar auf dreierlei Weise: Durch Predigen, Lehren und Heilen. Dass Jesus heilt, das ist himmlisch. Durch Jesu Heilungen erleben Menschen schon den Anbruch des Himmels auf Erden; sie sind Angeld, Vorzeichen für die schlussendliche Heilwerdung, für das ewige Heil, das bevorsteht und kommt. Glaubensheilungen, Gesundwerdung von Menschen durch Handauflegung und Gebet gibt es auch heute noch. Aber was ist mit denen, die krank blieben oder krank bleiben zu Jesu irdischer Zeit und heute? Hat Gott solche Menschen weniger lieb? Für manchen scheint es ja so. In jedem Fall stellt doch Krankheit eine Erschütterung des Glaubens dar, einen Angriff auf ihn, der vielleicht sogar dahin führt, dass jemand sagt: Nein, wenn so Schlimmes passiert, mir selbst oder in meinem Umfeld, dann gibt es Gott wohl gar nicht. Krankheit, Leiden stellt für manchen Menschen Gott in Frage. Noch einmal: Was ist mit denen, die krank blieben oder krank bleiben zu Jesu irdischer Zeit und heute?

Einer der zu diesen Menschen gehört, steht uns in unserer Kirche gewissermaßen stets vor Augen, als Gestalt auf unserem Altar, da vorne, rechts. Es ist der Apostel Paulus; der, von dem zahlenmäßig die meisten Schriften des Neuen Testaments stammen; er, der als Völkerapostel gilt, weil er, wie kein anderer, das Evangelium von Gottes Handeln in und durch Christus auf seinen Reisen in die Welt getragen hat. Dieser Paulus hatte auch mit Krankheit zu kämpfen. Was es genau war, wissen wir nicht, dass ihm seine Krankheit aber manches Mal schwer zugesetzt hat, schon. Ihre Heftigkeit beschreibt er so, dass "des Satans Engel" ihn "mit Fäusten" schlage (2. Kor 12,7). Und wie sehr wäre er, wie jeder andere Mensch auch, seine Krankheit, sein Leiden losgeworden. Er hat darum gebetet, ist Gott um Heilung angegangen mit Flehen wieder und wieder (2. Kor. 12,8). Und Gott hat geholfen, auch wenn Hilfe und Rettung anders aussehen können wie es sich der Mensch vorstellt und wünscht. Paulus wird nicht wunschgemäß gesund, aber ihm wachsen innere Kräfte zu, die so groß, so stark sind, dass sein Leiden, seine Krankheit, jener mit Fäusten schlagende Satansengel ihn niemals bezwingen und ko-schlagen kann und wird. Gott in Christus stellt die notwendige Widerstandskraft zur Verfügung, um Sieger zu bleiben auch gegenüber den anfechtenden Erfahrungen des Lebens, die einen Menschen zu Boden werfen, niederschlagen wollen, wie es Krankheiten sind. Die Gotteserfahrung, die Paulus, gegen sein Leiden kämpfend, zukommt, gibt er im 2. Korintherbrief wieder, in dem Wort, das als Jahreslosung über dem neuen Jahr 2012 steht und das zugleich als Zuspruch für alle Zeit gilt: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig"(2. Kor 12,9).

Ich muss an eine Geschichte denken, wo eine Palme die Last eines großen Steines auf ihren Blättern auszuhalten hat. Aber sie zerbricht nicht daran, geht nicht zugrunde, sondern sie wird trotz der Last, der Last zum Trotz stärker als je zuvor. Denn mit ihren Wurzeln geht sie tiefer und tiefer, bis sie so tief gegründet und verwurzelt ist, dass ihr die Kraft zukommt, selbst mit schwerer Last fertigzuwerden. Das erfährt auch Paulus in seinem Gebet, in seiner Verwurzelung in Gott, und teilt uns als Lebenshilfe seine Gotteserfahrung mit, den erlebbaren Zuspruch Gottes: "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig".

Für "Kraft" steht im griechischen Urtext dieses Satzes das Wort δύναμις (dynamis). Wir kennen ein paar Wörter, die davon abgeleitet sind: Dynamik, die "Lehre vom Einfluss der Kräfte", die etwas in Bewegung setzen und Veränderung bewirken; ein Dynamo, durch den zum Beispiel Licht erzeugt wird, so dass man nicht im Dunkeln bleibt, sondern seinen Weg findet; Dynamit - Sprengstoff. All das ist in gewisser Weise Gott in Christus auch, der in Paulus' Leben Raum greift und seine helfende, haltende, stärkende, rettende Kraft entfaltet. Diese Kraft setzt Paulus in Bewegung, so dass er sich auf den Weg macht trotz Krankheit und vieler Gefahren auf dem Weg, um den Völkern Gott in Christus nahezubringen (s. 2. Kor 4,6). Dieser Gott in Christus ist ihm Licht in finsterer Nacht und möge es auch für andere werden. Und mit Gott in Christus ist in ihm die Kraft gegenwärtig, die sogar das Gefängnis des Todes sprengt zur Schaffung ewigen Heilseins.

Paulus hat an sich erfahren, was man mit dem Schriftsteller Friedrich Hölderlin so sagen kann: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Paulus wächst Gottes Kraft zu, macht ihn trotz des Leidens stärker als er war; er kann es sogar tragen. "Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig". Paulus' Erfahrung ist eine Einladung an alle, sich auf die Spur des sich uns zugewendeten, zugeneigten und rettenden Gottes zu setzen, uns in diesen Gott zu vertiefen und zu verwurzeln, und nicht aufzuhören, bis wir ihn erfahren, erleben, genießen mit seiner Kraft, die uns hält und trägt in Zeit und Ewigkeit. Amen.