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2011-01-01 Predigt zur Jahreslosung Röm 12,21 (1.1.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!
Sucht noch jemand einen guten Vorsatz für das neue Jahr 2011? Man sagt ja, ein Jahreswechsel sei auch die Zeit guter Vorsätzte; Menschen nehmen sich vor, in ihrem Leben etwas zu verändern. Also braucht noch jemand einen guten Vorsatz?
Man könnte sagen: Paulus hat uns allen noch einen mitgegeben für unseren Weg ins neue Jahr 2011 hinein, wenn es nämlich im Wort der Jahreslosung heißt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem” (Röm 12,21). Wobei man gleich hinzufügen muss: dieser Satz aus Paulus’ Brief an die Römer ist keine Angelegenheit für ein Jahr, sondern für jeden Tag in jedem Jahr unseres Lebens als Christen. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem”, das ist ein Erkennungszeichen christlicher Existenz, das ist Teil christlichen Lebensstils. Und doch sind wir wohl öfter mal recht weit von dem entfernt, zu was Paulus uns hier ermuntert und ermutigt.
Die Überwindung des Bösen durch Gutes hängt ja eng zusammen mit zwei Wegweisungen Jesu, die wir in der Bergpredigt finden. Zum einen ist es das Gebot der Nichtwiedervergeltung (s. Mt 5,38-42), das auch in einem schönen ungarischen Sprichwort Widerhall findet: „Wenn jemand mit Steinen nach dir wirft, dann wirf mit Brot zurück”. Zum anderen spiegelt sich im Wort der Jahreslosung Jesu Gebot der Feindesliebe: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel” (Mt 5,44).
Ich erinnere mich daran, dass in einem Glaubensgesprächskreis das Gebot der Feindesliebe Thema war. Und natürlich fanden wir es alle gut. Es benennt die tiefste Form der Liebe. Aber ist es praktisch lebbar in unserem alltäglichen Leben? Eine Frau in dem Gesprächskreis sagte: „Ja, wenn sich alle daran hielten, dann wäre alles in Ordnung, alles bestens”; Liebe und Frieden würden regieren im Kleinen und Großen. Nur, warten bis alle bei etwas mitmachen, da kann man lange warten und öfter auch vergebens. Und so sind Jesu Gebote der Nichtwiedervergeltung und der Feindesliebe wie auch Paulus’ Wort gar nicht gedacht. Die gehen davon aus: Jemand muss anfangen, egal, was andere denken und tun, sonst ändert, sonst verändert sich gar nichts. Nur wenn Menschen auch das Ungewöhnliche und Unerwartete wagen, dann kann Bewegung ins Leben kommen, dann kann auch Heilung des Lebens und der Welt durch die Liebe, durch das Gute geschehen. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.”
Paulus traut uns Christen eine Menge zu zur Klimaverbesserung in den mitmenschlichen Beziehungen. Wir können die Güte, die Qualität des Lebens entscheidend beeinflussen und prägen, ob nun zu Hause, am Arbeitsplatz, in der Schule oder sonstwo. Christen sind Menschen mit der Einstellung: wenn mir jemand anderes auf irgendeine Weise den Krieg erklärt, dann erkläre ich ihm den Frieden. Ich mache dabei nicht mit, dass Böses Lebensfeindliches in die Welt einzieht, dass Leben vergiftet und hässlich wird, dass mitmenschliche Beziehungen zerstört, kaputt gemacht werden. Christen verweigern sich dem Bösen und ergreifen das Gute.
Wobei das viel leichter gesagt als getan ist. Eine Ermutigung, eine Ermunterung wie die der Jahreslosung wäre ja gar nicht nötig, wenn schon verwirklicht wäre, wozu sie ermutigt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem”. Dazu braucht man Glaubensmut. Vielleicht darf man reimen: durch Glaubensmut macht man gut. Auf Böses in gleicher Weise zu reagieren, ja zur Abschreckung vielleicht sogar härter zurückschlagen, macht die Welt, das Leben kein bisschen besser. Glaubensmutige Menschen aber rechnen damit, dass die Kraft der Liebe, die Kraft des Guten allein heilende Wirkung hat, die Welt verändert und sich durchsetzt, selbst wo das Gute auf verlorenem Posten zu stehen scheint. Maß, Maßstab des Guten ist unser Gott selbst. Er baut Leben auf; darum gibt es die Welt und uns. Auch der Tod ist für glaubende Menschen nicht Zerstörung, sondern Umbau und Aufbau des Lebens in eine neue Dimension hinein. In Jesus zeigt uns Gott sozusagen auch in Person, menschgeworden, was gut ist, nämlich der Schönheit des Lebens zu dienen durch Vergebung von Schuld, durch Heilung, durch Handlungsweisen, die Lebensfreude stiften, durch das Geschenk ewigen Lebens. Gottes eigene Menschwerdung in Jesus, die wir Weihnachten gefeiert haben, ist ein grundlegendes Zeichen, eine Unterstreichung, dass er uns gut ist, dass er es gut mit uns meint, dass Gott selbst Böses mit Gutem überwindet.
Gott kommt in Jesus in seine Welt, die Menschen in vielerlei Weise verunstalten; er kommt in seine Welt und erlebt, erleidet an eigenem Leibe, zu was Menschen fähig sind, anderen anzutun an Schmerzen, Leiden und Tod, an Bösem. Aber Jesus hält am Guten fest, bittet selbst am Kreuz noch um Vergebung für die Übeltäter, wünscht den Böses Tuenden nicht die Hölle, sondern den Himmel. Das allein kann auch nur unser Maßstab sein, sofern wir Christus wirklich nachfolgen wollen.
Feindesliebe, „das Böse mit Gutem” überwinden, das geht doch nicht, das funktioniert doch nicht in dieser Welt, so meinen manche, vielleicht sogar viele. Und darum probieren wir es auch gar nicht erst; das wäre weltfremd. Stimmt: Feindesliebe, Überwindung des Bösen mit Gutem ist dieser Welt oft etwas Fremdes. Aber nicht, wenn der Himmel, wenn Gott sich mit Menschen verbindet, der Gott, der selbst Böses mit Gutem überwindet, eine mit Bösem infizierte Welt durch seine Liebe, durch ewige Liebe heilt. Dieses Gottes Kinder sind wir; und es sollte das Selbstverständliche sein, dass wir uns an Gottes Heilungswerk beteiligen. Mag sein, dass Böses nach uns greift und wir ihm nachgeben. Dann aber sollen wir auch wissen und es noch ernster nehmen: Gott schreibt uns nicht ab, er bleibt sich in seiner Liebe treu, „das Böse mit Gutem” zu überwinden; auch unsere Bosheit vergibt er, auf dass wir uns an solcher Güte, solcher Liebe freuen und neu beginnen, es unserem Gott nachzutun und uns glaubwürdig als seine Kinder zu zeigen, auch im Jahr 2011. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.” Mach’s wie Gott. Er ist mit uns in Güte, mit seiner Güte. Amen

2011-01-16 Predigt zu 2 Mose 33, 17b-23 (2. Sonntag nach Epiphanias, 16.1.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor ein paar Tagen schob sich der Mond zum Teil vor die Sonne; ein Himmelsereignis, auf das vielerorts hingewiesen wurde. Und es gab die Warnung: niemand möge mit bloßem Auge in die Sonne schauen; das könne zu schweren Augenschäden führen. Das Licht der Sonne könnte uns erblinden lassen, wenn wir direkt in sie hineinschauen würden. Einerseits ist die Sonne, ist ihr Licht unbedingt notwendig für das Leben auf Erden, andererseits aber dürfen wir ihr mit unseren Augen nicht zu nahe kommen. Und auch sonst nicht, wir würden verglühen.

Mir hilft jenes Himmelsereignis von vor ein paar Tagen zum Verständnis des heutigen Predigttextes. Wenn wir schon der lebenspendenden Sonne nicht zu nahe kommen dürfen, wie sehr gilt das dann erst für den lebenspendenden Gott, der Schöpfer von allem ist, so auch von unserer Sonne und dazu von vielen Milliarden Sonnen, die im Weltall scheinen und von denen wir nur einen winzigen Bruchteil am nächtlichen Sternenhimmel leuchten sehen. Wie groß ist erst Gott und seine Herrlichkeit, gemeint ist seine Pracht, sein Lichglanz?! Gott ist so prächtig, so wunderbar strahlend, dass man, mit dem Predigttext gesprochen, nicht in sein Angesicht sehen kann. Dem Mose wird von Gott her gesagt: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht” (2 Mose 33,20).

Und doch steckt in uns Menschen die Sehnsucht, Gott zu sehen. Sie spiegelt sich in Moses Worten, in seiner Bitte an Gott: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!” (2 Mose 33,18). Gewisse Menschen haben, wie es jemand ausdrückte, eine „Seh-Sucht”. Man kann immer wieder Menschen sagen hören: „ Ich glaube nur, was ich sehe.” Dazu muss man wohl feststellen: das meiste der Wirklichkeit ist für unsere Augen unsichtbar. Mit technischen Hilfsmitteln, wie Mikroskopen oder Teleskopen, können wir unsere Augen gewissermaßen stärken und mehr und tiefer sehen. Aber alles sehen wir bei weitem nicht. Und Gott schon gar nicht. Denn ein sichtbarer, im Sinne von beweisbarer Gott wäre nicht mehr Gott, sondern etwas, das wir einfangen könnten, etwas, über das wir verfügen könnten durch unsere Vorstellungen, Mittel und Methoden. Der wahre Gott aber ist frei, sich zu zeigen, in Erscheinung zu treten, zu leuchten und zu strahlen, wie er es will.

Unsere menschliche Sehnsucht nach Gott ist nur zu verständlich und gut, die Seh-Sucht aber nicht. Der Seh-Sucht entspringt das „goldene Kalb”, von dem wir wenige Abschnitte vor dem Predigttext lesen können. Die Seh-Sucht minimiert, verkleinert da die Herrlichkeit Gottes auf ein goldglänzendes Stierbild. Die Seh-Sucht versucht da, Gott einzufangen in menschliche Vorstellungen von Glanz und Stärke; sie reduziert den Gott, der alle Bilder sprengt, auf ein menschengemachtes Bild. Der wahre Gott ist frei, in seiner Herrlichkeit zu erscheinen, wie, wann und wo er will. Der Predigttext drückt die Freiheit Gottes so aus: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich” (2 Mose 33,19).

Und weil Gnade und Erbarmen zu seinem Wesen gehören, kommt Gott sogar dem Wunsch, seine Herrlichkeit zu sehen, nach. Aber anders, als Mose es erwartet, und gnädigerweise so, dass das Sehen von Gottes Herrlichkeit, seines Lichtglanzes uns nicht schadet, wie es der direkte Blick ins hell strahlende Licht der Sonne tun würde. Gott sagt dem Mose: „Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen” (2 Mose 33,21-23a). Wir sehen, bildlich gesprochen, öfter nur Gottes Rücken. Hier kommt eine Erfahrung zur Sprache, die viele, vielleicht alle von uns kennen: wenn wir in einer bestimmten Situation drinstecken, zumal wenn es eine harte, bittere, schwere Zeit ist, dann scheint uns Gott gelegentlich weit weg zu sein. Moses Bitte an Gott wird in schwerer Zeit vielleicht zum Stoßseufzer: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!” Aus dem Abstand betrachtet aber erkennen wir, dass da, wo wir dachten, es ginge nicht mehr weiter, sich doch ein gehbarer Weg aufgetan hat. Dass sich Dinge so gefügt haben, dass man selbst der schweren Zeit etwas abgewinnen kann und sie nicht Lebensuntergang bedeutete. Dass wir erkennen: selbst in der Zeit, die uns dunkel und finster erschien, waren Menschen da, durch deren Nähe, Trost, Hilfe, Beistand Gott uns Lichtstrahlen des Himmels in unser Leben geschickt hat. Wir können erkennen: Gottes Herrlichkeit leuchtet, strahlt doch schon auf Erden, auch in unserem eigenen Leben. Und wenn wir Gottes lichtbringende Gegenwart manchmal nur erst im Rückblick erkennen, wenn wir sozusagen nur den Rücken des an uns doch lichtbringend vorübergegangenen Gottes sehen, dann bedeutet das gleichzeitig auch: er geht uns voraus, um uns einen Weg nach vorne, in die Zukunft zu bahnen und auszuleuchten.

Manchmal erkennt man Gottes Gegenwart erst im Rückblick. Auch die Geschichte Jesu muss man von ihrem Ende her, rückblickend lesen und verstehen. Jesu bitterste Zeit, sein Leiden, sein Kreuz, sein Tod war für ihn, seine Freunde und Anhänger eine absolute „Sonnenfinsternis”, Gottesfinsternis. Aber indem Menschen davon ergriffen werden, dass Jesus lebt, von Gott auferweckt ist, verwandelt sich die Geschichte von Jesu Leiden und Tod. Sie ist keine Geschichte von Gottesfinsternis mehr, sondern eine Geschichte der Herrlichkeit Gottes, der strahlenden Herrlichkeit einer Liebe, die uns in Jesus erscheint, sich für unsere Rettung hingibt, sich uns an die Seite stellt und uns einen Weg bahnt und ausleuchtet, der schließlich einmündet im Lichtglanz der himmlischen Welt. Gerade auch in Jesus lässt Gott seine Güte vorübergehen, auf dass wir sie sehen und genießen und dann Jesu Weg folgen, mit Jesus mitgehen, uns ihm anschließen. Jesu Weg bringt himmlisches Licht auf die Erde und führt uns in den Lichtglanz des Himmels hinein. Da wird Gott uns, gewissermaßen auch neue Augen geben, Augen, die vor der strahlenden Herrlichkeit Gottes nicht erblinden, sondern sie voll und ganz erfassen, voller Staunen, voller Freude. Amen.

2011-01-23 Predigt zu Joh 4, 46-54 (3. Sonntag nach Epiphanias, 23.1.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein Freund erzählte mir einmal die Geschichte der Rettung einer US-amerikanischen Flugzeugbesatzung; im 2.Weltkrieg mussten die Flieger mit ihrem Flugzeug mitten im Meer notwassern. Was sie überleben ließ in der folgenden Zeit bis zur endgültigen Rettung war unter anderem, dass Möwen ihnen so nahe kamen, dass sie sie fangen konnten, und so Nahrung da war. Zwei der Besatzungsmitglieder schrieben später über die Ereignisse, die schließlich zur Rettung führten und zu denen die Möwen gehörten, ein Buch. Für den einen Flieger waren die zur Rettung führenden Erfahrungen, die er in der Zeit der Ungewissheit und Entbehrung auf dem Meer machte, Fügungen des Himmels und er wurde zu einem gläubigen Menschen; der andere Flieger, der auch ein Buch schrieb, fütterte zeitlebens aus Dankbarkeit Möwen. Recht unterschiedlich kann man Lebenserfahrungen deuten. In der angesprochenen Geschichte einer Rettung dankt der eine den Möwen, die, wie auch immer, gerade da waren, und der andere Gott; er sieht, erlebt in den gemachten Erfahrungen Lichtspuren des Himmels, Fügungen Gottes, die zur Rettung führen. Der eine deutet die Ereignisse als blinden Zufall, der andere als wunderbares Wirken Gottes. Er sieht, er erkennt Gott, der möchte, dass wir leben. Das ist sein Heilswille, dass wir leben können.

Einem sich selbst gar nicht als gläubig bezeichnenden Menschen fiel auf, als das Glaubensbekenntnis während eines Gottesdienstes gesprochen wurde, dass das Schlusswort "Leben" lautet, bekräftigt durch das Amen, was "wahrlich", "gewiss" bedeutet. "… und das ewige Leben. Amen", so haben wir es auch heute schon miteinander gesprochen und bekannt. Die Zusage von Leben soll weiterhallen, Kreise ziehen, ausstrahlen. Diese Zusage von Leben prägt auch den heutigen Predigttext. "Geh hin, dein Sohn lebt", "Dein Kind lebt", "Dein Sohn lebt"(s. Joh 4, 50.51.53) so hören wir im Laufe der Verse gleich dreimal die Zusage von Leben; von Leben, das den Tod überwindet, denn das Kind war todkrank" (Joh 4, 47). Und natürlich richtet sich jeder Bibeltext auch an seine Leserinnen und Hörerinnen. Der heutige stellt uns die Frage: Und ihr? Glaubt auch ihr, dass ihr lebt, dass ihr ein Leben habt, dem keine zum Tode führende Krankheit etwas anhaben kann, ein Leben, das stärker ist als der Tod?

Immer wieder stehen wir vor der Frage, der Glaubensfrage, der Vertrauensfrage: Wem wollen wir recht geben? Der Situation, in der wir uns gerade befinden, in der wir gerade drinstecken, dem Augenschein, der, wie in der Geschichte das Ergebnis bringen kann: "todkrank". Wobei wir, recht betrachtet, allesamt "todkrank" sind, die Krankheit zum Tode in uns steckt, gegen die auf Erden kein Kraut gewachsen ist. Oder geben wir der Lebenszusage Jesu recht, die jedem Menschen gilt und sich im Predigttext Ausdruck verschafft, in dem Jesus dem Augenschein "todkrank" entgegensetzt: "Geh hin, dein Sohn lebt!" (Joh 4, 50) In der Epiphaniaszeit spielt die Lichtsymbolik eine besondere Rolle, und so kann ich jene Glaubens-, jene Vertrauensfrage auch noch einmal anders stellen: Glauben wir dem Augenschein und geben ihm recht, oder dem Lichtschein, in den Gott in Jesus uns und die ganze Welt gestellt hat?

Der heutige Predigttext bringt auch zwei Einstellungen Gott gegenüber zum Ausdruck: die eine lautet: "Setz ein deutliches Zeichen deiner Gegenwart, zum Beispiel durch eine Krankenheilung, tu ein Wunder, dann will ich glauben und dir vertrauen." Nur ist es wohl auch so, dass jede wunderbare Erfahrung dann doch wieder in Frage gestellt, und in Zweifel gezogen wird oder zumindest werden kann: War es wirklich Gott, oder waren es vielleicht doch nur irgendwelche günstigen und glücklichen Umstände?

Die andere Einstellung Gott gegenüber lautet: das Wunder ist schon längst geschehen: es besteht darin, dass Gott schon immer wieder Kontakt zu seiner Welt, zu uns Menschen von sich aus aufgenommen hat, angefangen damit, das er welterschaffend und lebensspendend spricht: "Es werde Licht!" (1 Mose 1, 3) Und zu diesem wunderbaren Geschehen gehört, dass in Jesus der große Gott sogar als Mensch unter Menschen Licht und Leben der Ewigkeit in eine noch nicht vollendete Welt trägt, in die Welt, in der alle und alles, was zu ihr gehört, noch am Tode kranken, wie es in dem Jungen aus dem Predigttext augenfällig ist. Und in Jesus verkörpert sich die Botschaft: Glaubt nicht dem Augenschein, glaubt nicht dem Tod, sondern dem Lichtschein des Himmels, der Gegenwart des unzerstörbaren, des ewigen Lebens Gottes in Jesus. Und wer darauf setzt, auf dieses bereits geschehene Wunder, wird weitere Wunder sehen, Lichtspuren, Leuchtspuren Gottes mitten im Leben schon hier. Sie sind Vorzeichen des ewigen Lichtglanzes der himmlischen Welt, aus der Jesus gekommen ist und in die er uns durch seine Geschichte und sein Wirken als Lebendiger mitnimmt und hinbringt.

Glaubende Menschen ordnen Erfahrungen des Lebens anders ein als nichtglaubende. Glaubende Menschen sind sensibilisiert, empfindsam gemacht für den himmlischen Lichtglanz, der schon jetzt und hier auf Erden leuchtet. Zwar sorgen oft nur schlechte Nachrichten für Schlagzeilen und sind Gesprächsstoff. Tatsächlich aber geschehen jeden Tag im Kleinen und Großen unzählige schöne Dinge. Da lächeln sich Menschen an, verlieben sich; versuchen Streit zu schlichten; helfen Hilfsbedürftigen; geben Zeit und Kraft, Gutes zu tun; pflegen und heilen Kranke. Wenn Unglücke, Katastrophen sich ereignen, eilen Helfer an den Ort des Geschehens, um Not zu lindern und zu retten. Warum? Weil, wie es scheint, der Welt, dem Leben ein Impuls zum Schönen, zum Guten, zum Heilvollen innewohnt; anders ausgedrückt: statt Finsternis soll Licht werden und Licht sein. All die kleinen und großen lichtbringenden Worte und Taten können glaubende Menschen verstehen als Lichtfunken, als Teile, die von Gottes großem uranfänglichem "Es werde Licht!" ausgehen. In Jesus unterstreicht und verstärkt Gott noch einmal diesen Impuls, Licht und Leben zu bringen da, wo noch Finsternis und Tod nach uns greifen. Er erdet zum Wohle der ganzen Welt in Jesus den unauslöschlichen Lichtglanz des Himmels. Nicht die Finsternis regiert, sondern das Licht, nicht der Tod, sondern das Leben. So erfährt es der Vater im heutigen Predigttext, der nicht dem Augenschein glaubt, nach dem sein kranker Sohn dem Tod ausgeliefert ist, sondern dem Lichtschein, den Jesus bringt: "Geh hin, dein Sohn lebt!" Die Verbindung mit Gott, der sich in Jesus zeigt, hat immer in irgendeiner Weise lichtbringende, lebensförderliche Auswirkungen. Wenn wir von Gott hören, wenn wir beten, gehen Lichtimpulse der ewigen Welt auf uns über mit heilvollen Wirkungen auf unser Leben. Und gleich, was geschieht: Wir leben und bleiben am Leben in Ewigkeit. Denn das unsterbliche Licht Gottes, vermittelt durch Jesus, hat uns ergriffen. Durch Jesus gehen Kräfte auf unser Leben über, die es heiler machen, bis es schließlich ganz heil ist in Ewigkeit. Amen.

2011-01-30 Predigt zu Matthäus 14, 22-32 (4. Sonntag nach Epiphanias, 30. 1. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

"Oben" und "unten" - diese Begriffe werden auch als Situationsbeschreibung für Menschen benutzt. Jemand, der "oben" ist, dem geht es gut; wer sich "unten" fühlt, steckt in Krise und Not. "Oben", das ist Richtung Himmel. Wenn ein Mensch etwas als "himmlisch" erlebt, dann hat sich etwas Schönes ereignet, dann ist er glücklich. Nach oben, Richtung Himmel, an einen Ort, wo man dem Himmel näher ist, geht auch Jesus. Im Predigttext hören wir: er stieg "allein auf einen Berg, um zu beten"(Mt.14, 23). Unten im doppelten Sinne des Wortes sind die Jünger; mit Sturm und Wellen haben sie zu kämpfen auf ihrem Boot auf dem See Genezareth, als es schon dunkel ist. Wir hören: „Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen” (Mt.14, 24). Die Jünger da auf dem See drohen unterzugehen, vollends in die Tiefe zu sinken, ganz nach unten. Auch „Wasser” und „Sturm” gebrauchen wir heute noch als Bilder, um schwierige, bedrängende Situationen zu beschreiben. „Das Wasser steht mir bis zum Hals”, kann jemand sagen. Oder: „Mein Leben droht unterzugehen”, oder: „Ich mache gerade stürmische Zeiten durch”. – Da herrscht ein großer Kontrast in der Geschichte: Jesus oben auf einem Berg, betend und im doppelten Sinne dem Himmel nahe, mit dem Himmel verbunden, und unten im Sturm die Jünger, dem Grund des Galiläischen Meeres, ihrem Versinken, ihrem Untergang nahe. Jesus hat sich zum Beten auf einen Berg zurückgezogen. Auch uns kann das immer wieder nur gut tun. Denn Beten stillt Stürme, es bringt Ruhe und Gelassenheit. Probieren Sie, probiert es einfach immer wieder, Beten, die Nähe des Himmels zu genießen. Am besten ohne viele Worte. Einfach still sein und ein Wort auf sich wirken lassen, zum Beispiel „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln”(Ps 23, 1). Wir werden erfahren: wir sind von Gott umgeben, die Stille um uns ist voller Gottesgegenwart; in ihm sind wir geborgen und können nicht aus ihm herausfallen. Selbst dann nicht, wenn unser Leben aus irgendeinem Grund Schiffbruch erleidet.

Zum Beten, zum bewussten Eintauchen in den Himmel, in Gottes Gegenwart hat sich Jesus in die Stille auf dem Berg zurückgezogen. Aber die Welt, seine Jünger, die da im Sturm, mit hohen Wellen kämpfen, nicht vergessen. Er kommt zu ihnen. Man kann sagen: Jesus bringt die im Beten erfahrene Geborgenheit in Gott zu ihnen in den Sturm. Er bringt den Himmel auf den tosenden, lebensgefährlich gewordenen See. "Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See" (Mt 14, 25). Gott trägt ihn; der See, wild geworden und brausend, eine todbringende Gefahr, kann ihm nichts anhaben, nichts tun. Die Jünger halten ihn, als er da beim Übergang von der Nacht zum Tag erscheint, für ein Gespenst; sie erschracken "und schrien vor Furcht" (Mt 14, 26). Als erschiene Lilit, um sie endgültig zu packen und ihnen den Garaus zu machen. Lilit, immer wieder abgeleitet von lajláh, dem hebräischen Wort für Nacht, galt als eine Unheil bringende Sturm- oder Nachtdämonin. Doch ganz Anderes geschieht. Nicht endgültige Nacht, Untergang bricht über die Jünger im Sturm herein, sondern rettendes Licht, Licht des Himmels, mit dem sich Jesus neu gestärkt hatte im Gebet auf dem Berg. Himmlisches, Gottes rettende Gegenwart kommt den Menschen da in Jesus zu, der spricht: "Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht!"(Mt 14, 27) Wir glauben nicht an die Gespenster von "Sorgen", "Not", "Untergang", "Tod", an ihr Tosen und Wüten, das uns verschlingen will, wir glauben an den zu unserer Rettung kommenden Gott in Jesus.

Manchmal ist das gar nicht leicht. Wer über einen schmalen Steg über einen Abgrund geht, unten in der Tiefe vielleicht tosendes Wasser, dem sagt man: "Schau nicht nach unten, schau nach vorn, setz Schritt vor Schritt, gleich hast du es geschafft, bist in Sicherheit." Aber ein Mensch in einer solch gefährlichen Situation ist hin und her gerissen. Er hat die Rettung vor Augen, und zugleich packen ihn Zweifel und Furcht und machen ihn schwankend. "Kann ich's schaffen, werd' ich's schaffen?"

Ähnliches zeigt sich im Predigttext. Petrus will hin zum auf die Jünger zukommenden Jesus. Der macht ihm auch Mut. "Komm her!"(Mt.14, 29), sagt er, und Jesu Ermutigung, Jesu ermutigendes Wort trägt ihn, wie es folgendermaßen im Predigttext zum Ausdruck kommt: "Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu" (Mt.14,29). Doch dann passiert es: das Heulen und Brausen des Sturmes machen Jesu Ermutigung Konkurrenz. Vom Winde, vom starken Winde verweht, ist in Petrus das Rettung bringende Wort Jesu: "Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!" und ganz persönlich an ihn gerichtet: "Komm her!" Petrus guckt nicht mehr nach vorne auf den Retter, sondern lässt sich seinen Blick ablenken von Wellen und Sturm. Die Folge: er erschak "und begann zu sinken", und er schrie: "Herr, hilf mir!"(Mt 14, 30) Aber sogleich streckte Jesus seine "Hand aus und ergriff ihn" (Mt.14, 31). Jesus lässt seine Jünger, seine Freunde nicht im Stich. Er lässt sie nicht untergehen und versinken. "Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?" (Mt.14, 31), so fragt Jesus Petrus. Wir können, ja sollen die Frage auch auf uns beziehen. Auf wen, auf was schauen wir in den Stürmen unseres Lebens? Lassen wir uns beeindrucken vom Tosen des Windes und den großen Wellen, oder richten wir unseren Blick auf den Retter, auf Jesus? Vertrauen wir der in ihm sogar Mensch gewordenen Güte und Liebe Gottes, oder wollen wir uns verstehen als dem Untergang, letztlich dem Tod Geweihte?

Der Predigttext spricht eine große Einladung zum Vertrauen auf Jesus als von Gott geschickten Lebensretter für Zeit und Ewigkeit aus. Jesus und der von Gott durch Jesus gehaltene Petrus kommen zum Boot. "Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich" (Mt 14, 32). Es wird zum Ausdruck gebracht: Wir werden nicht vor allen Stürmen bewahrt, aber Gott selbst ist auch in den Stürmen bei uns und er führt uns durch alle Stürme hindurch. Am Ende legt sich der Wind. Eine Erfahrung, die wir schon jetzt immer wieder machen können, und die die Gewissheit weckt: gütig, hilfreich, rettend wird dieser Gott für uns bleiben in Ewigkeit. Niemals lässt er uns untergehen. Auf den tosendsten Wassern können wir wandeln, weil Gott uns hält, der Gott Israels, der in Jesus zu uns gekommen ist und mit seiner rettend ausgestreckten Hand auch uns ergriffen hat. Wir erkennen in Jesus wie die Jünger im Boot Gottes große Güte, die rettet, und bekennen mit ihnen im Blick auf Jesus: "Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! (Mt 14,33) Amen.

2011-02-06 Predigt zu Jes 40,12-25 (5. Sonntag nach Epiphanias, 6. 2. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

"Ranking" - als Fremdwort aus dem Englischen taucht dieser Begriff zunehmend auch in der deutschen Sprache auf. Beim "Ranking" wird eine Liste erstellt mittels Vergleich. Wer, was steht oben, belegt gute Plätze, und wer, was steht unten und ist damit nicht so empfehlenswert? Ranking - damit verbindet sich die Frage, welchen Rang, welchen Platz jemand oder etwas bei einem Vergleich belegt. In vielen Bereichen des Lebens vergleichen wir, und seien es die Preise beim alltäglichen Einkauf. Man vergleicht Angebote, sei's bei Stellenangeboten, auf die hin sich Menschen bewerben, sei's gerade bei größeren Anschaffungen. Das Preis-Leistungsverhältnis soll stimmen; Vergleichswettkämpfe heißen manche Sportveranstaltungen; da soll der Vergleich zeigen, wer der Stärkste, der Beste ist, im Ranking an der Spitze liegt, gar auf Platz eins steht. Machen wir gedanklich einen Ausflug nach Babylonien im 6. Jahrhundert vor Christus, ins Stammland einer Großmacht; gehen wir in die Hauptstadt Babylon: im Nordosten das Ischtartor, unter anderem mit der Darstellung des Schlangendrachens, dem heiligen Tier des obersten Gottes, des Reichsgottes Marduk. Durch das Tor verläuft die große Prozessions-straße, auf der man den siegreichen Königen zujubelt. Die Hängenden Gärten von Babylon wird man später zu den Sieben Weltwundern zählen. Und da ist eine gewaltige Zikkurat, ein Tempelturm, wie man solche Türme an manchen Stellen im Lande findet, verschiedensten babylonischen Gottheiten geweiht. Sie, so die Vorstellung, garantieren all die Größe, Pracht und Macht des babylonischen Weltreiches, für die die Hauptstadt mit ihrem Glanz und ihren grandiosen Bauwerken ein besonderes Zeichen ist.

Und unter denen, die da wohnen, auch Israeliten, Teil derer, die unter König Nebukadnezar I. aus Jerusalem, aus ihrer Heimat Juda in die babylonische Gefangenschaft geführt worden waren. Jerusalem zerstört, eine Ruinenstadt, einschließlich des Tempels, Sinnbild der Gegenwart Gottes. Wo ist Gott? Wie müssen sich die verbannten Israeliten aus einem am Boden liegenden Land und aus einer verwüsteten Hauptstadt gefühlt haben angesichts des Glanzes, der Pracht Babylons? Und was sagt der Vergleich zwischen den beiden Städten aus über die Größe und Macht der babylonischen Gottheiten und des Gottes Israels? Wie fällt der Vergleich zwischen den Göttern, das Götter-Ranking aus? Wie sich die Israeliten gefühlt haben, gibt eine Aussage im Umfeld des Predigttextes wieder; es ist eine Klage Gott gegenüber: " >>Der HERR kümmert sich nicht um uns; unser Gott läßt es zu, dass uns Unrecht geschieht <<" (Jes 40,27) . Eine Klage, die Menschen aller Zeiten nicht fremd sein dürfte. Wo ist Gott? Warum spürt man ihn manchmal wenig, vielleicht gar nicht? Im heutigen Predigttext meldet sich eine Stimme zu Wort, die die sich von Gott verlassen fühlenden Israeliten trösten will, die eine Bresche schlagen will in die Stimmung von Depression und Traurigkeit. Der Prophet, der da im zweiten von drei Teilen im Prophetenbuch Jesaja auftritt, will im doppelten Sinne des Wortes den Blickwinkel weiten.

Die Israeliten da in der Gefangenschaft, im Exil, werden traurig, depressiv angesichts dessen, was ihnen die Babylonier da an Pracht, Glanz und Macht vor Augen stellen, verbunden mit der Vorstellung: unsere Stärke spiegelt die Stärke unserer Götter wider, deren Tempel und Statuen man überall sieht. Der tröstende Prophet sagt den Israeliten: Lasst euch nicht blenden von all diesen menschengemachten Werken, schaut weiter, seht weiter, und dann fragt er unter anderem: "Wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne?"(Jes 40,12). "Wer hat die Sterne da oben geschaffen" und ruft jeden "einzeln mit Namen?" (Jes 40,25) Die Weite des Himmels und die Unermesslichkeit der Sternenwelt werden zum Zeichen der Macht, der Größe, der Stärke des wahren Gottes. Und da mag der Ort seiner Verehrung, der Tempel in Jerusalem, zerstört sein, aber wenn sich der Himmel dieses Gottes auch über Babylonien wölbt und seine Sterne auch über Babylonien leuchten, dann bedeutet das: er ist auch hier; seine Reichweite ist unbeschränkt, unbegrenzt. Er ist kein Nationalgott, kein Reichsgott wie Marduk, er ist international; er ist ein Welt-Gott, ein Welten-Gott: Himmel und Erde schafft er und hält als Schöpfer von allem auch die Fäden der Geschichte in seiner Hand. Dazu gehören auch die ganz persönlichen Lebensgeschichten von Menschen. Gerade auch seine Unsichtbarkeit ist Ausdruck und Sinnbild seiner Größe; er sprengt jeden Rahmen menschlicher Bilder und Vorstellungen. Wenn es mit Bezug auf Götterbilder und –statuen heißt: "Der Meister gießt ein Bild und der Goldschmied vergoldet's und macht silberne Ketten dran"(Jes 40,19), dann kommt zum Ausdruck: hier schaffen Menschen Götter nach ihrem Bilde, der wahre Gott aber ist unermesslich größer als Menschen und ihre herrlichsten Werke. „Für den HERRN sind die Völker wie ein Tropfen am Eimer oder ein Stäubchen auf der Waagschale” (Jes 40,15), so beschreibt der Predigttext den Unterschied zwischen Gott und Menschen, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Es schließt ein, dass wir nicht unbedingt Einblick haben in Gottes Pläne und Wege, dass Dinge geschehen, die für uns rätselhaft sind und die wir nicht verstehen. Der freie, souveräne Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Schöpfer auch unseres eigenen Lebens, ist uns keine Rechenschaft schuldig. Mit dem Predigttext gesprochen: "Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts und lehre ihn Erkenntnis und weise ihm den Weg des Verstandes?" (Jes 40,14) Gott braucht keine Belehrungen; er geht seinen Weg, und das ist gut so.

Denn dieser große, souveräne Gott, für die die Völker "wie ein Staubkorn auf der Waage sind", wendet sich doch, neigt sich doch den Völkern zu, beugt sich gewissermaßen zu seinen Menschen herunter. Wir könnten ihm egal, gleichgültig sein, aber sind es nicht. Israel wird später bekennen: als der Tempel in Jerusalem zerstört wurde, ist Gott, der wahre Gott, keines- wegs untergegangen; er ist den siegreichen Babylonien und deren Göttern nicht unterlegen, sondern er ist mit seinem Volk ins Exil, in die Gefangenschaft gezogen. Am dunkelsten Ort, in dunkelster Situation ist er doch da und wird wieder und wieder neu auch spürbar, erfahrbar in Erscheinung treten. Das dürfen und sollen wir erwarten. Schon Vorfreude verändert das Leben positiv. Im Zusammenhang des Predigttextes findet das folgendermaßen Ausdruck:
"die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden." (Jes 40, 31) Die babylonische Gefangenschaft wurde von vielen gedeutet als Ausdruck der Gottverlassenheit. Dass Menschen sich von ihm getrennt hätten, zeige sich nun in der Trennung von der Heimat. Doch wenn da nun in der Fremde tröstend, mutmachend ein Prophet auftritt, was sagt das über Gott, den Gott Israels? Eben, dass er auch in der Fremde bei seinem Volk ist; durch nichts und niemand lässt er sich von seinem Volk trennen. Und wo Gott ist, hat das Leben Zukunft. Auch die babylonische Gefangenschaft findet ihr Ende. Ja, sogar die Gefangenschaft von Menschen im Tod findet ihr Ende durch den Gott Israels. Als Tröster, Helfer, Retter, Befreier tritt er neu in Erscheinung in Jesus. Alle Welt soll in seinen Genuss kommen. Der große Gott neigt sich allen in Jesus zu, wird sogar Mensch aus Liebe, zum Zeichen: er steht zu uns, jetzt und ewig, ohne Wenn und Aber. Auch das gehört zu seiner Unvergleichlichkeit. Amen.

2011-02-20 Predigt zu Lk 17,7-10 (3. Sonntag vor der Passionszeit/Septuagesimae, 20.2.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Manchmal wird in Zeitungen oder Zeitschriften veröffentlicht, wie viel bestimmte Personen in ihrem Beruf, für eine bestimmte Tätigkeit verdienen. Gelegentlich wird daraus ein öffentlicher Skandal; noch öfter aber sind wohl Menschen still und innerlich empört über die Zahlen, die sie da lesen. Da bekommen einerseits Leute Geld, das um ein Vielfaches höher liegt als ein Durchschnittsgehalt, und andererseit gibt es Leute, die wirklich jeden Forint oder auch Euro umdrehen müssen, und es schwer, vielleicht sehr schwer haben, finanziell über die Runden zu kommen. In der Regel meinen diejenigen, die viel und sehr viel verdienen auch, sie hätten es wirklich verdient; es stünde ihnen auf Grund ihrer Verantwortung und Leistung tatsächlich zu. - Szenenwechsel: die höchste Auszeichnung in Deutschland ist der Bundesverdienstorden. In anderen Ländern, auch in Ungarn gibt es Ähnliches. Mit so einer Auszeichnung werden Menschen geehrt, die es nach Meinung eines Vergabekomitees auf Grund ihres Verhaltens oder ihrer Leistungen auf einem bestimmten Gebiet verdient hätten. Und auch wenn sich die Ausgezeichneten in Bescheidenheit üben, ist bei manchen wohl doch der Gedanke, das Gefühl da: gegenüber anderen Menschen bin ich doch etwas Besonderes, in besonderer Weise herausgehoben und gewürdigt. - Noch einmal Szenenwechsel: wenn wir jemand anderem helfen, etwas Gutes tun, was erwarten wir? Vermutlich, dass zumindest „Danke” gesagt wird. Bleibt das "Danke" aus, reagieren wir zumindest innerlich, verstimmt: "Na warte, dir helfe ich nicht noch mal"; "so ein undankbarer Typ". Und vielleicht hegen Menschen, mehr unbewusst als bewusst, selbst gegenüber Gott die Einstellung, er sei uns Dank schuldig. Dann wenn unser Leben nicht so läuft, wie wir es uns vorstellen und wünschen, taucht durchaus die Frage, nicht zuletzt auch als Frage an Gott, auf: Womit habe ich das verdient? Auf allen Gebieten des Lebens geht es immer wieder darum, dass wir Menschen meinen, wir hätten einen bestimmten Verdienst, eine Auszeichnung, eine Würdigung oder zumindest ein kleines Dankeschön verdient. Vor solchem Hintergrund stellt der heutige Predigttext gewissermaßen einen Schlag ins Gesicht dar, indem er darin gipfelt, uns als "unnütze Knechte" (Lk 17,10) zu bezeichnen; wobei "Knecht eigentlich noch zu schön übersetzt ist, denn "Sklave" ist gemeint. Wir "unnütze Sklaven"? Das ist doch wirklich ein Schlag ins Gesicht unseres allgemeinen Selbstverständnisses. Aber nehmen wir es mal als Schlag ins Gesicht der Art, wie man Besinnungslose ins Gesicht schlägt, damit sie wieder zu Bewusstsein kommen, sie wieder ins Leben zurückkehren. Denn worum geht es bei den "unnützen Sklaven"? Es gibt gelegentlich Menschen, die einen ihnen zugedachten Orden aus religiösen Gründen ablehnen. Warum? Weil sie sagen: das, für was ich ausgezeichnet werden soll, für was ich einen Verdienstorden erhalten soll, ist kein besonderer Verdienst; ist keine besondere Leistung, sondern schlicht und ergreifend das eigentlich Normale und Selbstverständliche. Wenn man es mit dem Bild des Predigttextes sagen will: so normal und selbstverständlich, wie ein Sklave in der antiken Welt nach getaner Feldarbeit erst einmal seinem Herrn mit dem Abendessen dient und dann erst selbst isst und trinkt (s. Lk 17,7f.). Der Herr steht an erster Stelle und dann kommt sein Sklave. Das ist die wahre Verhältnis- und Größenordnung. Der Sklave ist ganz und gar abhängig von seinem Herrn. Wie sehr gilt das erst für das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, zwischen Schöpfer und Geschöpf. Ganz und gar abhängig ist der Mensch von Gott. Alles, was wir sind und haben, Leben und Welt, kommen von ihm. Jede, jeder lebt, weil sie und er mit der Möglichkeit dazu von Gott beschenkt ist. Große und übergroße Gehälter, Ordensverleihungen und auch das geforderte Danke-Sagen, weil ein Mensch geholfen hat, sind eigentlich Formen der Menschenverehrung. Menschen und ihr Tun werden in den Mittelpunkt gestellt, oder sie stellen sich selbst mit ihrem Tun in den Mittelpunkt, erwarten Dank, Würdigung und Anerkennung. Jene Menschen, die einen Orden aus religiösen Gründen, das Dankeschön-Sagen auf diese Weise ablehnen, bringen zum Ausdruck: dankt nicht mir, ehrt nicht mich, sondern ehrt Gott, dankt Gott! Denn er hat mir Begabungen, Fähigkeiten, Möglichkeiten gegeben. Und es ist selbstverständlich, dass ich sie zum Besten gebrauche und einsetze und damit Gott diene, so wie ein Sklave, der ganz und gar von seinem Herrn abhängig ist, ihm dient und gefallen möchte. Uns erscheint das Bild vom Herrn und Sklaven befremdlich. Wer will schon Sklave sein? Und doch ist es eine Hilfe, um den wahren Größen-und Machtunterschied zwischen Gott und Mensch zu beschreiben. Ohne Gott wären wir nicht und nichts. Sklaven sind auf Gedeih und Verderb in der Hand ihres Herrn. Aber an dieser Stelle gibt es schon einen Unterschied zwischen irdischen Herren und Gott, dem Herrn. Denn der ist niemals auf unseren Verderb aus, sondern auf unser Gedeihen, dass unser Leben gedeihe, heil, gut, schön werde. Er ist darauf aus, nicht, dass unser Leben im Tod verderbe, sondern zum ewigen Leben hin gedeihe. Und zu gedeihendem Leben gehört eben auch, dass wir es zur Ehre und zur Freude seines Schöpfers gebrauchen und einsetzen.

Das Größen- und Machtverhältnis zwischen Gott und Mensch findet gleichnishaften Ausdruck im Bild vom Herrn und Sklaven. Es gehört aber zur Besonderheit von Gott, dem Herrn, dass er uns in ein bestimmtes Würde- und Wertverhältnis setzt; und das findet Ausdruck im Bild vom Vater und seinen Kindern. So lehrt Jesus uns denn ja auch beten: "Vater unser" (s. Lk.2; Mt 6,9). Wir sind Kinder des höchsten Herrn, Königskinder. Und schauen wir uns an, was für ein besonderer Herr Gott ist; er dient uns; er dient uns mit Leben, sogar mit ewigem Leben. Er dient uns durch seine Hingabe in Jesus. Er dient uns, indem er mit unserem Leben je eigene Gaben, Begabungen, Fähigkeiten, Möglichkeiten verbindet. Jede, jeder ist von ihm beschenkt. Und sollte es da nicht das Selbstverständlichste sein, dass wir aus diesen Geschenken das Beste, das Schönste, das Hilfreichste, das Lebenförderlichste machen? Ja! Triebfeder unseres Lebens und Handelns ist nicht, dass wir besonderen Verdienst, besondere Würdigung oder Auszeichnung von Menschen erlangen oder auch nur ein Dankeschön , sondern Triebfeder ist, mit allem, was wir sind und haben, Gott auszustrahlen; mit allen Gaben und Möglichkeiten, mit denen er uns dient, nun auch zu dienen zum Gedeihen des Lebens. Wir wollen einfach unserer Würde Ehre machen, dass wir Gott als einem Herrn gehören, der uns weder als Sklaven ansieht noch behandelt, sondern uns zu seinen Kindern gemacht hat für Zeit und Ewigkeit, zu Kindern, die mit ihm dem Gedeihen des Lebens dienen. Amen.

2011-02-27 Themapredigt zu: "Was bedeutet für mich der Glaube an Gott", zusammen mit dem deutschsprachigen Konfirmandenjahrgang (2.Sonntag vor der Passionszeit/Sexagesimae, 27.2.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

In diesen Tagen wird an vielen Orten Fasching gefeiert. Vorletzte Woche zum Beispiel auch in der Evangelischen Hunyadi-Schule, unserer Gemeindeschule. Die Klasse 4C trat dabei mit dem Thema auf: "Die Sklaven der Schule"/"Az iskola rabjai". Die Schüler und Schülerinnen hatten alle ein großes, dickes Buch, eine dicke Brille, einen Gelehrtenhut, wie man ihn an einer Universität oder einer Hochschule nach erfolgreichem Abschluss bekommt.

Manchmal kann das Leben in der Schule, aber auch sonst wirklich schwer und hart sein. Durch die Situationen und Umstände fühlen Menschen sich vielleicht getrieben, bedrängt und unterdrückt wie Sklaven. Man kann unter Druck stehen, auch in der Schule. Vielleicht sagen Eltern zu ihren Kindern: Wenn ihr eine Arbeit oder einen Text schreibt, dann sei ja nicht schlechter als eine (ungarische) 5 oder 4. Und sie sind vielleicht enttäuscht, sogar ärgerlich und wütend, wenn dann das Ergebnis doch schlechter ausfällt. Manchmal hat man selber schuld für schlechte Ergebnisse in der Schule oder auch sonst; manchmal erwischt man auch einfach einen "schlechten Tag", ohne genau zu wissen, warum das so ist; manchmal lernt man, arbeitet viel, strengt sich an, und dann ist das Ergebnis doch nicht so gut, wie wir es uns erhofft und gewünscht haben; aber Gott sei Dank - gibt es auch die Erfahrungen, dass Wünsche, Träume, Hoffnungen in Erfüllung gehen. Im Leben ist es wie in der Schule: die Noten, die wir Erlebnissen, Situationen, einem Tag oder auch uns selbst mit unserem Verhalten und Tun geben würden, können schwanken, eben zwischen 5, sprich "sehr gut", und 1, sprich "mangelhaft", "ungenügend", einfach "schlecht".

Die Schüler und Schülerinnen haben große, dicke Bücher gebastelt, wie zum Zeichen und halb Spaß, halb Ernst: manchmal haben Menschen schwer zu tragen, sei's in der Schule, sei's auf anderen Gebieten des Lebens. Manchmal fühlen sich Menschen wie Sklaven: unfrei, getrieben, gefangen.

Ich habe hier ein anderes Buch. Ihr, liebe Jugendliche der Konfirmandengruppe, kennt es in jedem Fall. Es ist ein Nachdruck der ersten Gesamtausgabe der Bibel, die Luther ins Deutsche übersetzt hat, erschienen 1534. Der erste Satz, den man dort am Anfang auf einer Illustration lesen kann, lautet: "Gottes Wort bleibt ewig". Nicht zuletzt durch biblische Geschichten, Erzählungen und Texte, spricht Gott sein Wort zu uns, zum Beispiel hier in der Kirche, im Konfirmandenunterricht, im Religionsunterricht in der Schule, wenn jemand einem anderen aus der Biblel vorliest, wenn man selber in ihr liest. Und immer wieder geschieht es dann: Menschen fühlen sich angesprochen. Sie werden, je nachdem, von Gottes Wort getröstet, gestärkt, ermutigt oder auch ermahnt und wachgerüttelt. Durch sein Wort nimmt Gott Beziehung zu uns auf, stiftet Verbindung zwischen sich und uns, oder anders gesagt: durch sein Wort erweckt Gott in uns den Glauben.

Wenn man mich fragt: Was für einen Glauben hat Gottes Wort in dir erweckt, dann könnte ich es zeichenhaft so zum Ausdruck bringen: (eine Kette zerreißen), will sagen: du bist kein Gefangener, du bist kein Sklave mehr. Zwei biblische Geschichten unterstreichen das in besonderer Weise: im Alten bzw. Ersten Testament wird erzählt und dann immer wieder Bezug darauf genommen: Gott hat sein Volk Israel aus der Sklaverei, aus der Knechtschaft in Ägypten befreit. Auch die Lesung von vorhin aus dem Prophetenbuch Jesaja ist eine Bezugnahme darauf. Denn da erleben Israeliten in der babylonischen Gefangenschaft neu ihren Gott, der für Freiheit sorgt, für gute, gehbare Wege in die Zukunft. Mit dem Prophetenbuch Jesaja gesprochen: "Unter Jubel werdet ihr den Weg in die Freiheit antreten, mit sicherem Geleit werdet ihr heimkehren". In Luthers Bibelübersetzung heißt es: "Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden" (Jes 55,12a).

Auch im Neuen Testament, dreht sich alles um eine Befreiungsgeschichte, um die Auferstehung Jesu, um seine Befreiung aus dem Tod durch Gott. Diese Geschichte gilt auch uns. Sie lädt uns zum Glauben ein: Glaubt, vertraut, dass Gott es gut mit euch meint!; glaubt, vertraut, dass ihr keine Sklaven, keine Gefangenen des Todes mehr seid. Es passieren schon Dinge, die wir nicht verstehen, die uns rätselhaft sind, die hart sind, aber verlorengehen, untergehen werden wir in solchen Situationen nicht. Unser Weg geht weiter, denn wir sind von Gott Befreite. Auch von der Sklaverei des Todes sind wir befreit. Das Gefängnis steht offen. Aus einer Sackgasse ohne vor und zurück ist durch den befreienden Gott Israels in Jesus ein Weg ins Leben geworden in die Weite und Freiheit der ewigen Welt hinein. Das sollen wir glauben, darauf sollen wir vertrauen. Wir sind Befreite zu einem neuen Leben, das Ewigkeitswert hat. In diesem Licht sollen wir uns sehen. - Wir haben von den Jugendlichen manches gehört, was für sie Glauben bedeutet. Einen Punkt möchte ich unbedingt noch hinzufügen, nämlich: Glauben bedeutet Freude. Er macht gelassen, heiter, fröhlich. Die Schüler und Schülerinnen trugen beim Fasching so einen Gelehrtenhut, einen Doktorhut. Man bekommt ihn manchmal nach anstrengenden, harten Zeiten, als Zeichen: Alles, der Weg, den man gegangen ist, hat sich doch gelohnt. Er führt zur Freude. Von Luther gibt es den Satz: "Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens", die höchste Auszeichnung, die den Glauben kennzeichnet. Überall in der Bibel finden wir Geschichten, die vermitteln: der Glaube, das Vertrauen zu Gott bringt Erfahrungen von Freude, von Lebensfreude mit sich. Und wer sollte sich eigentlich nicht freuen, wenn er oder sie hört: Gott liebt mich ewig; er führt sogar aus dem Tod heraus? Das ist Grund zur Freude, zu ewiger Freude. Amen.

Beiträge der Jugendlichen aus der Konfirmandengruppe im Vorfeld der Predigt

Was bedeutet für mich der Glaube an Gott?

Glaube bedeutet für mich, dass ich in die Kirche gehe und am Abend bete. Auch an Festen, wie zum Beispiel Weihnachten, gehe ich in die Kirche. Aber wenn ich nicht in die Kirche gehe, bete ich zu Hause.

Wir glauben an Gott. Wenn wir glauben, dann beten wir. Glauben ist für mich zum Beispiel Folgendes: wenn wir eine Aufgabe, eine schwere Aufgabe bekommen, dann glauben wir, dass wir sie meistern können, weil Gott mit uns ist. Wenn wir an Gott glauben, dann schützt er uns vor dem Schlechten. Wir können aber nicht nur an Gott glauben; das Wort hat auch andere Bedeutungen.

Glauben bedeutet für mich, Gott zu vertrauen. Glauben bedeutet für mich, von Gott beschützt zu werden. Glauben bedeutet für mich, an Gott zu denken. Glauben bedeutet für mich, vor Gott Respekt zu haben. Glauben bedeutet für mich, nur einen Gott zu haben. Glauben bedeutet für mich, dass es Gott gibt.

Für mich bedeutet der Glaube, dass, wenn ich Probleme habe, die ich mit meinen Freunden und Eltern nicht diskutieren kann, ich mich an Gott wenden kann.

Glauben bedeutet für mich, dass Jesus als ein Mensch, der für uns gestorben ist, unsere Sünden und schlechten Taten vergibt. Alle Menschen machen in ihrem Leben Dummheiten. Aber der Herr vergibt sie uns. Dafür danken wir Gott und lieben ihn. Gott ist bei uns. Zum Glauben gehört, dass wir in die Kirche gehen und beten. Für schlechte Taten bitten wir um Entschuldigung.

2011-03-06 Predigt zu Lk 10,38-42 (Sonntag vor der Passionszeit, Estomihi, 6.3.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

"Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen", so lautet eine grundlegende Aussage in der Benediktiner-Regel; der Satz gilt sicherlich nicht nur für Mönche und Nonnen. Zwischen der Aussage, dass der Gottesdienst die erste Stelle im Leben haben möge, und der Wirklichkeit besteht aber oft eine mehr oder weniger große Kluft. Menschen können sich Vieles einfallen lassen, warum sie nicht zum Gottesdienst gehen oder zu anderen Gegebenheiten, Gelegenheiten in der Gemeinde, wo Gott und seinWort zur Sprache kommen. Zu den Gründen, die insbesondere von Frauen vorgebracht werden, gehört immer wieder der Haushalt, die dort zu erledigenden Aufgaben, das Kochen, Gäste, die zu bewirten sind. Das ist nicht neu. Auch der Predigttext erzählt von solchen Dingen. Da kommen Jesus und seine Jünger ins Haus der Martha und Maria, und schon legt die eine von beiden los, wie wir hören: "Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen" (Lk 10,40). Sie möchte eine gute Gastgeberin sein; Jesus soll sich in ihrem Hause wohlfühlen! Kochen, für Speis und Trank zu sorgen, ist auch ein Zeichen der Wertschätzung der Gäste, man möchte ihnen Gutes tun. Martha strengt sich an, wirft sich ins Zeug, während sich ihre Schwester Maria zu Jesus setzt und seiner Rede zuhört. Martha ist aktiv, tut was, Maria legt gewissermaßen die Hände in den Schoß, so scheint es. Ist es wirklich so? Wirklich zuhören und sich vom Gehörten prägen und bewegen zu lassen, kann man aber vielleicht auch Aktivität nennen. - Es wird Martha verwundert, vielleicht auch gekränkt, geschockt haben, als Jesus auf ihren Protest hin über das Verhalten ihrer Schwester für diese Partei ergreift: "Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden" (Lk 10,42). Der Schock soll ein heilsamer sein, zum Nachdenken anregen, möglicherweise notwendige Veränderungen in der Art und Weise des Lebens einleiten. Ich nenne mal ein paar Punkte, die mir mit Blick auf die kurze, aber mehrfach anregende Geschichte in den Sinn kamen. In ihr heißt es, dass sich Martha "viel zu schaffen" machte. Warum "viel"? Warum reicht es nicht, sich nur "einfach" zu schaffen zu machen? (Lk 10,40). Wäre das nicht genug und für alle Beteiligten besser? Ich denke, wir alle kennen Beispiele folgender Art: da kommt Besuch, und insbesondere die Hausfrau wirbelt los und stellt in der Küche was auf die Beine an Essen und Trinken. Es kann dabei aber auch stressig werden, wenn Familienangehörige, siehe Maria in unserer Geschichte, nicht so mitziehen, nicht helfen, wie man es sich vorstellt. Und dann später ist der Tisch voll, oft eigentlich übervoll. Die Gäste essen, um nicht unhöflich zu erscheinen, mehr als eigentlich ausreichend und gut für sie wäre, und manches bleibt übrig, das schließlich sogar weggeworfen wird. Kann das der Sinn sein von dem, dass man sich „viel zu schaffen macht”? Kann man nicht auch mit Gästen eine ganz normale Mahlzeit einnehmen, wie man sie sonst selber isst und die auch gut ist, satt macht und stärkt? Ich glaube, Jesus hätte sich auch darüber gefreut, wenn Martha ihm ganz schnell, aber doch mit Liebe, Brot, etwas Obst, Wein und Wasser hätte zukommen lassen, mit ihm, den Jüngern, ihrer Schwester geteilt hätte bei einem schönen Gespräch.

Nun aber macht sich Martha "viel zu schaffen". Eigentlich ist auch nicht das "viel" das Problem. Wenn sie es denn so will. Aber dann soll sie sich auch nicht beschweren. Doch das tut sie: "Herr", so sagt sie zu Jesus, "fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!" (Lk 10,40). Nun ist es schon nicht gut, wenn man sich indirekt beschwert, statt ein Problem direkt mit dem Menschen zu besprechen und zu lösen, mit dem man es hat. Hier aber sucht Martha Jesus als ihren Verbündeten, um ihre Schwester und deren angeblich untätiges und unpassendes Verhalten bloßzustellen und zu verurteilen.

Marthas Beschwerde zeigt aber noch etwas anderes: sie scheint selbst nicht zufrieden, glücklich zu sein mit ihrer Rolle "sich viel zu schaffen" zu machen da im Haushalt, mit Essen und Trinken. Vielleicht ist sie gar neidisch auf ihre Schwester und würde so gern auch selbst, wie Maria, mit Jesus zusammensitzen, um seiner Rede zuzuhören. Und sie könnte es so einfach; sie müsste nur das Verhältnis, hier das Ungleichgewicht zwischen Schaffen einerseits und Hören auf Gottes Wort, ausgerichtet durch Jesus, andererseits verändern. Sie könnte als eine Möglichkeit zum Beispiel auch sagen: Kommt, wir hören zu allererst Jesus zu, das ist das Wichtigste, und dann tragen wir alle, gemeinsam Brot, Obst, Wein, Wasser und vielleicht noch anderes zusammen, um nach der Seele auch den Leib zu stärken. Wenn Menschen geschäftig sind, sei's im Haushalt, sei's anderswo, und deswegen den Gottesdienst bleiben lassen, erklären sie das vielleicht mit der doch auch gottgefälligen Nächstenliebe. Aber es kann sein, dass man Menschen gerade keinen Gefallen tut, wenn man ihretwegen den Gottesdienst ausfallen lässt und auch keine Einladung ausspricht: "Am liebsten würde ich mit euch zusammen hingehen. Kommt doch mit!" Und selbst wenn sie es nicht wollen, so ist doch mein eigenes Hingehen ein Zeichen und Bekenntnis, dass für mich Gott und nicht die Geschäftigkeit in der Küche oder anderswo an der erster Stelle steht, denn durch Gott und sein Wort lebe ich, es gibt mir Orientierung und Kraft, es befreit mich zur Liebe und spricht mir ewiges Leben zu. Ob das meine Gäste und andere, für die ich meine, geschäftig sein zu müssen, nicht auch erfahren sollten? "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht" (Mt 4,4, s. 5 Mose 8,3). Gerade auch im Gottesdienst will Gott durch Menschenwort hindurch zur Sprache kommen und uns anreden. Der Gottesdienst ist eine besondere Stunde. Essen und Trinken können wir früher oder später immer noch. Das lässt sich regeln.

"Dem Gottesdienst ist nichts vorzuziehen", das zeigt sich auch in der Geschichte von Martha und Maria. Martha möge ihren an sich schätzenswerten, hingebungsvollen Dienst für die besondere Zeit einstellen, wo Jesus im Haus ist, um sich von ihm dienen zu lassen, damit auch ihr Leben durch Gottes Wort erfrischt und gestärkt werde, Halt, notwendige Erneuerung, gute Ausrichtung und die Gewissheit ewiger Geborgenheit gewinne. Wie der Körper, so muss auch die Seele beständig ernährt werden. Wobei die Seelennahrung uns weiterbringt und weiterträgt als jedes leibliche Essen und Trinken. Seelennahrung trägt uns bis in den Himmel, in die Ewigkeit hinein; sie macht uns unsterblich.

Und so hat Maria "das gute Teil erwählt" (Lk 10,42), inden sie alles andere, zum Beispiel Küche, Haushalt, Geschäftigkeit, für eine Zeit, zu einer heilsamen Unterbrechung bleiben lässt, um sich zu Jesus zu setzen und seiner Rede zuzuhören. Jesus macht Marthas und Marias Haus durch seine Gegenwart zu einem Gotteshaus. Und wir heute hier in der Kirche rechnen auch damit, dass Jesus uns besucht, gegenwärtig ist durch Gottes Geist und uns anredet durch Worte von Menschen hindurch. Wenn Jesus redet, dann hören wir vom hingebungsvollen Gott, der uns dient, damit wir seiner ewigen Freundschaft vergewissert und heile, heilvollere, heilsamere Menschen werden. Das ist das Wichtigste, für alles andere, was nötig ist, wie Essen und Trinken, wird sich auch noch Zeit finden. Amen.

2011-04-17 Predigt zu Mk 14, 3-9 (6. Sonntag der Passionszeit, Palmarum, 17. 4. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

"Die Kirche ist doch reich!" - so kann man öfter hören. Und fürwahr, man muss gar nicht in die Ferne schweifen, um Beispiele zu finden, die belegen: in vielen Kirchen stecken Schätze, Kostbarkeiten. Auch in unserer Kirche hier, zum Beispiel der Altar, die Kanzel, die Orgel. So lange ist es gar nicht her, da wurden Altar und Orgel für Millionen Forint, für mehrere tausend Euros renoviert. Hätte man das Geld, um einen Gedanken des Predigttextes aufzunehmen, nicht lieber verwenden sollen, um Armen zu helfen? (s. Mk14,5) Was ist wichtiger: so ein Altar, die Orgel oder andere wertvolle Einrichtungsgegenstände einer Kirche, oder die Hilfe für arme, für bedürftige Menschen? Was ist wichtiger, sprich jesusnäher, unserer Nachfolge Jesu angemessener? -
Oder nur ein paar Meter weiter von hier: da befinden sich im Evangelischen Museum zum Beispiel kostbare Gefäße, Teller, Kelche. Sollten wir die nicht lieber sprichwörtlich "versilbern" "und das Geld den Armen geben"? (Mk 14,5) Wer in das Museum geht, kann folgende Entdeckung machen: da gibt es so einige Gegenstände, die eine große Menge an Geld bringen würden, da stößt man aber auch auf Menschen dieser Gemeinde, von denen berichtet wird: als Einzelpersonen oder organisiert als Verein der Kirchengemeinde haben sie ganz praktische, tatkräftige Hilfe geleistet. Christoph Lackner, der begabten, aber armen jungen Menschen durch ein Stipendium ein Studium ermöglichte, Frauen und Männer, die dafür sorgten, dass Bedürftige zu essen bekamen oder wie die anderen bei der Konfirmation einen schönen Anzug. Ich muss mich immer wieder mal an einen Bericht aus dem südlichen Amerika erinnern. Da leben Menschen in bescheidenen, ja ärmlichen Verhältnissen, aber ihre Kirche war das schönste Bauwerk vor Ort. Dafür gaben selbst diejenigen, die nur wenig hatten, etwas. Das Gotteshaus sollte glänzen, strahlen, auch durch kostbare Gegenstände, als ein Zeichen der Herrlichkeit Gottes, des Lichtglanzes Gottes in der Welt, als Anziehung an den Ort, wo die Botschaft vom Sieg des Lichts über die Finsternis, des Lebens über den Tod verkündigt und gefeiert wird. Im Predigttext salbt eine Frau Jesus mit "kostbarem Nardenöl" (Mk 14,3). Und sie löst heftige, verärgerte Reaktionen aus. Vielleicht schon deshalb, weil sie ungefragt in eine Tischgesellschaft einbricht, zu der möglicherweise nur Männer gehören, und den vorgesehenen Ablauf stört. Ausdrücklich aber wird ihr Verschwendung, ja eigentlich Hartherzigkeit gegenüber bedürftigen, armen Menschen vorgeworfen. Und so heißt es in der Runde: "Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben." (Mk 14,5) 300 Silbergroschen, das sind 300 Tagelöhne, also ein Betrag, von dem eine Familie rund ein Jahr leben konnte. Man kann vermuten: die Frau hat ihr ganzes Vermögen in das Öl gesteckt, mit dem sie Jesus salbt. In der Runde wirft man ihr Hartherzigkeit gegenüber den Armen vor, Jesus empfindet: Gerade diese Frau lässt ihr Herz sprechen. "Sie hat ein gutes Werk an mir getan." (Mk 14,6)

Natürlich soll ein Mensch seine Möglichkeiten, auch die finanziellen, nicht vergeuden, nicht verschwenden, nicht für Unnützes ausgeben. Die Leute da in der Tischgesellschaft zeigen verärgert, zornig, gewissermaßen mit dem Finger auf die Frau. Vorwurf: Vergeudung von Geld, dass man anders, sprich für die Armen, hätte einsetzen können. Solche Kritik lässt sich ja schnell äußern. Jesus weist allerdings auf einen problematischen Punkt hin: Wenn ihr, die ihr die Frau wegen angeblicher Hartherzigkeit, wegen Lieblosigkeit gegenüber den Armen kritisiert, wie steht es mit eurem eigenen Einsatz zugunsten bedürftiger, zum Wohle armer Menschen. Dass die Leute der Tischgesellschaft, die das Verhalten der Frau kritisieren, vermutlich selbst nicht unvermögend waren, spiegelt sich in Jesu Reaktion auf ihre Kritik wider: "Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun." (Mk 14, 7) Aber wollen sie, wollen wir, wenn es uns möglich ist, helfen? Man kann immer wieder die Beobachtung machen, dass Menschen genau zu wissen meinen, was andere tun müssten, um die Welt besser zu machen, zum Beispiel durch Hilfe für Arme, doch diese Menschen verändern an ihrem eigenen Leben kein bisschen, um zu einer besseren Welt beizutragen.

Im Blick auf den Predigttext stellt sich vor allem aber auch die Frage: Wer ist denn der Arme in der konkreten Situation? Wer ist am ärmsten dran? Es ist Jesus, für den die Situation in Jerusalem gefährlich, lebensgefährlich wird. Einige trachten ihm nach dem Leben. Unmittelbar vor unserem Predigttext ist davon ausdrücklich die Rede. (s. Mk 14,1) Wie mag sich ein Mensch fühlen, der ahnt, dass er in großer Gefahr schwebt, ja, dass Leiden und Tod drohen? Ungewissheit, Angst kriechen hoch. Die Frau scheint die einzige zu sein, die ein Gespür für Jesus und seine schmerzliche Situation hat. Die einen führen eine eher theorethische Diskussion über Arme, die Frau steht konkret dem Ärmsten am Tisch bei und wendet sich Jesus voller Mitgefühl zu. Sie zeigt, wie kostbar, wieviel wert ihr dieser Mensch ist, dem schlimmstes, furchtbarstes Leiden und Tod unmittelbar bevorstehen. Alles, was sie hat, ist sie bereit zu geben, um Jesus zu trösten und mitmenschliche Nähe spüren zu lassen. Und so salbt sie ihn "mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl". (Mk 14,3) Das Beste, was sie zu geben vermag, gibt sie Jesus, setzt sie für ihn ein.

Mit Blick auf Gott und Jesus leben wir vielfach in der Haltung: Was kann Gott, was kann Jesus für uns tun? Die Frau in der Geschichte eröffnet uns noch einen anderen Blickwinkel, die Frage nämlich: Was können wir für Gott, für Jesus tun? Die Frau bekennt sich zu Jesus und dem ihn erfüllenden und bewegenden Gott, sie stellt sich ihm zur Seite, setzt sich für ihn ein als Mensch und mit allem, was sie hat.

Nicht zuletzt wurden Könige gesalbt. Und so mag in Jesu Salbung durch die Frau auch mitschwingen, welche Würde sie ihm beimisst. Dieser Mensch, dem Leiden und Tod unmittelbar bevorstehen, ist ein König. Ein König, durch den Gott sein Reich baut durch Liebe und Hingabe, ein König, durch den Gott uns und der Welt und dem Leben zugute herrscht, ein König, der für uns sogar in den Tod geht zur Unterstreichung der Größe seiner Liebe.

Jesus sagt mit Bezug auf die Frau: "sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis". (Mk 14,8) Die Salbung weist auf Jesu nahen Tod hin. Zugleich aber verströmt das Öl angenehmen, lieblichen Duft und wirkt als Hoffnungszeichen, dass Duft des Lebens stärker sein möge, als die Gerüche des Todes. Und so kommt es ja auch. Voller Hingabe hat die Frau ein Zeichen des Trostes, des Mitgefühls, des Beistands, der Wertschätzung, der Hoffnung auf den Sieg des Lebens gesetzt. Und so hören wir Jesus sagen: "Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat." (Mk 14,9) Das Evangelium, die Frohe Botschaft, zugleich die froh machende Botschaft wird gepredigt "in aller Welt", weil Jesu Leiden und Tod nicht das letzte Wort haben.

Die Frau hat den gesalbt, in dem sich Gott ganz und für uns hingibt und den Tod sprengt, auf dass das Leben blühe, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

2011-04-21 Predigt zu Mk 14, 17-26 (Gründonnerstag 21. 4. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Wer einmal vergleicht, wie in den vier neutestamentlichen Evangelien von Judas gesprochen wird, kann folgende Beobachtung machen: je jünger ein Evangelium ist, desto negativer ist Judas dargestellt. Das älteste Evangelium ist Markus, um das Jahr 70 entstanden, und dann folgen Matthäus, Lukas und schließlich als jüngstes das Johannesevangelium, entstanden um das Jahr 100. Noch einmal: je jünger ein Evangelium ist, desto negativer ist Judas dargestellt. Johannes und Lukas als die beiden jüngsten sprechen von ihm als einen Menschen, in den der Satan gefahren ist, den also der Teufel beseelt und antreibt. So ist Judas zum Symbol des abgrundtief bösen, schlechten, verruchten Menschen geworden., was manche auch dazu verleitet hat, zu meinen: Seht Judas an, dann wisst ihr, wie die Juden sind. Es gibt Abendmahlsbilder in einigen Kirchen, auf denen Jesus nur mit elf Jüngern zu sehen ist. Judas ist ausgeschlossen, wie zum Zeichen: mit dem will keiner mehr zu tun haben, weder Gott noch Menschen. Er hat sich außerhalb der Gottes- und Menschengemeinschaft gestellt.

Vor dem skizzierten Hintergrund ist es anregungsreich, wie das älteste der Evangelien, Markus, im heutigen Predigttext von Judas spricht.

Für uns ist er der Verräter. In Luthers Übersetzung des Predigttextes hören wir Jesus sagen: "Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten" (Mk 14,18). Allerdings "verraten" steht im griechischen Urtext nicht; das Wort, das da zu finden ist, ist dem griechischen Wort für "verraten" zwar recht ähnlich, aber es bedeutet "übergeben", "überantworten". So sehr sich Judas als Verräter auch in unser Denken eingeschliffen hat, Markus spricht im griechischen Urtext von ihm nicht als einem, der Jesus verrät, sondern der Jesus an die Tempelpolizei bzw. römische Soldaten übergibt, überantwortet. Das ist doch ein gewisser Unterschied. Im Predigttext wird Judas Name nicht genannt. Warum nicht? Könnte es sein, dass Judas für uns alle steht als Menschen, die wieder und wieder in der Gefahr stehen, sich zu verhalten, als würden sie Jesus gar nicht kennen und nichts mit ihm zu tun haben? Als Jesus in der Tischrunde, beim Mahl mit seinen Jüngern ankündigt, dass einer von ihnen ihn an die ihm gegnerisch gesonnene Seite überantworten wird, ist die Reaktion folgende: "Und sie wurden traurig und fragten ihn, einer nach dem anderen: "Bin ich's?" Also: da gibt es keine Empörung über einen angeblichen Verräter, sondern die Reaktion ist Traurigkeit und alle Jünger fragen sich selbstkritisch "Bin ich's?", als ob jeder in der Gefahr steht, sich von Jesus loszusagen und zu trennen. Und wenn das schon gilt für den Kreis derer, die als Erste mit ihm unterwegs waren und ihn direkt kannten, wie sehr mögen dann wir Heutige in der Gefahr stehen, nicht zu Jesus zu halten und uns zu ihm zu bekennen?

Von dem, der ihn "übergeben", "überantworten" wird, sagt Jesus: "Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre" (Mk 14,21). Man kann das als harsches Urteil verstehen, das die Ungeheuerlichkeit des Verhaltens von Judas unterstreicht; denn was Judas da tut, bringt Jesus geradewegs ins Leiden und zum Tod am Kreuz.

Man kann Jesu Aussage allerdings auch verstehen als Ankündigung größter Verzweiflung des Judas über sein Leben, indem er erkennt, was er angerichtet hat, dass er seinen Freund ins Leiden, ans Kreuz ausgeliefert hat.

Es gibt die Vermutung, dass Judas Jesus nicht aus böser Absicht ausgeliefert hat, sondern in der Erwartung, Jesus werde seine ganze Macht zeigen, wenn man ihn festnehmen würde. Das würde er doch nicht zulassen, sondern als Messias, als Christus die himmlischen Heerscharen herbeirufen und mit himmlischer Macht die unterdrückerischen Römer aus dem Lande werfen und der Tätigkeit ihrer einheimischen Unterstützer das Ende bereiten. Doch es kommt anders. Jesus greift nicht zur Gewalt, er erleidet sie, nimmt sie auf sich.

Was auch immer Judas zur Auslieferung Jesu bewogen haben mag, eines hält der Predigttext fest: obwohl Jesus um seine Auslieferung weiß durch einen aus seinem engsten Anhängerkreis, stellt er niemanden, eben auch Judas nicht, bloß oder an den Pranger. Sondern mit allen ohne Ausnahme feiert er das Abendmahl. Keiner ist ausgeschlossen. Allen, auch Judas, gibt sich Jesus in Brot und Wein hin aus Liebe. Von sich aus stiftet und hält Jesus Beziehung zu allen, sogar ewige Beziehung. Denn das Abendmahl, auf Erden, in Jerusalem eingesetzt, findet himmlische Fortsetzung: "Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes" (Mk 14,25).

So stiftet und hält Jesus durch das Abendmahl nicht nur Gemeinschaft mit schuldig werdenden Menschen, sondern indem seine Geschichte durch Gottes Eingreifen weitergeht, wird so auch die Schuld des Judas, die Jesus in den Tod gebracht hat, und die Schuld aller Menschen überwunden. Nicht die Schuld des Judas, die Jesus in den Tod bringt, behält das letzte Wort, sondern die Liebe Gottes, die Jesus auferweckt. Und so haben wir auch eine ewige Zukunft, denn Gottes Beziehung zu uns schuldig werdenden Menschen durch Jesus, besiegelt im Abendmahl als Zeichen, bleibt, wird auch nicht durch den Tod zerstört.

Und so hat selbst Judas, selbst wenn er der böseste Mensch gewesen sein sollte, eine Chance. Denn die Geschichte Jesu ist zwar eine, in der auch viele Menschen, wie auch Judas und Pontius Pilatus, eine Rolle spielen, aber die Hauptrolle spielt Gott. Und er spielt sie so, dass sie sich als Heilsgeschichte, eine Geschichte ewigen Heils für uns und die Welt erweist. Und es kann gut sein, dass am tiefsten diese Geschichte Leute verstanden haben wie die Gestalter einer Kirchentür in Frankreich: auf ihr findet sich eine Darstellung, die Judas zeigt, wie er, auch er, von Engeln in den Himmel gehoben wird. Jesus hat auch mit ihm das Abendmahl gefeiert, sich in Brot und Wein auch für ihn hingegeben. Amen.

2011-04-22 Predigt zu Lk 23, 33-49 (Karfreitag, 22. 4. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Schon seit einigen Jahren gibt es in verschiedenen Ländern immer wieder Streit ums Kreuz. Eltern ziehen vor Gericht mit der Forderung, dass Kreuze in Klassenzimmern staatlicher Schulen abgehängt werden. Den einen ist das Kruzifix, also ein Kreuz mit der Gestalt des leidenden Jesus, ein zu blutiges, zu grausames Symbol; andere, die meisten, begründen ihre Forderung damit, dass der Staat weltanschaulich, und damit auch in Religionsfragen, neutral zu sein habe. In eine staatliche Schule gehen ja auch Kinder, die nicht dem christlichen Glauben oder vielleicht gar keiner Religion angehören. Einen Höhepunkt erreichte der Streit ums Kreuz, als eine Frau aus Italien sogar vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zog, um die Abhängung der Kreuze in Klassenzimmern zu fordern. "Sie empfand es als unzumutbar, dass ihre beiden Söhne unter dem Kreuz lernen mussten." Der für 47 Länder mit seinen Urteilen verbindliche Menschenrechtsgerichtshof gab 2009 in erster Instanz der Frau Recht. Viele in Italien waren entsetzt. Jetzt dürfte sich die Situation etwas beruhigt haben, denn letzten Monat, am 18. März, entschied das Gericht in zweiter und letzter Instanz im Revisionsverfahren, dass die Kreuze hängenbleiben dürfen; das stünde in der Verfügung jedes einzelnen Landes.

Ja, die Emotionen waren hochgegangen in der Kreuzesfrage; mancher war vermutlich richtig zornig und wütend über die Forderung der Frau. Soll sie doch wegziehen aus Italien, wo eine Mehrheit als Christen die Kreuze in Klassenzimmern auch staatlicher Schulen gutheißt, so mögen einige gedacht haben. Was hätte Jesus gesagt, wenn es zur Abhängung der Kreuze wirklich gekommen wäre und damit vermutlich zur Entladung von noch mehr Wut, vielleicht gar Hass, gegenüber der das fordernden Frau? Ich denke, er könnte auch in diesem Fall sagen: "Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!" (Lk.23,34) Vater, vergib der Frau, die die Abhängung der Kreuze gefordert hat; vergib dem Gericht für sein Urteil die Kreuze abzuhängen; vergib denen, die den Richtern und vor allem der Frau mit Zorn und Verachtung gegenüberstehen.

Glauben Sie mir, glaubt mir, Jesus und der Glaube wäre auch durch die Abhängung der Kreuze nicht untergegangen. Gleichwohl glaube ich auch, dass diejenigen, die es fordern, unterstützen und ermöglichen, nicht wissen, was sie tun.

Wie schon angesprochen: zumeist wird die Forderung nach Abhängung von Kreuzen in staatlichen Schulen oder überhaupt in staatlichen Einrichtungen mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates begründet. Er müsse für alle Menschen im Lande in gleicher Weise da sein, unabhängig von dem, was sie denken und glauben; er dürfe darum auch keiner Religion einen Vorzug geben. Das Problem, das ich in diesem Zusammenhang sehe, ist: es gibt keine weltanschauliche Neutralität eines Staates, einer Gesellschaft. Jeder Staat, jede Gesellschaft basiert auf einem Wertesystem. In jedem Staat, in jeder Gesellschaft muss man überlegen und auch entscheiden, auf welcher Grundlage Menschen zusammenleben, welche Werte ihr Verhalten, ihr Leben prägen sollen. Jeder Mensch, jede menschliche Gesellschaft braucht eine Richtung, in die sie gehen will. Nicht alle Werte sind gleich gut. Und darum kann es keine Neutralität einer Gesellschaft, eines Staates geben. Menschen müssen sich für die besten Werte entscheiden.

Ich glaube, das Beste, was uns passieren, was uns zukommen kann, drückt sich auch im heutigen Predigttext aus, nämlich eine Liebe, die ohne Wenn und Aber zu uns Menschen steht und hält. Und solcher Liebe begegnen wir am Kreuz Jesu; sie kommt von oberster Stelle, sie kommt von Gott selbst und schreibt selbst die grausamsten, die bösesten Menschen nicht ab; sie wünscht keinem die Hölle, aber allen den Himmel; sie will für keinen den Tod, aber für alle das Leben. Die Großartigkeit, die Unsterblichkeit der Liebe Gottes kommt durch Jesus zum Ausdruck, wenn er selbst für die, die ihm schlimmstes Leid zufügen, bittet, betet: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!” Der himmlische Vater wird seinem ihm gleichenden Sohn diese Bitte nicht abschlagen. Die Liebe des Sohnes ist die Liebe des Vaters. Trotz allem, was wir Menschen gerade auch an schrecklichen, schlimmen Seiten an uns haben, Gott hält uns nicht für unverbesserlich, er schreibt uns nicht ab, er eröffnet verfehltem Leben die Zukunft, sogar himmlische Zukunft. "Wer kommt in den Himmel?" Diese Frage bildete unlängst ein Wunschthema in einer Klasse. Eine Antwort bietet der Predigttext. Jedem steht der Himmel offen. Dazu muss man, wie es scheint, noch nicht einmal ein ausgefeiltes Glaubensbekenntnis zu Jesus ablegen. Der eine der beiden Mitgekreuzigten erkennt mit Blick auf Jesus den Unterschied, wie sein Leben hätte sein können und wie es tatsächlich gewesen ist; er erkennt mit Blick auf Jesus: sein Kreuz ist Strafe für böses Tun, an seinen Händen klebt Blut, Jesu Kreuz ist Hingabe aus Liebe, denn „dieser aber hat nichts Unrechtes getan” (Lk 23,41). Auf diese Liebe setzt der Mitgekreuzigte, der das sagt, seine ganze Hoffnung und bittet: "Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!" (Lk. 23,42) Die Liebe lässt den Bösen nicht fallen. Sie nimmt ihn mit auf ihren Weg, der himmelswürdig ist. Und so antwortet Jesus auch dem Übeltäter: "Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst Du mit mir im Paradies sein" (Lk 23,43).

Jesus spricht ihm die Zukunft zu, an die er selbst glaubt. Es gibt Erfahrungen genug, die den Glauben von Menschen erschüttern können. Jesus glaubt nicht, dass das, was uns dunkel, unverstehlich, rätselhaft erscheint und schwer zu ertragen ist, auf den Tod hinausläuft. Sein Blick ist nicht fixiert auf das Leiden , den Tod, sondern er schaut auf Gott, er wirft sich Gott auch angesichts von Leiden und Tod in die Arme. "Und Jesus rief laut" - laut, damit es alle hören können, damit es in die Welt klingt: "Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!" (Lk 43,46) Es ist das der Ausdruck größten Vertrauens, dass - egal, was geschieht, Gott das Leben hält und trägt und alles gut macht, zum Besten führt.

An Jesu Kreuz begegnen wir der Hingabe Gottes, unsterblicher Liebe, die uns und der Welt heilvolle Zukunft eröffnet jetzt und in Ewigkeit. Darum gehört das Kreuz, Gottes Hingabe in Jesus uns zugute, in alle Räume des Lebens. Alle Räume mögen von dieser unsterblichen Liebe Gottes erfüllt sein, erfüllt werden, für die das Kreuz Zeichen ist. Amen.

2011-04-23 Ansprache zu Jona 2 auf dem Evangelischen Friedhof von Sopron/Ödenburg (Karsamstag, 23. 4. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Katsushika Hokusai, so heißt ein berühmter japanischer Maler und Meister des Farbholzschnitts; er wirkte in der 2. Hälfte des 18. und 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eines seiner bekanntesten Werke trägt den Titel "Die Welle". Es zeigt kleine Boote und eine Riesenwelle, die sich über ihnen auftürmt. Wie sich die Boote da an die Welle schmiegen, sollten sie ursprünglich japanischen Gleichmut symbolisieren, mit dem man auch größte Gefahren durchschifft. Spätestens seit dem Tsunami vom 11. März und allen Folgewirkungen ist man aber geneigt, die Welle als zerstörerisches Ungeheuer zu deuten, das nach allem greift und alles verschlingt, was ihm im Weg steht.

Vom ungestümen Meer und seinem Wüten ist auch im Vorfeld der gerade gehörten Worte aus dem Prophetenbuch Jona die Rede. Das brausende Meer, das tosende Wasser kann bis heute ein Symbol für Bedrohung, Not, Lebensgefahr sein, wie Redewendungen erweisen: "Das Wasser steht mir bis zum Hals", so kann man beispielsweise sagen, oder dass etwas wie eine Flut über einen gekommen sei; "Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben" (Jona 2,6), so heißt es in einem Satz des Predigttextes.

Wasser ist einerseits Segen, es kann aber auch bedrohliche Macht sein. Für beides finden sich manche Beispiele auch in der Bibel. Im Jona-Buch wird der Prophet Jona, der vor Gott und seinem Auftrag wegläuft und auf ein Schiff flieht, schließlich ins tosende Meer geworfen. Er selbst bittet die Seeleute darum, weil er erkennt: im Sturm, im brausenden Meer greift Gott nach ihm, der "Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat" (Jona 1,9). Den sicheren Tod hat Jona vor Augen. Von Gott weggehen, vor Gott fliehen, bedeutet Tod, Untergang. Und zu allem Unglück kommt da noch der große Fisch, das sichere Ende, die letzten Augenblicke im Leben eines Menschen. Doch der große Fisch ist nicht das, wonach er aussieht: Bedrohung und Tod. Er entpuppt sich gewissermaßen als eine Art Rettungsboot. Ja Gott mag Sturm, Wellen, tosendes Meer im Leben eines Menschen zulassen oder gar schicken, aber er schickt das Rettende auch. Vielleicht ist das Rettende geradezu verborgen in dem, was den Tod zu bringen scheint, wie der rettende Fisch im tosenden, wilden, tödlichen Meer.

Nach und nach ahnt auch Jona, dass Gott, so "wild" er sich auch durch den Sturm zeigen mag, nicht sein Verderben, nicht seinen Tod im Blick hat und will, sondern seine Rettung und sein Leben. Das zeigt sich in dem Lied, dem Psalm des Jona da mitten im Bauch des Fisches. Am Anfang heißt es: "Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst" (Jona 2,3), am Ende hören wir: "Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN, der mir geholfen hat" (Jona 2,6). Viele Psalmen der Bibel bringen ausdrücklich die Erfahrung eines Umschwungs von der Not zu Hilfe und Rettung zum Ausdruck. Ja, dass Rettung und Hilfe sich Bahn brechen, so groß auch Gefahr und Not sein mögen, schafft sich in der hebräischen Bibel dadurch Ausdruck, dass das ganze Buch der Psalmen, in dem alle Lebenssituationen von Menschen zur Sprache kommen, den Titel trägt: "Buch der (Lob-)Preisungen". Den rettenden Gott lobpreist auch Jona im Verlauf seines Liedes mehr und mehr: "Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott!" (Jona 2,7), so hören wir. Und zum Schluss, sozusagen als Schlusswort: "Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem HERRN, der mir geholfen hat" (Jona 2,10). Dass sich Freude durchsetzt über die Not, das Leben über den Tod triumphiert, das signalisiert auch eine Überschrift, die einmal einer Nacherzählung der Jona-Geschichte gegeben wurde; sie lautet unter Anspielung auf Jonas Psalm: "Und der ganze Fisch war voll Gesang". Im Neuen Testament spricht Jesus mit Blick auf das eigene Geschick vom "Zeichen des Propheten Jona"(Mt 12,39): "Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein" (Mt 12,40). Am Ende muss sie Jesus wieder hergeben. "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube", spricht nicht das letzte Wort. Nicht das Dunkel des Grabes ist die Endstation, genauso wenig wie das Dunkel im Bauch des Fisches bei Jona. Denn "der HERR sprach zu dem Fisch und der spie Jona aus ans Land" (Jona 2,11). Jona kommt aus dem Dunkel ins Licht. Er ist gerettet. Das Leben geht weiter. Ja, es gewinnt sogar eine neue Dimension, wenn es hier auf Erden seine Grenze erreicht. Gott steigert es zur himmlischen, zur ewigen Vollendung. Die Totenklage des Karfreitags führt er zum Lobgesang der in der Zeit und Ewigkeit zum Leben Befreiten. Der Tod muss Jesus hergeben wie der Fisch Jona hergeben musste auf Gottes Geheiß. Jesus kommt ans rettende Ufer der ewigen Welt, wo kein Sturm, kein brausendes und wildes Meer das Leben mehr bedroht. "Das Meer", als Symbol von Untergang und Tod, "ist nicht mehr"(Offb.21,1), so heißt es ausdrücklich im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes. Sondern das neue Leben, das Gott ermöglicht und seinen Kindern schenkt, wird gefeiert. Auf dem Weg zur Vollendung des Lebens, nicht zu seinem Untergang, sind wir. Der rettende und helfende Gott Israels hat ihn uns eröffnet und bahnt ihn uns, bis wir ganz im Lichte stehen und aller Sturm, alles Meeresbrausen gestillt ist. Amen.

2011-04-24 Predigt zu Mt 28, 1-10 (Ostersonntag, 24. 4. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Mit der Beisetzung eines verstorbenen Menschen beginnt für Angehörige und Freunde eine schwierige Zeit, um mit dessen Tod fertigzuwerden und ihn seelisch zu verarbeiten. Das Trauerjahr beginnt, gekennzeichnet durch einen Abschnitt der Trauerarbeit, den man "Regressionsphase" nennt. "Regression" heißt übersetzt "Zurückgehen" und bedeutet bei der Trauerarbeit: ein Mensch zieht sich in sich selbst zurück; in Gedanken geht er zurück in die Zeit, in die Jahre, vielleicht Jahrzehnte, die er mit einem Menschen geteilt hat, der nun tot ist. In Gedanken geht man zurück, wieder und wieder an die Orte, an denen das Leben gespielt hat. Der Verlust, der Tod eines Menschen, den man gemocht und geliebt hat, ist schmerzlich. Manche tragen in unseren Breiten im Trauerjahr mit der Regressionsphase schwarz. Die schwarze Kleidung signalisiert: Nehmt Rücksicht auf mich, geht behutsam mit mir um, ich stecke in einer nicht leichten Lebensphase durch den Tod eines Menschen. Das Trauerjahr mit der Regressionsphase ist wichtig zur seelischen Verarbeitung des Todes eines Menschen. Genauso wichtig aber ist, dass die Trauer nicht zum Dauerzustand wird. Wie bei einer Frau, die ihren rund zwanzigjährigen Sohn infolge eines Autounfalls plötzlich verloren hatte. Für sie wurde durch dieses bittere Ereignis der Friedhof zum Zentrum ihres Lebens. Durch den Tod ihres Sohnes war auch ihr Leben gestorben, zum Stillstand gekommen. Der Tod hatte eigentlich auch ihr das Leben geraubt; sie war seine Gefangene, versunken in, gefesselt durch untröstlich erscheinende Trauer.

Zum Friedhof, zum Grab gehen auch die beiden Marias, von denen wir im heutigen Predigt-text hören. Ich stelle mir vor, sie tun es schweren Schritts; es ist nicht leicht, dem Tod ins Auge zu sehen. Auch sie dürften in der Regressionsphase stecken, in Gedanken immer wieder zurückgehen auf die letzten Tage mit Jesus und überhaupt auf Begebenheiten, Ereignisse und Erlebnisse mit ihm. Wenn es das zu jener Zeit und in jener Weltgegend gegeben hätte, könnte man wohl auch sagen: die Frauen, die da schweren Schritts, traurig, trauernd zum Friedhof, zum Grab Jesu gehen, sie tragen schwarz. Und es kommt beim Grab zu einer Begegnung mit jemandem, der trägt weiß, in unserer Farbensymbolik die Farbe des Lichts, des Glanzes, der Freude. Der Engel des Herrn trägt weiß; und was für ein weiß!, strahlender, herrlicher geht’s nicht. "Seine Gestalt war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee." (Mt 28,3) Welch unvorhergesehene Überraschung. Die Wachen am Grab, die Hüter, die Wächter des Todes, kriegen einen Schock, "erschraken aus Furcht" "und wurden, als wären sie tot". (Mt 28,4) Und auch die Frauen kriegen einen Schock; der aber führt sie zum Leben, zum Leben in seiner größten, strahlendsten, herrlichsten, vollendeten Form, zum ewigen Leben. Die Frauen sind nicht zu Tode, sondern zum Leben erschrocken durch den Verkünder, den Boten des Lebens; denn dieser, der Engel des Herrn, rollt den schweren Stein weg, als wiege er nichts, und setzt sich auf ihn, als wollte er sagen: schaut her, meine Beute; ich kann mit ihm tun, was ich will. Der Stein ist mein Spielball. Er rollt ihn weg, um damit seine Botschaft, d i e Lebensbotschaft, an die Frauen und über sie an die Jünger und die ganze Welt zu verkündigen: "Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt her und seht die Stätte, wo er gelegen hat." (Mt 28,5f.) Die Rede vom leeren Grab – sie ist ein Zeichen: da muss Mächtiges, Überwältigendes, Großartiges geschehen sein zwischen Karfreitag mit der Beisetzung des gekreuzigten Jesus und diesem Morgen, als die Frauen das Grab, das Gefängnis des Todes offen und leer sehen.

Schweren, langsamen, traurigen Schritts dürften sie zum Grab gekommen sein, jetzt gehen sie vom Grab weg, was heißt gehen?, sie laufen, belebt, fröhlich, mit Lebensenergie vom Himmel aufgeladen. "Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen um es", die Lebensbotschaft des Engels, "seinen Jüngern zu verkündigen". (Mt 28,8) Weg laufen sie d e m Leben, dem auferstandenen Jesus selbst in die Arme. Besser gesagt: Er kommt auf sie zu, das ewige Leben begegnet ihnen im auferstandenen Jesus. "Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt!" (Mt 28,9) D a s Leben, ewiges, heiles Leben grüßt sie und uns im auferstandenen Jesus. Wer der Botschaft des Engels des Herrn traut, dem begegnet Jesus auch und grüßt ihn als Lebendiger, der erfährt Jesus als lebendige und bewegende Kraft.

Wenn jemand gestorben ist, gehört zur Regressionsphase der Rückblick auf das hinter einem liegende gemeinsame Leben. Unter dem Blickwinkel, in Gedanken noch einmal zurückzu- gehen in die gemeinsame Zeit mit Jesus, kommen die Frauen zum Grab. Doch dort erfahren sie, die Trauer Tragenden, vom Engel, der weiß trägt, die Farbe des Lichts und der Freude, dass Jesus nicht hinter ihnen liegt, sondern vor ihnen geht. Den Jüngern sollen sie die Botschaft des Engels mit Blick auf Jesus ausrichten: "Und siehe, er wird vor euch hingehen nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen." (Mt 28,7) Und Jesus sagt es selbst noch mal, als er den Frauen begegnet, sich sehen lässt, sich ihnen zeigt. (s. Mt 28,10) Nicht Regression, Zurückgehen in ein Leben, dem traurigerweise der Tod ein Ende gesetzt hat, ist angesagt, sondern Progression, Vorwärtsgehen in ein Leben, dem heilvolle, beste Zukunft, ewige Vollendung bevorsteht. An Jesus ist sie schon geschehen. Er geht uns voran und nimmt uns mit auf seinen Weg, der den Namen Lebensweg im weitesten und tiefsten, im ewigen Sinne verdient.

Tod ist Erstarrung, Stillstand. Leben ist Bewegung. Voller Bewegung steckt auch schon der Predigttext: "der Engel des Herrn kam vom Himmel herab", "er wälzte den Stein weg" (Mt 28,2), die Frauen laufen, um des Engels Lebensbotschaft weiterzusagen, Jesus begegnet ihnen, er geht seinen Jüngern voraus, um sich sehen zu lassen.

Wir gehören auch dazu, denn auch unser Leben ist lebendig gemacht, unser Denken und Fühlen, unser Leben ist in Bewegung gebracht durch den rettenden, befreienden Gott Israels, der Jesus auferweckt hat und uns mit ihm in heilvolle Zukunft führt. Uns bewegt Gott in Jesus, anders ausgedrückt: er hat uns Glauben geschenkt, anders ausgedrückt: Jesus hat sich auch uns sehen lassen, sich uns gezeigt und ist zu ewiger Bedeutung für uns geworden. An der unsterblichen Liebe, am ewigen Leben Jesu haben wir teil. Amen.

2011-05-01 Predigt zu Joh 21, 1-14 (1. Sonntag nach Ostern, Quasimodogeniti, 1.5. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich liebe Ostern. Das fröhliche Zwitschern der Vögel am Morgen. Die fröhlichen und manchmal triumphalen Melodien der Osterlieder in der Kirche. Die Lichtersymbolik der Osternacht: aus einem Licht werden viele, bis alles erhellt ist, als Zeichen: das Licht siegt über die Finsternis, das Leben über den Tod. Die Botschaft von der Auferstehung Jesu, dass Gott dem Tod ein Schnippchen geschlagen hat, dass der Tod selbst den Tod gefunden hat und nun die ganze Welt nah und fern im Zeichen unauslöschlichen Lichts, unzerstörbaren Lebens steht. Und dass Feiertag ist, hilft, sich besonders auf die frohe Botschaft einzulassen. Man wird aber auch die Erfahrung machen, dass einem bald der Alltag wieder begegnet; mir kam er schon insofern am Ostermontag entgegen, indem ich jemanden traf, der von seiner schweren Lebenssituation erzählte, von Arbeitslosigkeit und Krankheit in seiner Familie. Und so liegen die frohe Botschaft vom Sieg, vom ewigen Triumph des Lebens und manche Alltagserfahrungen, die uns bedrängen und uns zusetzen, unser Leben bedrohen, im Streit miteinander.

Solchem Widerstreit begegnen wir auch im heutigen Predigttext. Da hat der Alltag die Jünger am See Tiberias, bekannter als See Genezareth, wieder. Und zu ihrem Alltag da gehört die ernüchternde Erfahrung: "und in dieser Nacht fingen sie nichts". (Joh 21,3) Die Erwartungen enttäuscht, Mühen und Anstrengungen vergeblich. Frustrationserfahrung. Frustration, worin das lateinische "frustra" steckt, zu Deutsch: vergeblich, erfolglos, nutzlos. Im Nichts-Fangen klopft der Tod an die Tür, denn von der Fischerei lebten jene Männer und ihre Familien. Oder gibt es eine ganz andere Lebensgrundlage, die da ist, egal, wie das Leben spielt und die das Leben doch in eine bestimmte Richtung lenkt und führt?

Am Ufer des Sees nach den vergeblichen Anstrengungen der Nacht steht eine Person, die die Leute da auf dem Boot nicht erkennen, aber die Stimme hören sie: "Kinder, habt ihr nichts zu essen?" (Joh 21,5) Sie werden freundlich angesprochen. Der da spricht, interessiert sich für ihr Geschick, ihre Situation. Sie können bei ihm ihren Frust abladen, der zusammengeballt ist in ihrem "Nein". "Sie antworteten ihm: Nein." (Joh 21,5) Nein - kein Fang, nichts zu essen, nichts zum Leben.

Der Fremde am Ufer interessiert sich aber nicht nur für das Geschick der Fischer auf dem Boot; er meint sogar, dieses Geschick, ihre Situation ändern zu können. Und so sprach er "zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden". (Joh 21,6) Und sei's als letzter "Strohhalm", an dem man sich noch klammern kann, sei's in der Haltung "Wir haben sowieso nichts mehr zu verlieren", sei's nach dem Motto "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", sie kommen dem Vorschlag nach, das Netz zur Rechten auszuwerfen, mit erstaunlichem Ergebnis: "Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische." (Joh 21,6)

Zwischen leerem und vollem Netz liegt gewissermaßen ein Blickrichtungswechsel. Jesu Vorschlag, Jesu Tipp ist so einfach wie wirkungsvoll. Das Netz soll noch einmal ausgeworfen werden, aber jetzt "zur Rechten des Bootes", also auf die rechte, sprich richtige Seite. Vielleicht erscheint manches in unserem Leben vergeblich, sinnlos, nutzlos, weil wir Menschen sozusagen auf der falschen Seite "fischen". Jesu Vorschlag, Jesu Tipp macht deutlich: Es gibt immer noch eine andere Seite; "es gibt immer, und zwar in jeder Situation, noch eine andere Möglichkeit". Ich muss an den Mann denken, der mir Ostermontag begegnete in seiner Verbitterung über das Leben. Ich kenne ihn schon länger. Und mir scheint, er hat sich in jener Verbitterung gut eingerichtet, schimpft über alle und alles, zum Beispiel, dass er in seinem Beruf keine Arbeit findet. Aber es mal auf einem anderen Gebiet zu probieren, das Netz einmal auf der anderen Seite auszuwerfen, dazu fehlt scheinbar der Wille. Es gibt immer eine andere Möglichkeit, die Situation in der persönlichen Lebensgeschichte wie überhaupt im Leben zu verändern, und zwar zum Besseren, zum Lebensvolleren. „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall”, so heißt es bei den Bremer Stadtmusikanten. Und erst recht macht Jesus Mut, Besseres als den Tod zu erwarten und zu finden. Der Tod an sich stellt ja immer wieder die Frage: Ist das Leben davor denn nicht eigentlich frustra, vergeblich, wenn nichts und niemand Bestand hat, sondern alles im Tod untergeht? So kann man es sehen, aber es gibt immer auch eine andere Möglichkeit, und die besteht darin, sich von Jesus ansprechen und ermutigen zu lassen und Erfahrungen von erfülltem Leben zu machen, wie denn auch das Netz der Fischer in unserem Text voll wird. Das volle Netz, es steht für Lebensfülle, die Gott in Jesus ermöglicht und schenkt. Als die Fischer da auf dem See die Erfahrung machen, dass ihnen der Fremde am Ufer zum Leben verhilft, ist das nicht nur mit dem Morgen die Zeit, wo das Licht der Sonne aufgeht und die Nacht ein Ende hat, sondern auch die Nacht der Traurigkeit und Frustration der Jünger wird überwunden und ihnen geht das Licht auf, wer der Fremde am Ufer ist. "Es ist der Herr!" (Joh 21,7), so sagt einer der Jünger zu Petrus. Er ist gegenwärtig und wirksam im Spiel des Lebens als Auferstandener. Und er tut weiter, was er in, mit seinem irdischen Leib getan hat, nämlich Menschen zur Mehrung, zur Steigerung von Lebensfülle und Lebensfreude zu verhelfen. Und seinem Auferstehungsleib sind keine räumlichen Grenzen mehr gesetzt bei diesem Werk. Er dient uns zum Leben, schenkt die nötige Kraft und die nötigen Begebenheiten, Erfahrungen, die wir brauchen, um das Leben meistern zu können und weiterzukommen. Das unterstreicht die schöne Szene im Predigttext, die man nennen könnte: „Jesus bereitet seinen Freunden das Frühstück”. „Als sie nun ans Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer und Fische und Brot.” (Joh 21,9) Und er teilt es ihnen aus. Er verhilft ihnen zum Leben. Und weil es Jesus, der Auferstandene ist, ist damit die Zusage verknüpft, ewig, immer werde ich für euch da sein, euch dienen, dass euer Leben Fülle und Freude findet bis hin zur Lebensvollendung in seiner ewigen, seiner himmlischen Dimension.

Wenn bestimmte Erfahrungen uns zusetzen und uns anfechten, dann mögen wir noch ernster nehmen, dass es immer noch, in jeder Situation, eine andere Möglichkeit gibt. Sie besteht grundlegend darin, dass der auferstandene Jesus da ist, uns anruft, anspricht, uns dient mit der Kraft, die wir zum Leben brauchen. Und darum kann unser Leben nicht, niemals zugrunde gehen. Es gibt eine andere Möglichkeit als den Tod, nämlich den Sieg des Lebens in Ewigkeit. Von diesem Sieg des Lebens sind wir ergriffen, bewegt, erfüllt von Gott durch Jesus, durch eine Geschichte, die in Auferstehung gipfelt. Amen.

2011-05-15 Predigt zu Joh 16,16(17-19)20-23a (3. Sonntag nach Ostern, Jubilate), 15.5.2011

Liebe Schwestern und Brüder!

Abschiednehmen fällt oft schwer. Zum Beispiel dann, wenn jemand aus der Familie eine weiter wegführende Reise macht, vielleicht gar in ein unsicheres Land. Das kann Sorgen und Ängste auslösen. Manchmal fällt es schon schwer, auch größer werdenden Kindern ihren eigenen Weg gehen zu lassen, und sei es ohne elterliche Begleitung den Weg zur Schule und nach Hause zurück. Es kann ja viel passieren unterwegs. "Mach's gut, komm heil zurück", so lauten öfter Worte beim Abschiednehmen. Oder man streicht dem sich auf den Weg Machenden noch einmal über den Kopf, eine Art Segen ohne Worte, vielleicht sagt man aber auch ganz ausdrücklich. "Gott segne dich", "Gott behüte dich" oder "Gott befohlen". Und in jedem Fall ist die Freude groß, wenn die, die voneinander Abschied genommen haben, sich schließlich wiedersehen. Alle beklemmenden Gefühle und Gedanken, Sorgen und Ängste lösen sich in Freude und Glücklichsein auf.

Abschiednehmen fällt schwer. Das gilt manchmal auch, wenn wir Menschen Abschied nehmen müssen vom bisherigen Gang unseres Lebens, wenn wir vielleicht herausgerissen werden aus Zufriedenheit und Freude durch ein bitteres, schmerzliches, bedrohliches Ereignis. Gleichwohl hoffen wir, dass die Angst und Sorgen bereitende Situation eine vorübergehende ist. Wir hoffen auf das sprichwörtliche „happy end”, auf das fröhliche, glückliche Ende. "'Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt auch das Glück zu Dir'", so heißt es in einem Operetten-Schlager und weiter: "mit dem ersten blauen Veilchen klopft es leis an Deiner Tür'". Der Vers ist einst makaber umgedichtet worden und lautete dann: "'Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu Dir'", und dann weiter: "mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Hackefleisch aus dir'". Haarmann, das war ein Massenmörder, der einst sein Unwesen trieb und Angst und Schrecken verbreitete.

Der Operetten-Schlager und seine Umdichtung bringen gewissermaßen die beiden Pole zum Ausdruck, zwischen denen unser Leben spielt: Glück, Lebensfreude auf der einen Seite; Angst, Schrecken, Tod auf der anderen.

Beide Seiten kommen auch im heutigen Predigttext zum Ausdruck, der zu den sogenannten Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium gehört. In den Versen des Textes ist ein zweifacher Abschied im Blick. Der erste betrifft Jesu Kreuzigung und Tod, der dann aber in Ostern, in Erfahrungen der Auferstehung Jesu mündet; der andere, dass Jesus von der Erde weggeht, die sichtbare Gemeinschaft mit seinen Jüngern auf Erden ihr Ende findet. Der erste Abschied Jesu wird bei seinen Freunden, seinen Anhängern Traurigkeit auslösen, seine Gegner aber werden sich freuen: Endlich ist der weg, der unsere Kreise gestört hat. Jesus drückt es im Predigttext so aus. "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen" (Joh 16,20a). Doch der Gott Israels, der sich in Jesus neu zeigt, lässt sich nicht zum Schweigen bringen und vor die Tür der Welt setzen - und das ist für die Welt einschließlich unserer selbst gut so; es dient zu unserem Besten. Jesus nimmt Abschied, aber es ist kein Abschied ohne Wiedersehen. "Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen" (Joh 16,16a), das ist nicht der traurige Schluss einer schönen Geschichte; sie hat einen zweiten Teil, eine Fortsetzung, die lautet: "und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen" (Joh 16,16b). Am Ende löst sich alles Weinen und Klagen, alle Traurigkeit in Wiedersehensfreude auf: "doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden", so sagt Jesus zu. Freude liegt uns wieder und wieder voraus und wird auch ganz am Ende stehen. Jesus beschreibt das im Predigttext mit dem Bild einer Geburt: "Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist"(Joh 16,21). Unaufhaltsam wächst im Normalfalle neues Leben im Mutterleib heran und erblickt schließlich das Licht der Welt. Auch wir werden schließlich "das Licht der Welt", wie Jesus im Johannesevangelium auch heißt, erblicken (s. Joh 16,12). Dazu kommt es unumkehrbar, wie auch eine Geburt unumkehrbar ist und zu einer Freude führt, die alle Anstrengungen, alle Strapazen, alle Sorgen und Ängste und Schmerzen zuvor in den Schatten stellt. So würden es vermutlich viele Frauen sagen können, die schließlich ihr neugeborenes Kind glücklich in den Armen halten. Die Freude überstrahlt alles und lässt alles Mühselige und Klagenvolle davor Vergangenheit sein. Die Freude lässt das zuvorige Leiden verblassen, bringt es zum Erlöschen.

Auch unser Leben auf Erden ist ein Geburtsvorgang. Zu ihm gehört das Stöhnen, Seufzen, Klagen; zu ihm gehören Zeiten der Traurigkeit, auch über Abschiede. Wobei aber Traurigkeit angesichts eines Abschieds auch anzeigt, wie kostbar und wertvoll uns jemand ist. Und umso größer ist die Freude, wenn es nach einem Abschied zum Wiedersehen kommt, man sich in den Armen liegt und alles gut ist. "Auf Wiedersehen!" ist manchmal sogar auf Grabsteinen als Trotz gegen die Traurigkeit angesichts des Todes zu lesen. Es ist berechtigter Trotz als einer Folge dessen, was Gott in Jesus für uns bewirkt und möglich macht. Noch gilt immer wieder: "Und auch ihr habt nun Traurigkeit" (Joh 16,22), doch dem ist ein trotziges "aber" entgegengesetzt, und so sagt Jesus weiter:"aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen" (Joh 16,22). Freude, die uns niemand mehr wegnehmen kann, ist unzerstörbare Freude, ewige Freude, Lebensfreude pur, Freude des Himmels und der dort gegebenen Lebensmöglichkeiten. In sie werden wir durch den Tod hineingeboren auf dem Weg, den Gott uns durch Jesus eröffnet hat, um mit ihm zusammen beim Wiedersehen das Leben unangefochten zu feiern. Weil wir das Beste erwarten, sagen und tun wir aber auch heute, hier und jetzt schon das uns Bestmögliche, damit Freude des Himmels schon das Leben auf Erden heile, erneuere, gut mache, Freude schon in dieser Welt auslöse. Amen.

2011-05-29 Predigt zu Lk 11,5-13 (5. Sonntag nach Ostern, Rogate, 29.5.2011) - Gottesdienst, gestaltet mit dem deutschsprachigen Konfirmationsjahrgang

Liebe Schwestern und Brüder!

Der erste biblische Text, den wir normalerweise im Konfirmandenunterricht lesen, stammt aus Kapitel 3 des 2. Buches Mose. Es ist die Geschichte, in der Gott dem Mose seinen Namen offenbart am brennenden Dornbusch. Aus vier hebräischen Buchstaben Jod, He, Waur, He (יהוה) - besteht dieser Name, in lateinischen Buchstaben schreiben wir JHWH; Luther hat ihn in seiner Bibelübersetzung mit HERR geschrieben in Großbuchstaben, wiedergegeben entsprechend dem hebräischen Wort für "Herr", "Adonai", das man las oder liest, wo der Gottesname auftaucht. Aus Respekt vor dem Gottesnamen, um, wie es das zweite Gebot sagt, Gottes Namen nicht unnützlich zu führen, also Gottes Namen nicht zu miss-brauchen. Oft wird die Bedeutung des hebräischen Gottesnamens, sozusagen der Visitenkarte Gottes, so wieder-gegeben: "Ich werde sein, der ich sein werde." Darin schwingt mit: wir können Gott nicht festlegen, nicht definieren, mit einem Bild ein für allemal darstellen und beschreiben. Sondern immer wieder neu, frisch, überraschend gibt sich Gott den Menschen und der Welt zu erkennen, so dass man spürt und erfährt: er ist da und wirksam mitten in unserem Leben. Gott lässt sich nicht in ein bestimmtes Bild einfangen und pressen. Darum gibt es in der Bibel viele Bilder, in denen sich Erfahrungen mit Gott und Erkenntnisse über Gott Ausdruck verschaffen. Fallen uns Beispiele ein? Zwei Bilder für Gott gebraucht Jesus im heutigen Predigttext, in dem es ums Beten geht.

Das erste ist das des Freundes. Wir erinnern uns: da kommt jemand zu seinem Freund mitten in der Nacht; er hat überraschend Besuch bekommen, kann dem Besuch, der wahrscheinlich hungrig ist nach der Reise aber nichts anbieten. Es ist kein Brot mehr im Haus. Und so wird der Freund gebeten: "leih mir drei Brote" (Lk 11,5), Fladenbrote müssen wir uns vorstellen.

Wenn es nachts an unserer Tür klingelt, löst das nicht gerade Freude aus. Als es damals klopfte, wird es vermutlich ähnlich gewesen sein, zumal damals die Menschen oft nur einen Raum zum Schlafen hatten und alle, Vater, Mutter, Kinder, vielleicht eine ganze Großfamilie dicht an dicht beieinander auf dem Boden schliefen. Und mag der Hausvater beim Klopfgeräusch an der verriegelten Tür noch verärgert über die nächtliche Störung gewesen sein, so hilft er natürlich, selbstverständlich, als er hört, dass ein Freund vor der Tür steht und seine Hilfe braucht. Und Jesus fügt hinzu: selbst wenn es nicht um Freundschaft gegangen wäre, der Hausvater hätte schon deswegen, wenn auch genervt, verärgert geholfen, damit schnell wieder Ruhe ist, beziehungsweise die anderen gar nicht erst aus dem Schlaf geholt werden. Wir aber sollen, so vermittelt Jesus, mit Gott als Freund rechnen, zu dem wir zu jeder Tag- und Nachtzeit mit einem Anliegen, das uns beschäftigt, kommen können. Gott hat stets ein offenes Ohr für uns, oder wie man im Zeitalter von Computer und Internet sagen könnte: Gott ist immer online. Und zwar als ein Freund, der traurig wäre, wenn man seine Hilfe nicht suchen und erbitten würde. "Mensch, warum hast du mich nicht gefragt, mich nicht angerufen?, ich hätte dir helfen können!", so eine Art Freund, der sich freut, wenn wir etwas von ihm wollen und ihn in Anspruch nehmen, ist Gott. Wir dürfen und sollen mit seiner Hilfe rechnen.

Hilft Gott immer? Manche würden das vielleicht bezweifeln. Sie würden vielleicht auf Situationen hinweisen, wo sie gebetet haben, wo sie Gott um Hilfe gebeten haben, aber es ist nicht eingetreten, was sie sich gewünscht und gedacht hatten. Aber ist das dann ein Zeichen, dass Gott nicht hört und nicht hilft? Wir dürfen Gott nicht mit einem Automaten verwechseln, in den wir oben sozusagen als Münze unser Gebet, unsere Bitte einwerfen, und unten kommt dann das von uns gewünschte Produkt heraus. Auch ein Nein Gottes auf unsere Bitten und Wünsche kann durchaus Hilfe und Erhörung bedeuten, auch wenn Gott mit uns selbst oder anderen einen anderen Weg geht, als wir es uns vorstellen und am liebsten möchten.

Dass Gott Gutes mit uns vorhat und lebensdienlich, lebensförderlich handelt, bringt Jesus in dem Abschnitt des Predigttextes zum Ausdruck, wo er ein zweites Bild für Gott gebraucht, das des Vaters; und zwar eines guten Vaters, der das Beste für sein Kind will. So ein Vater gibt seinem Kind, das ihn um Stärkung bittet, um einen Fisch oder um ein Ei als Lebensmittel, als Mittel zum Leben, eben keine Schlange und keinen Skorpion, die todbringend wären. (s. Lk 11,11f.) Gott aber ist lebenbringend. Schon irdische Eltern, auch wenn sie nicht perfekt sind, sondern Fehler machen, versagen, versuchen doch normalerweise, ihren Kindern Gutes zu tun. Wie viel mehr dann erst Gott; "wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!" (Lk 11,13), so sagt Jesus. Der Heilige Geist ist Gottes schöpferische Kraft, seine Kreativkraft. Durch sie schafft und erhält er das Universum; durch sie gibt es die Erde als Planeten bunten Lebens; durch sie gibt es uns; durch sie wird jeder Untergang zu einem Neuanfang; durch sie erweckt Gott Jesus aus dem Tod; durch sie blüht auch uns nicht der Tod, sondern das Leben in Ewigkeit. Durch seinen Geist, durch seine Kreativkraft bahnt Gott uns und der Welt Wege in gute, heilvolle Zukunft. Er hat das Leben geschaffen, um es zu ewiger Vollendung zu führen. Er will das Beste für uns und verwirklicht es. In dieser Erwartung sollen wir uns Gott anvertrauen, beten. Amen.

2011-06-13 Predigt zu 1 Mose 11,1-9 (Pfingstmontag, 13.6.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Türme üben auf Menschen eine besondere Anziehungskraft aus. Viele wollen gleich hinauf, wenn es eine Möglichkeit dazu gibt. Auch hier bei uns ist oft die Freude groß, wenn eine Gruppe auf den Kirchturm hinauf kann. Man kommt, bildlich gesprochen, dem Himmel näher; gerade Kirchtürme kann man als Wegweiser Richtung Himmel verstehen. So eine Seite.

Andererseits sind Türme Erweise menschlicher Ingenieurskunst. In Lexika kann man Namen, Ort, Höhe der höchsten Türme der Welt finden. Da hat im Laufe der Zeit eine technische Meisterleistung die andere überboten. Gegenwärtig stehen wir bei 828 Metern; so hoch ist das momentan höchste Gebäude der Welt, der Burj Dubai in Dubai am Persischen Golf.

Was wollen Menschen, wenn sie hohe Türme bauen und sich dabei gegenseitig überbieten? Wollen sie auf andere im doppelten Sinne des Wortes herabschauen? Schaut her, welche finanziellen und technischen Möglichkeiten wir haben, was uns möglich ist, wozu wir in der Lage sind! Dagegen seht ihr anderen klein aus, habt nichts zu bieten!

Schon im alten Babylonien standen Türme; zum Beispiel die Zikkurat, der Tempelturm, in der Hauptstadt Babylon. Ein Turm mit dem Tempel des Reichsgottes Marduk oben an der Spitze. Babylonien gehört zu den Großreichen der Geschichte, war einst machtvoll, eroberte viele Länder, auch Israel, brachte mit seinen Truppen Schrecken und Leid über andere. Der Turm zu Babel des Predigttextes mag zum Hintergrund jene Zikkurat, jenen Tempelturm, gehabt haben, der Menschen meinen oder sagen ließ: Wir sind die Größten. Der Turm stellt es der Welt anschaulich vor Augen. Aber die einst meinten, sie seien die Größten, gibt es nicht mehr; sie sind samt ihrer als unbesieglich geltenden Götter untergegangen.

Nun spricht der Predigttext aber nicht nur von einem Volk, sondern es heißt gleich am Anfang, dass "alle Welt einerlei Zunge und Sprache" (1 Mose 11,1) hatte. Alle Menschen der ganzen Welt bauen also an der Stadt und insbesondere ihrem Turm mit. "Alle Menschen wollen sozusagen "hoch hinaus". Dieses "Hoch-hinaus-Wollen" steckt in jedem Menschen drin. Und es ist an sich ja auch nicht schlecht; jede(r) möge, soll das Beste aus dem machen, was er oder sie kann; man möge, man soll die Möglichkeiten und Fähigkeiten, die einem gegeben sind, optimal nutzen. Problematisch ist, aus welchem Grund Menschen hoch hinaus wollen: "damit wir uns einen Namen machen" (1 Mose 11,4), so heißt es im Predigttext. Man kann es auch anders sagen: aus Angst, in Vergessenheit zu fallen, wollen Menschen möglichst hoch hinaus; bauen den Turm, um sich einen bleibenden Namen zu machen.

"Du wirst uns immer in Erinnerung bleiben", so kann man es bisweilen hören, so oder ähnlich steht es auch in Traueranzeigen oder auf Grabsteinen. "Nur wer vergessen ist, ist wirklich tot", so sagt eine Redewendung. Allerdings muss man nüchtern sehen: Wir Menschen auf Erden sind nach vier, fünf Generationen vergessen. Dann ist in der Regel die Erinnerung an uns ausgelöscht. Wer von uns kennt seine Ururgroßmutter, seinen Ururgroßvater und deren Geschichte? Und die berühmten Persönlichkeiten der Weltgeschichte, die haben sich vielfach einen Namen gemacht, weil sie Kriege geführt und Blut vergossen haben, Schrecken, Leid, Elend über andere und die Welt brachten beim Versuch, sich einen Namen zu machen, der im Gedächtnis der Welt bleibt.

Noch einmal: das Problem ist nicht, dass Menschen das Beste geben, um den Turm zu bauen, um eine große Leistung zu vollbringen. Die Frage ist: Wozu, zu welchem Zweck? Geht es um meinen Namen, dass ich meinem Namen Anerkennung verschaffe? Im Turmbau zu Babel wollen sich Menschen einen unsterblichen Namen durch ihr Können und ihre Leistung machen. Sie setzen ihr Leben für sich, ihren Ruhm, ihren Namen ein und machen sich damit selbst zum Dreh- und Angelpunkt des Lebens und der Welt; sie stellen sich selbst in den Mittelpunkt und vergessen, wem sie sich mit ihrem Leben und allen Fähigkeiten und Möglichkeiten verdanken. Der Turmbau zu Babel ist, so könnte man sagen, eine Verschwörung gegen Gott; er soll von seinem Thron gestoßen werden und ersetzt werden; sein Name soll ausgelöscht werden und ersetzt werden durch Namen von Menschen, die sich zu Herren des Lebens und der Welt machen und ihren eigenen Willen als maßgeblich ansehen. Und so fährt Gott hernieder, um die Zusammenrottung und Verschwörung gegen ihn zu verhindern durch Sprachverwirrung. Er stört die Kommunikation der sich gegen ihn und seine Herrschaft Auflehnenden zum Schutze der Welt und des Lebens. Denn furchtbar ist es, wenn sich im Kleinen und Großen Menschen zu Herren der Welt erklären und sich als solche aufspielen.

Wir Menschen müssen uns keinen Namen machen, wir haben schon einen. Wir sind von Gott anerkannt und gewürdigt, als Botschafter und Botschafterinnen, als Repräsentanten für ihn auf Erden zu sein, zu leben, zu wirken. Das ist ja gemeint, wenn es heißt, dass Gott "den Menschen zu seinem Bilde" schuf (1 Mose 1,27). Wir sind Repräsentanten des Gottes, dessen Geist sich die Weite, Größe, Vielgestaltigkeit, Buntheit der Schöpfung verdankt, der die Welten in Bewegung gesetzt hat, sie erhält und zur Vollendung führt. Es geht nicht darum, dass wir Menschen uns einen Namen machen, sondern dass wir Gottes Namen loben und preisen mit allen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die Gott mit unserem Leben verbindet und uns zur Verfügung stellt. Lebensdienlich, lebensförderlich wie Gott selbst, so sollen auch wir sein und wirken. Wie das aussieht, stellt er uns und der Welt gerade auch in Jesus vor die Augen: da wird Leben zum Blühen gebracht durch Tröstung, Vergebung, Heilung, durch die Sprengung des Todes. Mag unser Name auf Erden schnell vergessen sein, Gott vergisst die Namen seiner Kinder nie; auf ewig sind sie seinem Herzen eingeschrieben, was unser Leben unsterblich macht. Man muss keinen Turm bauen, um zu Gott zu kommen, er selbst kommt wieder und wieder sozusagen nach unten, vom Himmel auf die Erde, um das Leben zu heilen, für was wiederum Jesus Unterstreichung und Siegel Gottes ist. Wieder und wieder macht sich Gott als Liebender und Befreier zum Leben einen Namen. Und er gibt uns seinen Geist, um uns in Bewegung, um uns immer wieder neu in Schwung zu bringen, damit wir uns als seine Kinder erweisen, die der Schönheit des Lebens zugute wirken. Amen.

2011-06-19 Predigt zu Jes 6, 1-13 (Trinitatis, 19.6.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Wahrscheinlich machen sich Menschen immer wieder zu einfache, zu schlichte, nicht zuletzt zu selbstgemachte Vorstellungen von Gott. Zwar gibt es das Gebot, sich kein Bild von Gott zu machen, weil er jedes Bild sprengt, sich in kein bestimmtes Bild einfangen lässt, und doch tun es Menschen immer wieder und haben dann feste Vorstellungen, wie Gott zu sein und was er zu tun habe und wie und was nicht. Da schaffen sich Menschen Gott zu ihrem eigenen Bilde. Und sie sind erschüttert, wenn Dinge im Leben anders laufen, als es ihrem Bild von Gott entspricht; meinen gar, Gott gebe es gar nicht, wenn er dieses oder jenes in der Weltgeschichte oder persönlichen Lebensgeschichte zulasse. Aber vielleicht sollte man nicht an Gott zweifeln, jedoch an der Vorstellung, an dem Bild, das man sich von ihm gemacht hat, in das man Gott einsperren wollte.

Im heutigen Predigttext wirft Jesaja in einer Vision einen Blick in den himmlischen Thronsaal. Er sieht Gott als König. Und gerade das König-Sein Gottes unterstreicht, bringt zum Ausdruck: er ist groß und mächtig, allmächtig, er ist souverän und frei in seinen Entscheidungen und niemandem Rechenschaft schuldig. Gott und sein Tun und Lassen kann man letztlich nicht erklären, die angemessene Haltung ist zu allererst Anbetung, wie es die Engelswesen, die Serafin, von denen wir im Predigttext hören, tun; Gott lobpreisend ruft einer dem andern zu; "Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!" (Jes 6,3) Und schon solcher Lobpreis des großen, freien, allmächtigen Gottes ist tröstlich. Denn "alle Lande sind seiner Ehre voll!", will sagen: seine Wirkmächtigkeit, sein Lichtglanz ist überall gegenwärtig und am Werke, auch in den Dingen, die uns rätselhaft erscheinen und die wir nicht verstehen. Gott erfüllt jeden Ort, jeden Raum.

Jesaja erkennt die Größe, Erhabenheit und Macht Gottes und demgegenüber die verschwindende Kleinheit des Menschen. Gottes Gewaltigkeit, Heiligkeit lässt Jesaja erkennen, dass er zudem ein Mensch ist, der dem Willen und Anspruch seines Schöpfers nicht gerecht wird. "Weh mir, ich vergehe!" (Jes 6,5), so ruft Jesaja. Mit Fug und Recht könnte Gott mich abweisen und verwerfen, so Jesajas Einsicht. Aber Gott tut es nicht. Vielmehr, und auch darin liegt wieder Tröstliches: der große Gott überbrückt den Abstand zwischen sich und uns Menschen. Für Jesaja geschieht es dadurch, dass ein Engel kommt und mit glühender, sprich reinigender Kohle seine unreinen Lippen berührt. "Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei" (Jes 6,7).
Gott selbst macht sich den Menschen genehm, sorgt dafür, dass der Mensch vor ihm bestehen kann.

In die Zeit von Jesajas Wirken als Prophet fällt der sogenannte Syrisch-ephraimitische Krieg. Zum Hintergrund Folgendes: nach dem Tod des Königs Salomo teilte sich Israel in zwei Reiche, in das Nordreich, das weiterhin Israel hieß, und in das Südreich mit dem Namen Juda. In jenem Krieg griffen das Nordreich und das mit ihm verbündete Syrien das Südreich an, möglicherweise um es zu einem Bündnis gegen die Assyrer, der Großmacht jener Zeit zu zwingen. Was immer der Grund war, es ist eigentlich schon eine Unmöglichkeit, dass ein Volk auf sein Brudervolk losgeht. Und zum anderen kam hinzu, dass man von Angst getrieben nach militärischen Bündnissen suchte, aber nicht mehr danach fragte, was eigentlich Gottes Wille sei; für wegweisendes Gotteswort aus Prophetenmund wurde man taub; es wurde vielfach nicht mehr ernst genommen, dass doch Gott der Herr von Schöpfung und Geschichte ist und alle Fäden des Lebens in seiner Hand hält. Es gibt keinen besseren Zufluchtsort und keinen besseren Hort und Schutz als ihn.

Zu den rätselhaften, für uns unerklärlichen Seiten Gottes gehört, dass er, obwohl er ja könnte, in ein Geschehen nicht eingreift, sondern dem selbst gewählten Treiben von Menschen Lauf lässt, selbst wenn dieser Weg schwere Zeit, Leidenszeit mit sich bringt. Eigentlich ist der Auftrag von Propheten, die Augen und Sinne für Gott zu öffnen; es kann aber, wenn alles nichts genützt hat in diese Richtung auch andersherum sein. Und so hören wir als ersten Auftrag an Jesaja als Bote Gottes: "Verstocke das Herz dieses Volkes, und lass ihre Ohren taub sein und ihre Augen blind, dass sie nicht sehen mit ihren Augen noch hören mit ihren Ohren noch verstehen mit ihrem Herzen und sich nicht bekehren und genesen" (Jes 6,10).

Es scheint so zu sein: manchmal werden Menschen nur aus Schaden klug; manchmal müssen sie tief unten sein, um geläutert neu anzufangen und umzukehren auf den Weg des Guten. Es scheint so, dass Gott den Menschen ihre selbst gewählte Freiheit lässt, auch wenn sie ohne Gott als Maß für das Gute Verderben über sich und andere bringen. Aber auf Dauer hält es Gott nicht aus zuzusehen, wie Menschen sich selbst, die Welt, das Leben schädigen. Der Mensch muss die Folgen gottvergessenen Tuns tragen, in jenen Syrisch-ephraemitischen Krieg, in der Eroberung des Nordreiches durch die Assyrer, aber fallen lassen ins Bodenlose lässt Gott sein Volk, seine Menschen nie. Denn sein Wille ist auf Genesen ausgerichtet, und sei's durch Schaden, durch den man klug wurde, hindurch. Gottes Wille ist auf Genesen ausgerichtet, darauf, dass das Leben heil und gut werde. Und so wird dem Volk auch durch Jesaja ein Neuanfang zugesagt; das Leben sprosst neu auf "wie bei einer Eiche und Linde, von denen beim Fällen noch ein Stumpf bleibt" (Jes 6,13). Das letzte Wort hat die Hinneigung Gottes zu uns Menschen, auf dass wir genesen, auf dass unser Leben gut und heil werde. Auch das gehört zu dem Tröstlichen in Jesajas Botschaft. Dass Gottes Wille unsere Genesung, unsere Heilwerdung ist, unterstreicht er durch Jesus. Da nimmt er die Folgen von Gottvergessenheit, die Folgen der Abschneidung von der Quelle des Lebens, den Tod, selbst auf sich und schenkt uns die Folgen des Festhaltens an der Verbindung mit Gott, nämlich Leben, ewiges Leben, Leben ohne Untergang. Wieder und wieder neigt sich Gott uns zu, auf dass wir genesen, bis der Heilwerdungsprozess vollendet ist in der Gewinnung der Ewigkeit. Amen.

2011-06-26 Themapredigt "Himmelreich"/ "Reich Gottes", auch als Abschluss der Kinderbibelwoche (KIBIWO) 2011 (1. Sonntag nach Trinitatis, 26. 06. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Auf dem Marktplatz einer Stadt schaute ein Priester, also ein frommer Mann, dem Treiben der Menschen zu. Viele kamen dort zusammen, um zu kaufen und zu verkaufen. Bekannte liefen sich über den Weg und führten Gespräche miteinander. Auch Kleinkünstler waren da, um durch ihre Musik oder etwas anderes etwas Geld zu verdienen. Der Priester fragte sich: "Wer von den vielen Menschen hier, kommt wohl in das Himmelreich?" Da traf es sich ganz gut, dass er im Menschengewimmel dem Propheten Elia begegnete. "Sag mal, Elia, wer von den vielen hier kommt ins Himmelreich?" Der Priester dachte: "Ich werde ganz bestimmt dabei sein; Elia wird mich vielleicht sogar als ersten nennen." Der Prophet Elia schaut sich um. Dann zupft er den Priester am Ärmel, zeigt auf zwei Männer und sagt: "Die beiden zum Beispiel werden ins Himmelreich kommen." Der Priester, etwas irritiert, dass nicht seine Person an erster Stelle steht, läuft zu den zwei Männern hin, die beide einen bunten Koffer tragen. "Na, was seid ihr denn für Leute?", fragte sie der Priester. Sie antworteten ihm:"Wir sind Clowns. Wenn wir jemanden sehen, der traurig ist, dann heitern wir ihn auf. Wenn wir zwei Menschen sehen, die sich streiten, dann versuchen wir, sie wieder zu versöhnen."

Auch bei unserer diesjährigen Kinderbibelwoche ging es um das Himmelreich. Beim ersten Quiz am Montag war die erste Frage: „ Was verkündigte Jesus?” Und die Antwort lässt sich ganz kurz und einfach geben: Jesus verkündigte das Himmelreich, oder mit einem anderen Wort gesagt: das Reich Gottes. Und er tat es durch Heilen, Predigen, Lehren, also durch das, was er tat und sprach. "Tut Buße", das heißt "Kehrt um", "denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!"(Mt 4,17), so ist im Matthäusevangelium die Botschaft von Jesus auf den Punkt gebracht.

Und es ist ganz wichtig: das Himmelreich ist nicht etwas, das erst nach dem Tod, im Jenseits kommt, sondern das Himmelreich geschieht schon hier und heute, mitten auf unserer Erde, mitten in unserer Welt.

"Was geschah in Kapernaum?"- das war die Überschrift, das Thema der diesjährigen Kinderbibelwoche. Und man kann als Antwort geben: In und um Kapernaum geschah der Anfang der Ausbreitung des Himmelreiches, des Reiches Gottes, durch Jesus. Ihr erinnert euch? Am Montag hörten wir die Geschichte vom Gelähmten, den seine Freunde durch das Dach vor die Füße Jesu abseilten. Durch Jesu Wirken nimmt er schließlich seine Liegematte und geht fröhlich seines Wegs und die Menschen preisen Gott für seine Güte. Gottes Güte durch Jesus erlebt auch der Hauptmann von Kapernaum, dessen Knecht/Diener wieder gesund wird. Gottes Güte erleben die Menschen bei der Speisung der 5000; Jesus sorgt im Namen Gottes für das, was gut für sie ist, was sie stärkt, was ihnen Kraft zum Leben gibt. Gottes Güte erlebt auch der Zöllner Levi; viele Menschen wollten nichts mit ihm zu tun haben, weil er sie ausnutzte und ausbeutete. Jesus ruft auch diesen Menschen in seine Nachfolge und damit auf den Weg in ein neues Leben. All diese Menschen erleben das Himmelreich, den Himmel auf Erden, durch Gottes Wirken in Jesus. Sie alle gewinnen neue Lebensfreude, ein neues Leben durch das, was Jesus sagt und tut für sie, ihnen zugute. Das Himmelreich geschieht überall da und schon jetzt, wo Lebensfreude ermöglicht wird, wo man Hilfe erfährt, wo der Schönheit des Lebens gedient wird. Und all die Worte und Taten, die das mit sich bringen sind Zeichen, Vorzeichen, dass schließlich alles gut, alles bestens sein wird für immer, in Ewigkeit.

Im Vaterunser bitten wir, dass das Himmelreich, das Reich Gottes, das Reich des Lebens und der Liebe Wirklichkeit werde. Auch jede, jeder von uns kann dafür Zeichen setzen. Welches Klima, welche Atmosphäre in der Welt herrscht, angefangen in der kleinen Welt um uns herum, zu Hause, in der Schule, auf der Straße, in der Kirchengemeinde, am Arbeitsplatz, das ist auch unsere Sache. Ob viel oder wenig vom Himmelreich zu sehen, zu spüren, zu erleben ist, das ist auch eine Frage an unser eigenes Leben. Wir können das Gesicht der Welt zum Guten oder zum Schlechten beeinflussen. Die Veränderung zum Guten, und das bedeutet, dass viel vom Himmelreich schon jetzt erfahrbar werde, kann man mit einem afrikanischen Sprichwort so zum Ausdruck bringen: "Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern." Wie das Gesicht der Welt schön werde, heil und gut, das können wir von Jesus lernen, und zu so einem Leben, das das Himmelreich schon auf Erden Kreise ziehen lässt auf dem Weg zu ewiger Vollendung, gibt uns Gott seine Kraft. Amen.

2011-07-03 Predigt zu Mt 22,1-14 (2. Sonntag nach Trinitatis, 3. 7. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich habe lange überlegt wie ich die Predigt beginnen soll. Denn der ihr zu Grunde liegende Text, den wir gerade gehört haben, ist ja schön und in einigen Teilen erschreckend zugleich. Beginnen wir so: Stellen wir uns vor, es ist Januar dieses Jahres. Da kriegen wir mit, wie eine vornehme Limousine vor unserem Haus hält. Vorne rechts auf dem Auto ist eine Flagge aufgesteckt, die britische. Hinten steigt jemand aus, einen größeren Briefumschlag in der Hand. Kurze Zeit später klingelt es an unserer Tür. Wir öffnen, und vor uns steht der Mann aus der Limousine. "Guten Tag", er nennt seinen Namen, "ich bin der britische Botschafter in Ungarn. Im Namen des Königshauses möchte ich Sie und eine Begleitperson als Menschen des Landes, das gerade die EU-Präsidentschaft innehat, zur Hochzeit von Prinz William und seiner zukünftigen Frau Kate im April nach London einladen. Hier", er streckt uns den größeren Briefumschlag entgegen, "sind Flugtickets, die Hotelunterlagen und was sie sonst brauchen. Alles ist für sie geregelt. Herzlich willkommen!"

Und was machen wir? Ich bin mir sicher: nachdem klar geworden ist, dass es sich bei der Einladung zur Hochzeit um keinen Scherz handelt, werden wir natürlich hinfahren. Wir würden, die Einladung in der Hand, Angehörige, Freunde anrufen, wir würden Nachbarn ansprechen: "Weißt du, was gerade passiert ist, ich kann’s nicht fassen, ich bin zur Hochzeit jetzt im April von Prinz William und Kate durch das Königshaus eingeladen. Ich steh auf der Gästeliste. Das wird das Ereignis meines Lebens. Davon werde ich viele, viele Jahre erzählen können, Bilder zeigen können. Ich war dabei!" Und natürlich wird man sich überlegen, was man zu jener Hochzeit anzieht; es soll dem Fest, der ganzen Atmosphäre entsprechen. Das Beste, was ich anzuziehen habe, das ist gut genug; vielleicht besorge ich mir sogar etwas Neues, Passendes.

Und vor solchem Hintergrund kann man jetzt sagen: die "Hochzeit", von der im Predigttext die Rede ist, ist größer, feierlicher, festlicher, fröhlicher als es jedes irdische Fest sein könnte. Bei ihr wird das Leben gefeiert, das durch nichts und niemanden zerstört werden kann, die unauflösliche und bleibende Verbindung, der Bund zwischen Gott, Christus und den Menschen. Die Steigerung und Vollendung des Lebens in die ewige, himmlische Dimension hinein wird gefeiert. Es wird unangefochten Wirklichkeit, was Hochzeit dem Wortsinne nach bedeutet, nämlich Hoch-Zeit, hohe Zeit, Zeit größten Glücks und größter Freude. Es geht im Predigttext um die Frage: Was steht der Welt, uns, dem Leben bevor? Das größte Fest aller Zeiten, das Fest des Lebens, sein Sieg und Triumph in Ewigkeit, oder Untergang von allem, Tod, "Finsternis", "Heulen und Zähneklappern"? (Mt 22,13) Jesus lädt mit dem Gleichnis alle Menschen, die ganze Welt ein: Rechnet mit dem Fest! Geht davon aus, dass alles gut, alles bestens wird, dass alles auf den Sieg des Lebens zuläuft! Gott sorgt dafür! "Viele", das heißt ja im Höchstfall alle, "sind berufen", hören den Ruf zum Fest, "aber wenige sind auserwählt"(Mt 22,14), also hören den Ruf nicht nur, sondern nehmen ihn an, lassen ihr Leben davon geprägt und bewegt sein. Es ist Erfahrung bis heute, dass Gottes Ruf, Gottes Einladung zum großen ewigen Fest des Lebens und eine entsprechende Lebensgestaltung von vielen abgewiesen wird. Im Extremfall werden, wie es im Predigttext zur Sprache kommt, Gottes Boten verhöhnt und getötet. Statt Leben und Freude zu bringen, bringen Menschen da also in Widerspruch zum künftigen Fest Untergang und Tod über andere Menschen, hier über Gottes Boten. Statt des Heils wählen sie das Unheil, schließen sich selbst vom Fest aus und bleiben damit in der Machtsphäre von Untergang, Tod, Zukunftslosigkeit, die der Predigttext drastisch so beschreibt: "Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an." (Mt 22,7) Das ist eine Warnung: Bitte wählt das Fest des Lebens, zu dem ihr eingeladen und berufen seid und lebt entsprechend heilvoll und lebensförderlich, denn die Böses Tuenden, die Unheil Bringenden schließen sich damit selbst vom Fest aus und haben keine Zukunft. Die Alternative zum Leben ist schlichtweg der Tod. Wer nicht das Leben wählt, wählt den Tod; wer nicht die Liebe wählt, wählt die Lieblosigkeit. - Diejenigen, die im Bewusstsein leben, dass alles auf ein großes Fest des Lebens, eine Hochzeit, eine Hoch-Zeit des Glücks und der Freude zuläuft, versuchen natürlich, das schon heute so gut wie möglich mit ihrem Leben zu zeigen und auszustrahlen. Sie ziehen, mit einem Begriff des Predigttextes gesagt, ein "hochzeitliches Gewand" an (s. Mt 22, 11-12), als Zeichen, was kommt. Und wenn im Predigttext derjenige, der "kein hochzeitliches Gewand" hatte, "in die Finsternis" hinausgeworfen wird, wo "Heulen und Zähneklappern sein" wird, dann ist auch das wieder eine drastische bildhafte Warnung, dass der Mensch doch nicht seine Würde unkenntlich machen und verspielen möge, dass Gott ihn zu einer Hochzeit eingeladen und berufen hat, zum großen Fest des Lebens und der Liebe in Ewigkeit.

Die drastischen Bilder, die auf den ersten Blick erschrecken, wollen keine Angst machen, sehr wohl aber wachrütteln, dass das Leben kein Spiel ist. Der Mensch kann sich auf die Seite Gottes und des Lebens stellen und gewinnt so Anteil an Gottes ewiger Zukunft und seinem Heil, an der Hochzeit, der Mensch kann sich aber auch auf die Seite der Lieblosigkeit und des Todes stellen, die Seite, die keine Zukunft hat, sondern untergeht. Die drastischen, wachrüttelnden Bilder sind der dunkle Hintergrund, vor dem das Wesentliche und Wichtigste noch heller strahlen kann: Gottes Einladung, unterstrichen in Christus, zur Hochzeit, zur Hoch-Zeit der Freude und des Glücks, zum ewigen Fest des Lebens und der Liebe, vereinigt mit Gott und Christus. Und dass Bestes, Schönstes uns bevorsteht, sollen wir zeigen, indem wir ein "hochzeitliches Gewand" anziehen, sprich ein möglichst heilvolles, heilschaffendes Leben führen, auf das die Zukunft, die wir erwarten, schon hier und heute erfahrbar ist und Kreise zieht, so wie Jesus den Himmel, der kommt schon auf die Erde gebracht hat. Amen.

2011-07-10 Predigt zu Lk 15,1-7 (3. Sonntag nach Trinitatis, 10.7.11)

Liebe Schwestern und Brüder!

"Die Suche nach den Vermissten wurde eingestellt", so kann man immer wieder mal hören und lesen. Anfangs handelt es sich vielleicht nur um eine vorübergehende Einstellung der Suche wegen schlechten Wetters oder auf Grund von Dunkelheit; doch wenn eine Suche auf längere Zeit keinen Erfolg hat, wird sie schließlich auch ganz eingestellt und beendet. Vermisste, die man nicht gefunden hat, können nach Ablauf einer bestimmten Frist sogar für tot erklärt werden.

Vor dem skizzierten Hintergrund erregt eine Aussage des Predigttextes meine besondere Aufmerksamkeit. Im Bild vom Hirten und den Schafen wird dort ja vom Verhältnis Gottes zu den Menschen gesprochen. Und wie lange sucht in jener Geschichte der Hirte das verloren gegangene Schaf? Ausdrücklich heißt es da: "bis er's findet". Der Hirte "geht dem verlorenen nach, bis er's findet" (Lk 15,4). Die Suche findet erst ihr Ende, wenn sie erfolgreich abgeschlossen ist, und sich das verlorene in Sicherheit befindet. Für mich schwingt, klingt darin Hoffnung für alle Menschen: Früher oder später wird der suchende Gott sie alle auch gefunden haben.

Das Gleichnis zeichnet Gott gleich mehrfach als besonderen Hirten. Ein Punkt ist die gerade angesprochene Unermüdlichkeit des Suchenden. "Suche abgebrochen" oder "die Vermissten für tot erklären" gibt es bei Gott nicht. Kein Gelände ist ihm zu gefährlich, keine Strapaze zu groß. Ein irdischer Hirte würde die Suche irgendwann abbrechen, weil es vielleicht zu anstrengend oder zu gefährlich wird oder irgendwann Aufwand und Nutzen der Suche in keinem Verhältnis zueinander stehen. "Was soll's: es ist zwar schade um das eine Schaf, aber ich muss es halt abschreiben und habe ja auch noch andere." Gott "geht dem verlorenen nach, bis er's findet".

In einer Tradition Israels wird erzählt, dass Gott seinem ihm untreu gewordenen Volk sogar in die babylonische Gefangenschaft nachgegangen ist. Die Untreue von Menschen kann Gottes Treue nicht aufheben und zunichte machen. Und indem sich in der Fremde, in Babylonien neue Lebensmöglichkeiten auftaten und später, wer wollte, sogar in die ursprüngliche Heimat zurückkehren konnte, zeigte sich, wurde erfahrbar: Gott hat uns gefunden. Er lässt sein Volk nicht im Stich. Und dieser suchende Gott, der die Suche nach uns Menschen nicht aufgibt, bis er uns gefunden hat, begegnet uns auch in Jesus. Er geht uns sogar ins Land, ins Reich des Todes nach, um uns vor dem Untergang zu retten und von dort herauszuholen.

Der Hirte im Gleichnis, das ist ein zweiter Punkt seiner Besonderheit, legt sich das gefundene, wie es heißt, "auf die Schultern voller Freude" (Lk 15,5). Das mag ein irdischer Hirte vielleicht auch tun. Aber denkbar ist auch: je länger die Suche gedauert hat, desto mürrischer und ärgerlicher ist er geworden "Mensch, was macht mir dieses Schaf zu schaffen und bereitet mir Sorgen und Mühe". Und entnervt, eher wütend legt er sich's über die Schultern. Der himmlische Hirte, Gott, tut's "voller Freude". In ihr löst sich die ganze Angst um das verlorene, denn ein Mensch, der sich von Gott trennt, tut sich selbst weh, was Gott schmerzt. Aus Schmerz und Angst um uns, mit dem Ziel, dass unser Leben Fülle, Kraft, Blühen finde, die es in Verbindung mit ihm hat, macht sich Gott auf die Suche. Und feiert ein Fest der Freude, wenn die Suche zum erfolgreichen Abschluss im Finden geführt hat.

Das ist ein dritter Punkt für die Besonderheit des Hirten im Gleichnis. Denn ob ein irdischer Hirte wirklich Freunde und Nachbarn zusammenruft, um das Finden eines verlorenen Schafes zu feiern? (s. Lk 15,6). Gott, der himmlische Hirte, feiert und der ganze Himmel mit ihm. Wie sehr liegen wir, jede einzelne, jeder einzelne, doch Gott am Herzen!

Wer das Gleichnis aufmerksam liest, wird am Ende auf eine gewisse Veränderung stoßen. War zuvor im Bild vom Hirten ausschließlich von Gottes Aktivität die Rede: er sucht bis er's findet; er legt sich "voller Freude" das gefundene auf die Schultern; er lädt Freunde und Nachbarn zum Freudenfest über das gefundene ein, so ist am Ende von der Aktivität von Menschen die Rede. Es heißt da als zusammenfassender Satz Jesu: "Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen" (Lk 15,7).

Das Wort "Buße" hat kaum einen freudigen Klang in unseren Ohren. Besser ist da schon das neue Wort "Umkehr". Und noch besser, schöner wird es, wenn man sich fragt, was Buße, Umkehr im Zusammenhang des Gleichnisses vom Hirten bedeutet, der sucht, bis er findet. Da kann man nur sagen: Buße, Umkehr bedeutet: Nicht länger weglaufen, sondern sich umdrehen zu dem sich uns suchenden Gott, sich finden lassen von ihm, zulassen, dass er uns auf die Schultern nimmt „voller Freude”, zulassen, genießen, dass er uns hält und trägt in ein neues Leben. Es ist durch zweierlei gekennzeichnet: zum einen man lebt als Gerechter, das heißt als Mensch, der sagt und tut, was in Gottes Augen recht, richtig, gut ist, als Mensch, der wie der suchende Gott selbst, gehalten, getragen, bewegt von ihm, zum Lebensförderer und Lebensretter wird. Und zum anderen gehört zum neuen Leben, dass man sich von Gott tragen lässt bis in den Himmel, in die Ewigkeit hinein. Kein Sturm im Leben, auch nicht der Tod reißt uns aus Gottes Hand.

Kinder mögen, lieben es, wenn sie ein Erwachsener auf die Schultern setzt und trägt. Da jauchzen und lachen sie und spüren: mich hält eine stärkere Hand als die eigene. Wir sind möglicherwiese keine Kinder mehr, was das Alter anbelangt, aber das kindliche Vertrauen mögen wir uns, egal, wie alt wir sind, bewahren, nämlich dass Gott uns gefunden hat, dass er uns voller Freude auf die Schultern gesetzt hat, uns und unser Leben hält und trägt, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

2011-07-17 Predigt zu 1 Mose 50,15-21 (4. Sonntag nach Trinitatis, 17.7.11)

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Wahrscheinlichkeit ist groß: Wer immer zumindest einige biblische Geschichten kennt, kennt wohl auch die von Josef und seinen Brüdern. Erinnern Sie sich? Erinnert Ihr Euch? Der Vater, Jakob, hat eine besonders enge Beziehung zu ihm, drückt das auch durch ein besonderes, buntes Gewand aus; die Brüder fühlen sich benachteiligt. Und da sind Josefs Träume, die in der Familie für Verstimmung sorgen: von Garben, die sich vor seiner Garbe beugen, von Sonne, Mond und elf Sternen, die sich vor ihm neigen, erzählt er. Und als er eines Tages zu seinen Brüdern aufs Feld kommt, da kocht der angestaute Ärger so hoch, dass die Absicht im Raum steht, ihn zu töten. Am Ende wird davon abgelassen, die Brüder werfen Josef in eine ausgetrocknete Wassergrube und verkaufen ihn dann an eine Handelskarawane auf dem Weg nach Ägypten. Das bunte Gewand Josefs beschmieren sie mit Blut, um zu Hause den Vater zu täuschen, zu belügen, indem sie sagen, ein wildes Tier hätte Josef zerrissen. Verbitterung, Schmerz, fast Untröstlichkeit lösen sie mit ihrer Falschnachricht aus. Und Josef? Als Sklave, Diener von Potifar, einem hohen Beamten des Pharao, steigt er in dessen Haus auf. Doch dann kommt der Vergewaltigungsvorwurf von Potifars Frau, die ein Auge auf Josef geworfen hatte, und er landet im Gefängnis. Seine traumdeuterischen Fähigkeiten führen dazu, dass man ihn eines Tages zum Pharao führt und er ihm die Träume von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen sowie von den sieben vollen und den sieben dünnen Ähren deutet, die auf kommende sieben gute und sieben schlechte Jahre hinweisen. Er macht Vorschläge, wie zu verfahren sei, um mit der Situation zurecht zu kommen und sie zu meistern. In der Folge steigt Josef am Hof des Pharaos auf, er wird Vizekönig. Und eines Tages stehen, ohne dass sie Josef erkennen, seine Brüder vor ihm, die wegen einer Hungersnot aus Kanaan nach Ägypten gezogen waren um Getreide zu kaufen. Später, als klar geworden war, wer Josef ist, zieht die ganze Familie nach Ägypten und findet so Rettung vor Dürre und Hunger, ihr bedrängtes Leben findet Zukunft. Doch dann stirbt Jakob, das Familienoberhaupt, und Josefs Brüder bekommen es mit der Angst zu tun. Damit setzt der heutige Predigttext ein. Die Brüder befürchten, dass Josef mit dem Tod des Vaters alle bisherige Rücksichtnahme mit Blick auf ihn fallen lassen könnte. Wir hören: "Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben" (1 Mose 50,15). Sie befürchten, Josefs bisheriges freundliches Verhalten könnte umschlagen in ein abrechnendes "So wie du mir, ich auch dir'". Ihre Angst ist so groß, dass, wie es scheint, sie sie in eine neue Lüge treibt. Sie stellen den Vater als Schutzschild vor den möglichen Zorn Josefs. Angeblich soll er vor seinem Tode ihnen aufgetragen haben: "So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben" (1 Mose 50,16.17). Und so groß ist die Angst vor Vergeltung und Heimzahlung, dass die Brüder die Bitte um Vergebung gleich noch einmal wiederholen.

In der Tat: Josef hätte seine ganze Macht ausspielen können, aber was tut er, wie reagiert er? "Aber Josef weinte" (1 Mose 50,17). Wir sind doch Menschen, ein Fleisch und Blut, sogar aus einer Familie, und da sollte nach geschehenem Leid nun noch neues, weiteres zugefügt werden? Soll das Glück, dass wir zueinander gehören und dass wir uns wieder gefunden haben, zerstört werden? Vielleicht weint Josef darüber, dass seine Brüder ihm Vergeltung überhaupt zutrauen. Soll seine bisherige Hilfe und Freundlichkeit denn nur gespielt gewesen sein? Vielleicht sind es auch ein paar Tränen über sich selbst: Habe ich mich immer angemessen, richtig verhalten, so dass menschliches Miteinander gefördert und aufgebaut und nicht belastet oder gar zerstört wurde? - Eines kann man den Brüdern Josefs in jedem Fall hoch anrechnen. Sie stehen zu ihrer Schuld und versuchen nicht, ihr Fehlverhalten, ihre Missetat schönzureden, zu verharmlosen, zu relativieren oder irgendwie auf andere abzuwälzen.

"Ich entschuldige mich", in dieser Form wird öfter mit Fehlverhalten umgegangen. Aber kann ein Mensch sich selbst entschuldigen? Das geht nicht. Entschuldigung, Vergebung kann immer nur der durch Fehlverhalten Geschädigte gewähren und zusprechen. Eine Schuld kann auch selten wieder gut gemacht werden. Wie sollte ein Mensch, der einen anderen zum Beispiel durch Fahrlässigkeit bei einem Unfall schwer schädigt, vielleicht in den Rollstuhl bringt, das wirklich wieder gut machen? Wie könnten Josefs Brüder Angst, Todesangst, Sklaverei, Gefängnisjahre, die ihr Fehlverhalten über ihren Brüder direkt oder indirekt gebracht haben, wieder gut machen? Man kann die Uhr nicht mehr zurückstellen vor den Augenblick, an dem man schuldig wurde und durch das Fehlverhalten mehr oder weniger großen Schaden angerichtet hat.

"Vergib doch", "nun vergib doch" (1 Mose 50,17), so bitten die Brüder Josef. Das hebräische Wort, das für "vergeben" im Urtext steht, bedeutet auch "tragen". An einem Fehlverhalten haben die beteiligten, insbesondere die betroffenen, geschädigten Menschen zu tragen. Bitte um Vergebung ist deswegen die Anfrage an den Menschen, den man geschädigt hat: Kannst du tragen, ertragen, was ich dir zugefügt habe und was mir leid tut, aber nicht rückgängig zu machen ist, ohne mir Gleiches zu wünschen und heimzuzahlen, ohne mit mir zu brechen?

Josef hat die Größe zu solcher Vergebung. Er unterbricht damit den Tat-Tatfolge-Zusammenhang, wonach man einem Übeltäter wünscht oder antut, oder antun lässt, was er einem selbst zugefügt hat. Durch Vergebung ist Josef nicht länger das passive Opfer der Missetat seiner Brüder, sondern wird zum aktiven Wohltäter, der bereit ist, ein neues Kapitel in der gemeinsamen Geschichte aufzuschlagen und zu schreiben. Es soll ein schönes Kapitel werden.

Was Josef bei seiner Bereitschaft zur Vergebung hilft, ist eine Gotteserfahrung und Gotteserkenntnis, die er gemacht hat, nämlich, dass Gott in allem, was ihm seine Brüder direkt oder indirekt an Bösem zugefügt haben, ihn nicht im Stich gelassen hat, sondern Wege aufgetan hat zur Gutwerdung des Lebens. "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen" (1 Mose 50,20), so bringt Josef seine Gotteserfahrung und -erkenntnis auf den Punkt. In anderer Übersetzung: "Habt ihr, ihr Böses wider mich geplant, Gott hats umgeplant zum Guten".

Es ist für uns, unsere Mitmenschen, die Welt, das Leben immer besser, wenn unser Wirken nicht Angst, Schrecken, Missetat bedeutet, sondern wir, im Bild gesprochen, einander und der Welt soviel Himmlisches ermöglichen wie nur möglich, wir also entsprechend der Würde unserer Gotteskindschaft wirken. Aber es ist auch tröstlich zu wissen: unsere Schuld, unser Fehlverhalten bringt nicht das Leben zu Fall. Gott plant um, so dass sich neue Wege auftun zur Gutwerdung des Lebens. Diesen Gott hat Josef erfahren; wir sind mit ihm in Berührung gekommen und verbunden durch Jesus. In Jesus unterstreicht der Gott Israels mit Worten aus dem Predigttext gesagt, sein Ziel, "nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk" (1 Mose 50,20), und das sogar in Ewigkeit. Amen.

2011-07-24 Predigt zu Joh 1, 35-42 (5. Sonntag nach Trinitatis, 24.7.11)

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie kommt man in Verbindung und in eine Beziehung mit Jesus? Wie wird man zu einem Menschen, der Jesus nachfolgt? Auf solche Fragen will der heutige Predigttext Antwort geben. Und wir wissen ja selbst: kein Mensch kommt mit einem Jesus-Gen in seinem Erbgut auf die Welt, und nicht alle Menschen, die auf der Welt sind, folgen Jesus nach. Offensichtlich ist Jesus-Nachfolge schon etwas Besonderes. Und sie beginnt damit, dass Menschen auf irgendeine Weise auf Jesus aufmerksam gemacht werden. So ereignet es sich auch in dem Geschehen, das der Predigttext erzählt. Am Anfang hören wir, dass da Johannes der Täufer mit zwei seiner Jünger steht, und da kommt Jesus vorbei; und wie jemand, der das, was er sieht, gleichzeitig ausspricht und nennt, manchmal mit Überraschung oder Staunen in der Stimme, so sagt auch Johannes der Täufer: "Siehe, das ist Gottes Lamm!" (Joh 1,36) Er macht mit dieser Aussage zu Jesus seine beiden Jünger neugierig. Gottes Lamm? Das ist doch wirklich eine merkwürdige Bezeichnung und Wortkombination: ein Lamm ist ein Tier in den Händen anderer, gilt als wehrlos, man kann es schlachten und opfern, und sein Fleisch dient zur Nahrung, ermöglicht durch den Verlust des eigenen Lebens das Leben anderer. Und da ist Gott, der Höchste, Stärkste, das Leben, unsterblich, ewig. "Gottes Lamm", eine merkwürdige Wortzusammensetzung. Sie setzt die beiden Johannes-Jünger in Bewegung. "Und die zwei Jünger hörten ihn", Johannes den Täufer "reden und folgten Jesus nach" (Joh 1,37). Dieser merkt, dass da jemand, Leute hinter ihm hergehen, und er "wandte sich um" (Joh 1,38); Jesus wendet sich ihnen zu, Jesus wendet sich Menschen zu. „Was sucht ihr?” (Joh.1,38) - so fragt er die beiden, die hinter ihm hergingen. Es ist das erste "Wort im Johannesevangelium", das Jesus selbst spricht, also ein grundlegendes Wort. "Was sucht ihr?" Wonach seid ihr auf der Suche? Was wollt ihr finden? Jesu Frage zeigt: er ist offen für das, was Menschen bewegt; man kann, man darf sich bei ihm aussprechen. Er interessiert sich für unser Leben, für das, was uns beschäftigt und bewegt. "Was sucht ihr?" Was suchen wir?

Die beiden Jünger hatten zunächst nur einen Wunsch. "Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi - das heißt übersetzt: Meister - "wo ist deine Herberge?" (Joh 1,38) Wo ist "deine Bleibe?", so könnte man etwas näher übersetzen, denn nach dem griechischen Urtext fragen sie wörtlich: "Wo bleibst du?" Jetzt, wo die Sonne langsam untergehen und es dunkel werden wird. Denn "es war aber um die zehnte Stunde" (Joh 1,39).

Die Bleibe, die Herberge, das Zuhause von Menschen gibt Auskunft darüber, was diesen Menschen für ihr Leben wichtig, wesentlich, von Bedeutung ist. Wie es dort aussieht, kann auch ein Hinweis darauf sein, wie es um Menschen gerade steht. In gewisser Weise ist die Bleibe, die Herberge, das Zuhause von Menschen ein Spiegel ihrer Seele, auch ein Hinweis darauf, was sie suchen in ihrem Leben. Es gibt Menschen, die andere, zumindest ausgewähltes Publikum, mit leisem Stolz in ihr Haus führen; man findet aber auch die Haltung: "So jemand kommt mir nicht ins Haus!" Manchmal lässt man Menschen nicht ins Haus, weil man sich schämt, wie es drinnen aussieht.

Jesus, so kann man es ausdrücken, hat in jedem Fall ein offenes Haus, ein Haus der offenen Tür. Jede, jeder ist herzlich willkommen. Die beiden, die ihn nach seiner Herberge, seiner Bleibe fragen, lädt er ein: "Kommt und seht!" (Joh 1,39) Und das tun sie. Sie gehen mit Jesus mit, sie sehen ihm zu, sie hören ihn, sie verschaffen sich einen persönlichen Eindruck. Was sie erfahren und erleben, was sie hören und sehen, wird nicht gesagt. Aber eines dürfte sicher sein: in ein Haus, in dem viele edle, teure Dinge herumstehen, kommen sie wohl nicht. Jesus ist nicht groß in Äußerlichkeiten, es zählt weniger das Haben, umsomehr aber das Sein. Und Jesu Sein, Jesu Wesen muss jene zwei beeindruckt haben: die Größe seiner Hoffnung, die Größe seiner Güte, die Größe seiner Liebe. Draußen ging die Sonne unter und wurde es dunkel, den zwei Männern in der Gegenwart Jesu aber geht ein Licht auf, was sie hören und sehen, berührt sie, tut einfach gut; sie sehen sich durch Jesus beschienen vom Licht Gottes, das stärker ist als jede Finsternis. Sie spüren, erkennen: Jesu Bleibe, Jesu Zuhause ist letztlich kein Ort auf dieser Erde, sondern das Land des Himmels, die Ewigkeit, deren Lichtglanz Gott durch ihn, in ihm in die Welt bringt. Immer schon ist der Gott Israels der Welt und den Menschen wieder und wieder heilbringend nahe gekommen, hat sich ihnen zugewendet, nun aber ist er in Jesus unmittelbar ganz und gar da. Jesus ist ganz und gar von ihm erfüllt und durchdrungen. Sie spüren: So nah, wie Gott in Jesus kommt, war er noch nie. Und die neue Bestätigung und Unterstreichung der Hingabe Gottes in Jesus genießen sie. "Sie kamen und sahen's und blieben diesen Tag bei ihm" (Joh 1,39). Ja mehr noch: von einem der beiden, die Jesus in seine Herberge gefolgt waren, von Andreas, heißt es ausdrücklich, dass er seine Erfahrungen und Erkenntnisse mit Blick auf Jesus an seinen Bruder Petrus weitergibt: "Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte" (Joh 1,41). Und er nimmt seinen Bruder mit, damit nun auch Petrus in Verbindung mit Jesus trete, ihn kennenlerne und die Liebe und das Leben Gottes genieße, die Jesus in die Welt bringt. Andreas gibt sozusagen die Einladung, die er von Jesus erhalten hat, „Kommt und seht!”, an seinen Bruder weiter. Und so entsteht eine Bewegung, durch die die Einladung Jesu von Mensch zu Mensch weitergegeben wird durch die Zeiten hindurch. Auch uns hat sie erreicht. Und auch wir sind zu dem Schluss gekommen im Blick auf Jesus: in ihm setzt Gott ein neues Zeichen seiner Liebes- und Rettungsgeschichte. "Kommt und seht!" - so lädt Jesus ein, und das bedeutet auch: Glaube entsteht niemals durch Zwang oder Druck, sondern indem Menschen sich auf die Einladung Jesu einlassen und ihn auf sich wirken lassen. Das verändert unser Leben; es tut gut: wir spüren und erkennen mit Blick auf Jesus Gottes heilschaffende, befreiende, rettende Gegenwart, seine Hingabe uns zugute, durch die wir selbst im Tod gehalten sind und zu ewigem Leben getragen werden. Amen.

2011-08-28 Predigt zu 2 Mose 19,1-6 (10. Sonntag nach Trinitatis /Israel-Sonntag, 28.8.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Unter anderem am Straßburger Münster befindet sich in plastisch-bildlicher Weise eine sogenannte typologische Darstellung von Ecclesia, das ist die Kirche, das Christentum, und Synagoge, das ist das Judentum. Da bringen Christen zum Ausdruck, wie sie das Verhältnis zwischen Kirche und Synagoge, zwischen Christen und Juden sehen. Die Kirche ist in solchen Darstellungen als gekrönte Frauengestalt zu sehen mit Kelch und Siegesfahne, die Synagoge auch als Frauengestalt, aber "meist alt, müde, traurig mit gesenktem Kopf, verbundenen Augen, verrutschter Krone" und mit gebrochener Fahne oder Lanze. Was die bildliche Darstellung sagen will, ist eindeutig: die Ecclesia, die Kirche triumphiert über die Synagoge; die Kirche ist das neue Gottesvolk, löst das Volk Israel ab, weil Juden blind seien für Gottes Heilswerk in Christus. Man kann sich denken; wenn man das Judentum als eine minderwertige Religion und Lebensform betrachtet, dann ist es nur ein kleiner Schritt, dass man auch die Menschen, die ihm anhängen, als minderwertig ansieht und entsprechend behandelt. Unsere Bibel hat zwei Teile; den ersten nennen wir "Altes Testament", "alter Bund", den zweiten nennen wir "Neues Testament", "neuer Bund". Wie verstehen wir die Begriffe "alt" und "neu" in diesem Zusammenhang? Bedeutet "alt" für uns "altehrwürdig", das, was zuerst, als erstes da ist und so grundlegende Bedeutung hat, oder verstehen wir "alt" im Sinne von veraltet" und "überholt"? Und das Neue ist dann ensprechend das, was das Alte ablöst und ersetzt. Oder können wir es so sehen: "Neu" als erneute Bestätigung, Bekräftigung, Unterstreichung des "Alten"?

Christen, insbesondere auch lutherischer Prägung, haben im Laufe der Geschichte Altes und Neues Testament häufig einander entgegengesetzt. Im Alten Testament gehe es um den gebietenden Gott, im Neuen um den der Gnade, im Alten Testament sei von einem vergeltenden Gott die Rede, der diejenigen bestraft, die seinen Forderungen nicht nachkommen, im Neuen von dem Gott der Liebe und Vergebung. Das Alte Testament sei "Gesetz", das Neue "Evangelium", das Alte Drohbotschaft, das Neue Frohbotschaft. Wie fehlgeleitet und falsch Aufteilungen und Zuordnungen dieser Art sind, zeigt zum Beispiel der heutige Predigttext. Er steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Evangelium, also der frohen Botschaft, auf die im Alten Testament wieder und wieder Bezug genommen wird, nämlich der Befreiung der Kinder Israels aus der Sklaverei in Ägypten durch Gott. Gott ist Befreier, Retter, Lebenschaffer, Lebenermöglichender, das ist die grundlegende Frohbotschaft des Alten Testaments. In Israels Freude über die Befreiung mischt sich allerdings auch ein Wermutstropfen. Gott selbst spricht ihn an: "Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe" (2 Mose 19,4). Auf die zehn Plagen und den Untergang der ägyptischen Soldaten im Schilfmeer wird damit hingewiesen. Haben wir da den strafenden Gott, den manche für typisch alttestamentlich halten? Man muss genau hinschauen. Zunächst: Es ist nie und nimmer Gottes Absicht zu strafen. Eben auch gegenüber dem Pharao ist er geduldig, langmütig, unternimmt viele Versuche, dass der König die Israeliten in die Freiheit ziehen lasse. Und erst am Ende steht das rätselhafte Phänomen, das bis heute immer wieder auftaucht: Mahnungen und Warnungen im Guten werden überhört und in den Wind geschlagen bis zur Verhaltensänderung nur noch übrig bleibt, dass ein Mensch durch Schaden klug wird. Wenn die Erstgeburt Ägyptens stirbt und die ägyptische Streitmacht im Meer versinkt, dann spiegelt sich darin die Erfahrung und Erkenntnis wider: wer Gottes Heilswillen entgegen handelt, kann sich nicht halten und geht unter. Wer das Leben nicht will, findet den Tod. Die Israeliten werden von Gott aus unterdrückerischen Händen in die Freiheit getragen, und zwar "auf Adlerflügeln", will sagen: von Gott Getragene übersteigen, überwinden alle Hindernisse. Auch das ist Evangelium. Ich habe euch getragen "auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht", so hören wir als Gottesrede im Predigttext. Es ist Gottes eigene Aktivität, Menschen zu sich zu bringen. Im Predigttext ist es der Berg Sinai. Mose steigt dort hinauf, weil Gott herabgekommen ist aus seiner ewigen, himmlischen Welt in diese von ihm geschaffene irdische Welt. Berge werden immer schon als Orte erlebt, wo Himmel und Erde sich verbinden. Am Sinai verbindet sich Gott mit Israel, schließt einen Bund mit ihm, macht es zu seinem Eigentumsvolk. Ihr sollt "mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein" (2 Mose 19,5). Hier zeigt sich der Auftrag Israels, der aus dem Bundesschluss sich als Folge ergibt. Die ganze Erde gehört Gott, aber noch kennt nicht die ganze Erde, noch kennen nicht alle Menschen ihren Gott, den einen-einzigen Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde und Befreier zum Leben ist. Auf ihn soll Israel mit seiner Existenz aufmerksam machen, durch sein Leben andere Völker und Menschen für ihn gewinnen. "Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein" (2 Mose 19,6), so lauten Würde und Auftrag Israels, mit dem Predigttext gesprochen.

Im Laufe seiner Geschichte ist Israel dieser Aufgabe immer wieder mehr oder weniger gerecht geworden. Aber nie hat Gott seinen Bund mit seinem Volk aufgekündigt. Er hat ihn stets erneuert, stets neu mit seinem Volk angefangen, stets neue Kapitel seiner Liebes- und Befreiungsgeschichte mit Israel und der Welt eröffnet. Ein solches neues Kapitel ist auch die Geschichte, die Gott in Jesus schreibt. Durch Jesus kommen mehr Völker als je zuvor mit dem einen-einzigen Gott Israels, dem Schöpfer und Befreier, in Berührung. In Jesus neigt er sich neu Israel und der Welt zu und bestätigt, unterstreicht das letzte Ziel seines Befreiungswirkens: die Rettung aus der Sklaverei des Todes.

Juden können sehr wohl in Jesus einen heiligen Menschen, ja einen Propheten Gottes sehen. Warum die meisten ihn nicht als Messias anerkennen, wie wir als Christen es tun, bleibt ein Geheimnis. In jedem Fall weist der Apostel Paulus, der zu den christusgläubigen Juden gehört, ausdrücklich darauf hin, dass auch den nicht-christusgläubigen Juden Gott seinen Bund nicht aufgekündigt hat. Sie bleiben von Gott Erwählte. "Denn", wie Paulus im Römerbrief schreibt, "Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen" (Röm 11,29). Und darum wird am Ende auch für ganz Israel wie für uns als Christusgläubige die Rettung zu ewigem Heil stehen (s. Röm.11,26).

Für uns als Christen stellt sich die Frage: Wurden unsere Vorfahren, werden wir selbst dem Glauben, der Verbindung mit dem einen-einzigen Gott, dem Befreier zum Leben, der sich uns in Jesus zeigt, gerecht? Man wird sagen müssen: so wie Christen im Laufe der Geschichte mit Juden oft umgegangen sind, ist eine Hohnsprechung Gottes, ein Verrat an den einen-einzigen Gott, der das Blühen des Lebens will. Auch wir als Christen reden, handeln immer wieder, weiß Gott, nicht heilstiftend, nicht heilvoll. Und wie gut ist es da, glücklich zu schätzen sind wir, dass wir durch Jesus zu Israels Gott gehören, dem Befreier. Denn wie mit Israel fängt er auch mit uns stets neu an, neigt sich auch uns stets neu zu, trägt auch uns „auf Adlerflügeln”. Keiner unterdrückerischen Macht sind wir mehr hilflos ausgeliefert, auch nicht der Sklaverei der Lieblosigkeit und des Todes. Gott holt uns heraus und lässt uns alle Hindernisse überwinden auf dem Weg zum Blühen des Lebens in Ewigkeit. Amen.

2011-09-11 Predigt zu Jes 29, 17-24 (12. Sonntag nach Trinitatis, 11.9.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Jeden Tag treffen wir Menschen unzählige Entscheidungen. Manche treffen wir "aus dem Bauch" heraus, nach Gefühl, wobei sich später aber auch herausstellen kann: es wäre besser gewesen, vor der Entscheidung noch einmal über eine Angelegenheit zu schlafen und sie länger zu bedenken. Manche Entscheidungen über schwierige Fragen werden erst nach langen Überlegungen und Abwägungsprozessen getroffen. Es gibt bald sieben Milliarden Menschen auf der Erde; und die bewussten und unbewussten Entscheidungen eines jeden davon, bestimmen das Leben mit. Auch eben die Entscheidungen, die ein jeder, eine jede von uns hier trifft, beeinflussen das Leben der Welt, die Qualität des Lebens. Darum ist es wichtig, dass wir gute Entscheidungen treffen. Aber was ist gut? Was ist das Gute? Was ist sein Maßstab?

Wie sehr die Ansichten über das, was richtig, recht und gut ist, auseinanderfallen können, kann einem an einem Datum wie dem heutigen deutlich werden. Heute, am 11. September, jähren sich zum zehnten Mal die Anschläge in den USA; einer davon, der, wo Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers in New York gesteuert wurden, hat sich vielen Menschen besonders ins Gedächtnis eingebrannt. In diesen Tagen wird in besonderer Weise an jene Ereignisse erinnert. Man findet Überschriften wie "11. September 2001: Ein Tag verändert die Welt". Die, die Anschläge ausübten, hielten sich für Kämpfer für eine gerechte und gute Sache, gar für Gotteskämpfer, denen das Paradies offen stehe, die andere Seite sieht in ihnen Mörder, Verbrecher, die Zerstörung, Leiden, Tod über andere gebracht haben. So sehr können Ansichten über "richtig" und "gut" auseinanderfallen. Die Entscheidungen der Attentäter vom 11. September als Angehörige einer vergleichsweise kleinen Gruppe hatten große Auswirkungen auf die ganze Welt. Krieg gegen den Terror wurde aufgenommen, von dem man aber wohl sagen muss: seine direkten und indirekten Folgen haben noch viel, viel mehr Opfer gefordert als schrecklicherweise schon jene Anschläge selbst. Und so sehr hat die Angst die Welt im Griff, dass man von Zuhause nichts mehr zum Trinken in ein Flugzeug mitbringen darf: es könnte Sprengstoff sein.

An vielen Stellen, in kleinerem oder größerem Ausmaß schaffen Entscheidungen von Menschen immer wieder Unheil. Und gleichzeitig lebt in vielen Menschen die zwar angefochtene, angegriffene und doch nicht tot zu kriegende Hoffnung auf einen Wandel der Verhältnisse zum Guten. Heil wird sich durchsetzen gegenüber dem Unheil. Diese Hoffnung prägt, kennzeichnet auch den heutigen Predigttext. Und so heißt es dort beim Propheten Jesaja unter anderem: "Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, unheil anzurichten" (Jes 29,22).

Hier kommt Israels Erfahrung zum Ausdruck, dass sein Gott ein befreiender Gott ist. Jesaja sagt in seiner Verkündigung: "Darum spricht der Herr, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob" (Jes 29,22). In einer Auslegung wird das mit Bezug auf Abrahams Herkunftsort 'Ur als Rettung aus Lebensgefahr gedeutet, denn 'Ur bedeutet "auf Aramäisch 'Flamme'". Abraham ist also erlöst, befreit worden aus Gefahr, die wie ein zerstörendes Feuer mit seinen Flammen ist. Die biblischen Geschichten von Abraham zeigen, dass Gott mit ihm unterwegs ist, was einschließt: Gott bahnt ihm einen Weg auch durch Gefahren hindurch. Und nicht zuletzt: Gott schließt einen Bund mit Abraham, dem Stammvater des Volkes Israels, und sagt ihm und seinen Nachfahren damit unzerbrüchliche Treue zu. Nichts und niemand kann Gott von seinem Volk scheiden. Darum können Unheilserfahrungen, ob man ihre Hintergründe und Ursachen versteht, vielleicht sogar Anteil davon hat, oder nicht, nicht das letzte Wort sprechen. Durchsetzen wird sich immer wieder die Freude an Gott, der erlösend, befreiend handelt. Mit dem Predigttext gesprochen: "und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels" (Jes 29,19). Dass Israel im Laufe seiner Geschichte schwerste und dunkelste Zeiten überwunden hat, aber auch, dass die Erde durch viele Gefahren hindurch noch steht, und dass auch wir da sind, obwohl auch unser Leben bedrängt und bedroht sein kann, kann man als Zeichen sehen, dass „der Herr, der Abraham erlöst”, befreit hat, weiterhin wirksam ist. Ja, in Jesus bestätigt und unterstreicht Gott, dass seine Geschichte mit Israel, mit seiner Welt, mit uns eine Geschichte ist, die gut ausgeht und in ewiges Heil mündet.

Manchmal trifft Unheil die Welt wie ein Paukenschlag, so wie am 11. September 2001, aber unerschütterlich, unsterblich bleibt doch die Hoffnung auf Überwindung allen Unheils. Und Wandlungen zum Guten sind, manchmal überraschend und unerwartet, manchmal eher unmerklich, aber auch wirksam, doch eingetreten, denn sonst wären Welt und wir nicht.

Zur Wandlung der Welt, des Lebens zum Guten gehört nicht zuletzt, dass Menschen sich von Gott ansprechen und bewegen lassen. Solche Menschen gibt es gemäß der Verheißung des Jesaja: "Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen" (Jes 29,24). Es sind Menschen, die in ihrem Leben und den darin zu treffenden Entscheidungen danach fragen, was in Gottes Augen, in den Augen des zu heilvollem Leben erlösenden Gottes recht, richtig, gut ist. In Übereinstimmung mit Gottes Heilswillen zu sprechen und zu handeln, bedeutet Heiligung des Namens Gottes und Ehrfurcht vor Gott; "sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten", so heißt es bei Jesaja (Jes 29,23). Und im Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, sprechen auch wir mit Blick auf diesen Gott: "Dein Name werde geheiligt" (Mt 6,9). Man heiligt Gott durch Wort und Tat, "durch die Umkehr zu Ihm, die immer eine Abkehr von all dem ist, was Menschen Menschen an Schrecklichem zuzufügen vermögen". Was Erlösung, Befreiung bedeutet, was gut ist in seinem Sinne, stellt Gott der ganzen Welt in Jesus vor Augen. Leben soll geheilt und heil werden, jetzt schon und vollendet in Ewigkeit. Jede, jeder kann an der Gut- und Heilwerdung des Lebens mitwirken, indem wir uns von dem erlösenden, befreienden Gott prägen und bewegen lassen in unserem Leben und all seinen Entscheidungen. Amen.

2011-09-18 Predigt zu Mk 3, 31-35 (13. Sonntag nach Trinitatis, 18.9.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

In den zurückliegenden Monaten gab es auch in unserer Kirchengemeinde wiederholt Veranstaltungen zum sogenannten "család éve", zum "Jahr der Familie". Einerseits werden viele Menschen überwiegend positive Erfahrungen mit Blick auf die Familie haben, wenn sie an Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Oma, Opa, Uroma, Uropa denken. Andererseits erschrecken uns aber auch immer wieder Nachrichten, die von Gewalt und Kindesmissbrauch in Familien erzählen. Familien sind öfter nicht die heile Welt, wie man sie sich wünscht oder vielleicht auch vor anderen darzustellen versucht. Manchen Menschen geht es – je nachdem – in ihren Familien zu eng, zu spießig, zu autoritär zu; man leidet an ihr. Die Familie wurde und wird bis heute immer wieder als Keimzelle der Gesellschaft bezeichnet, gemäß der Vorstellung: sind die Familien heil, dann ist es auch die Gesellschaft als Ganze, und umgekehrt: brechen Familien auseinander, dann zerfällt auch die Gesellschaft. Das "Jahr der Familie" scheint ein Reflex darauf zu sein, dass mit vielen Scheidungen auch Familien in die Krise geraten, beziehungsweise, dass durch unterschiedliche Formen von Partnerschaft heute sich auch das Bild von Familie wandelt. Mir scheint das "Jahr der Familie" als Werbung für eine klassische Familienvorstellung mit Vater, Mutter, Kindern und 2-3 Generationen unter einem Dach. Und man hält dieses Familienbild für das christliche, gibt es als das christliche aus und überhört dabei die angeregende, vielleicht auch provozierende Stimme Jesu, die uns einlädt und ruft, neu über unser Leben und eben auch unser Familienleben nachzudenken. Solches geschieht ja durch einen Predigttext wie den heutigen, der in der Luther-Bibel die Überschrift trägt: "Jesu wahre Verwandte". Es gibt die Aussage und die Haltung: "Meine Familie ist mir heilig", will sagen, sie hat für jemanden hohen, ja obersten Stellenwert.

Mit Blick auf Jesus im heutigen Predigttext muss man wohl zu dem Schluss kommen: Für ihn nicht. Für ihn gibt es mehr und Höheres als seine Familie in Nazareth, die Wohnung, den Beruf, die Aufgaben dort. Er ist aus seiner Familie ausgebrochen, was nicht heißt, dass sie ihm egal und ohne Wert wäre. Aber ihre Vorstellungen, Normen, Maßstäbe sind nicht unbedingt die seinen. Wir hören davon, wie sich in einem Haus viele Leute um Jesus versammelt haben. "Und das Volk saß um ihn"(Mk 3,32). Engste Familienangehörige waren auch da. Die aber "standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen"(Mk 3,31). Warum denn das? Warum gehen sie nicht selbst? Warum sprechen sie nicht selbst mit Jesus als dem Sohn und Bruder? Die Antwort findet sich schon ein paar Zeilen vor dem Predigttext in einem anderen Abschnitt: Ihnen ist Jesu Auftreten, wie's scheint, peinlich, sie schämen sich, dass da jemand aus ihren Reihen aus seiner Rolle fällt, die er eigentlich spielen soll und muss im Rahmen der Familie und überhaupt im Rahmen der herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse und Vorstellungen. Angesichts seiner Aktivitäten halten Jesu Familienangehörige ihn für verrückt.

Wir lesen: "Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen"(Mk 3,21).

Sie wollten Jesus "festhalten", also: alles sollte am besten beim Alten bleiben; so wie es war und ist. Bloß nicht auffallen, sondern leben und weitermachen wie bisher. Es gibt manchmal Familientraditionen: da sollen zum Beispiel Sohn oder Tochter beruflich weiterführen, was sie von den Eltern übernommen haben und diese schon von ihren Eltern oder einer noch früheren Generation. Das kann gut sein, es kann aber auch bedeuten, dass jemand der Familie und Familientradition gehorcht, aber nicht tut, was des Herzens Stimme ihm eigentlich sagt. So lebt ein Mensch möglicherweise an seiner eigentlichen Bestimmung vorbei und findet nicht die Erfüllung und das Glück, die für ihn bereitstanden. Statt einen Weg der Lebenserfüllung zu gehen, hat man sich festhalten, vielleicht gar verbiegen lassen durch Erwartungen anderer, nicht zuletzt seitens der Familie. Jesus geht seinen Weg. Er hört auf die Stimme, die in seinem Herzen spricht und es bewegt. Das, was ihm die Angehörigen, die Blutsverwandten aus Nazareth sagen, ist ihm nicht letzter und entscheidender Maßstab. Seine Familie sind nicht Blutsverwandte, sondern Geistesverwandte, wobei beides sich aber auch nicht ausschließen muss. Und so läuft der Predigttext auf Jesu Aussage zu: "Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter." (Mk 3,35) Nicht die Familie als Blutsverwandtschaft und das, was sie sagt, will, erwartet, sondern Gottes Wille ist ihm höchster und entscheidender Maßstab. Und alle, die nach Gottes Willen fragen und Gott in ihr Herz sprechen lassen, sich von Gott ihr Herz bewegen lassen mit Auswirkung in alle Fasern des Lebens hinein, sind ihm wahre Verwandte. Die gesellschaftliche Stellung, die Hautfarbe, das Geschlecht, die Nationalität, das Herkommen, aus welchen Verhältnissen auch immer, spielt keine Rolle. Die familia Dei, die Familie Gottes, ist auf alle Menschen hin und für alle Menschen offen, nicht, niemals eingegrenzt auf eine Haus mit einem Zaun oder einer Mauer herum und einer Familie drin. Wir, über Unterschiede und Grenzen hinweg, gehören auch dazu; darum auch immer wieder die Anrede: "Liebe Schwestern und Brüder!" oder "Liebe Glaubensgeschwister!"

Jesus hat uns in Verbindung gebracht mit Gott als seinem himmlischen Vater. Es ist der Gott Israels, der Menschen nicht in alten Verhältnissen festhält, sondern immer wieder in neue, heilvolle Verhältnisse führt als Helfer, Erlöser, Erretter, Befreier. Er führt sogar aus dem Tod heraus. Zu befreien, neue, gute Verhältnisse zu schaffen, das ist Gottes Wille, Gottes Heilswille. Und alle, die diesen Gott in ihr Herz sprechen lassen und sich auf den Weg machen, seinen Heilswillen mit ihrem Leben umzusetzen, auszustrahlen, die sind Jesu wahre Verwandte, Angehörige der Familie Gottes, Befreite zur Liebe und zum Leben in Zeit und in Ewigkeit. Amen.

2011-09-25 Predigt zu Mk 1, 40-45 (14. Sonntag nach Trinitatis, 25.9.2011) mit Mitfeiernden im Gottesdienst anlässlich des 20.Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Sopron/Ödenburg und Bad Wimpfen

Liebe Schwestern und Brüder!

Wie bekommt man den für heute vorgesehenen Predigttext mit der Situation zusammen, dass heute viele im Gottesdienst sind anlässlich des 20. Jubiläums der Städtepartnerschaft zwischen Sopron/Ödenburg und Bad Wimpfen? Soll man den vorgesehenen Text lassen, um vielleicht einen zu suchen, der besser zur Situation passt?

Als ich in Vorbereitung auf den Gottesdienst selbst über diese Frage nachdachte, kamen mir mehr und mehr Dinge in den Sinn, die zum Ergebnis führten: Passt schon. Text und 20 Jahre Städtepartnerschaft Sopron/Ödenburg - Bad Wimpfen lassen sich aufeinander beziehen. Dass es die Städtepartnerschaft gibt, hängt ja ursächlich mit einem eigentlich traurigen und schmerzlichen Ereignis zusammen. Welche tiefen Spuren, Wunden das direkt oder indirekt mit sich gebracht hat, kann ich selber daran spüren und sehen, dass es in den Jahren meines Hierseins kein Gespräch im deutschsprachigen Teil unserer Gemeinde gegeben hat, bei dem anlässlich eines Besuchs nicht früher oder später die Rede auf das Jahr 1946 gekommen wäre. Damals sind ja im wahrsten Sinne des Wortes Tausende von Menschen ausgesetzt worden aus der Stadt, aus dem Land, die für sie Zuhause, Heimat bedeuteten. Aussetzen und Aussatz gehören sprachlich engstens zusammen. Ein Aussätziger ist ein Mensch '"der außen sitzen muss'", draußen vor dem Dorf, vor der Stadt, getrennt von Familie, Nachbarn, Freunden, der Gemeinschaft, zu der man eigentlich gehörte. Bei den Aussätzigen in der Bibel, die an verschiedenen Formen von Hautveränderungen, Hautausschlägen litten, war das eine Schutzmaßnahme, bei der jeder Einzelfall genau geprüft wurde. Vergleichbar der Situation, dass man heute Menschen bei bestimmten Krankheitssymptomen auf die Isolier-, die Quarantänestation eines Krankenhauses bringt. Und da kümmert man sich um sie, und das Ziel ist natürlich, sie zu heilen und sie so schnell wie möglich wieder in ihr normales Leben, in die vertraute Umgebung und Gemeinschaft zu entlassen. Vor diesem Hintergrund war die Aussetzung Tausender Menschen 1946 keine Einzelfallprüfung, keine Schutzmaßnahme, sondern beliebiges, willkürliches Handeln, ohne Unterschiede zu machen. Dieses Aussetzen hatte den Charakter von Verstoßen ohne Wiederkehr.

Auf der Quarantänestation eines Krankenhauses heute, oder draußen vor dem Dorf, vor der Stadt in alter Zeit kann man Menschen finden, die aus unterschiedlichen Gründen in ihre Situation geraten sind. Manche trifft eine Krankheit, ohne dass man sie und ihr Entstehen wirklich erklären kann. Sie ist da, dunkel und rätselhaft. Manche Menschen aber werden sich selbst eingestehen müssen: O, da habe ich mich fahrlässig, unrichtig, falsch verhalten mit unguten, unheilen Folgen für mich, aber vielleicht auch für andere, die man durch eigenes Fehlverhalten in Mitleidenschaft zieht. Andere müssen wegen meines Fehlverhaltens möglicherweise auch leiden, mitleiden. Denn kein Mensch lebt für sich allein. Alles, was ein Mensch sagt und tut, hat immer auch Auswirkungen auf Mitmenschen, auf die Mitwelt, im Guten und Bösen.

Wir wissen nicht, was die Hintergründe der Erkrankung des Aussätzigen im heutigen Predigttext sind. Auch Jesus stellt keine Ursachenforschung an, um sich je nachdem gegenüber dem Aussätzigen zu verhalten. Selbst wenn der Aussätzige durch eigenes Fehlverhalten, durch eigene Schuld in seine Situation gekommen sein sollte, so zählt für Jesus die große Sehnsucht jenes Menschen, in der er vor Jesus bittend niederkniet und spricht: "Willst du, so kannst du mich reinigen" (Mk 1,41). Willst du, so kannst du meinen unheilen Zustand, meine unheile Situation zum Guten wenden. Und ob Jesus will!

Im Alten, Ersten Testament, wo sich im 3. Mosebuch auch die Regelungen finden, wie im Aussatz-Falle zu verfahren sei, kann man beim Propheten Hesekiel eine sehr grundlegende Aussage zum Wesen und Willen Gottes hören. Da sagt Gott durch Prophetenmund: "Denn ich habe kein Gefallen am Tod des Sterbenden", "darum bekehrt euch", also kehrt um zu mir "so werdet ihr leben" (Hes 18,32, s.auch V.23 und Hes 33, 11a). In Jesus begegnet uns dieser Gott, dessen Wille für uns Leben ist, wieder. Wieder streckt er seine Hände nach Welt und Menschen aus. Man kann unter dem Einsatz der Hände drohen, wegjagen, vertreiben, Jesu Verhalten gegenüber dem Aussätzigen sieht folgendermaßen aus: "und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm" mit Blick auf dessen Bitte, Heilung zu finden: "Ich will's tun, sei rein!" (Mk 1,41) In Jesus ergreift Gott den Aussätzigen, und es verwirklicht sich erneut, wieder sein Wille, unheile Situationen und Verhältnisse zu überwinden. Gott gibt diesen Menschen dem Leben zurück; der Ausgesetzte findet neuen Zugang in sein Dorf; in seine Stadt, mit den Familienangehörigen, Freunden, Nachbarn, Bekannten dort. Erneuerte Gemeinschaft wird möglich.

Alle Heilungsgeschichten des Neuen Testaments haben ihren gemeinsamen Kern in der Unterstreichung und Bestätigung durch die Geschichte Jesu, dass Gottes Wille für uns Leben lautet. Mag dem noch so viel widersprechen und widerstreiten, Weltgeschichte und darin auch unsere ganz persönlichen Lebensgeschichten stehen im Lichte eines Heilwerdungsprozesses hin zu ewigem Heilsein. Jede Heilwerdung schon jetzt ist ein Vorzeichen von dem, was schließlich vollkommen und unangefochten Wirklichkeit sein wird. Wenn Gott in Jesus seine Hand ausstreckt, einen Menschen anrührt, ergreift, wie beim Aussätzigen geschehen, dann als Zeichen: Gott lässt uns nicht fallen, nicht los, wir sind gehaltene in Ewigkeit.

  1. Jahre währt mittlerweile die Städtepartnerschaft zwischen Bad Wimpfen und Sopron/Ödenburg. Wenn wir im Rahmen des Jubiläums nun auch im Gottesdienst zusammen sind, dann vielleicht auch deshalb, weil wir ahnen, spüren, sehen: auch sie ist ein Teil im Heilwerdungsprozess, der von Gott her die Geschichte durchwaltet. Viel Bewegung hin und her im kleineren oder größeren Rahmen hat es im Laufe der Zeit gegeben. Beziehungen wurden besser, heiler; einst von hier "Ausgesetzte" und ihre Nachkommen können sich hier sehr wohl wieder Zuhause fühlen, sind gern hier.

 

Zwar lässt sich die Uhr, die Zeit, die Geschichte nie zurückdrehen, aber vielleicht ist ja auch noch wichtiger, dass Gott sie weiterführt, und zwar so, dass schmerzliche, bittere , leidvolle Erfahrungen nie das letzte Wort sprechen, sondern es immer wieder neu Anlass gibt, einzustimmen in die Worte des Wochenspruchs für heute: "Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat"(Ps 103,2). Auf Wendungen zum Guten, auf Heilwerdung hoffen Menschen unauslöschlich, immer wieder. Und solche Wendungen geschehen auch, immer wieder. Gott sei Dank! Amen.

2011-10-09 Predigt zu Klgl 3,22-26.31-32 (16. So. nach Trinitatis 9. 10. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor Jahren führte ich einmal ein Wiedereintrittsgespräch mit einer Frau, die im Zuge des Todes ihres Bruders aus der Kirche ausgetreten war. Jung war er bei einem Autounfall gestorben. Und die Frau wollte nicht länger einer Kirche angehören, deren Gott so etwas zulasse. Man hätte sich allerdings auch die Frage stellen können: Will denn Gott, ist es sein Wille, dass Menschen, sei's beim Auto, sei's auf anderen Gebieten Techniken nutzen, die möglicherweise unsere Fähigkeiten überfordern? Ist es nicht so, dass wir uns zwar für solche Techniken entscheiden und sie nutzen können, dass wir dann aber auch das Risiko tragen, wenn etwas schief geht? Man macht es sich wohl zu einfach, im Schadensfalle, im Katastrophenfalle kleinerer oder größerer Art Gott die Verantwortung, ja die Schuld in die Schuhe zu schieben für Dinge, die wir uns ausdenken, erfinden und wollen, die sich aber als gefährlich und schädlich und Unheil bringend herausstellen können. Gleichwohl sinnierte mein Griechischlehrer einmal über den menschengemachten und unfallträchtigen Autoverkehr und sagte: "Gemessen an dem, was passieren könnte an Schlimmem, passiert eigentlich recht wenig." Die meisten gefährlichen Situationen gehen doch gut oder zumindest glimpflich aus. Manchmal wird ausdrücklich gesagt: "Da hast du aber einen Schutzengel gehabt", will sagen: Irgendwie mischt Gott mit im großen und kleinen Weltgeschehen und sorgt dafür, dass das Leben nicht untergeht. Unter diesem Eindruck steht auch der Schreiber des heutigen Predigttextes, wenn es dort unter anderem heißt: "Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß." (Klgl 3,22f.) Die Güte, die Barmherzigkeit, die Treue Gottes werden hier als seine eigentlichen Wesensmerkmale hervorgehoben und gepriesen. Es geschieht im Angesicht von notvoller, von schwerer Zeit. Die drei Begriffe sind wie Lichter in der Nacht, die Hilfe und Rettung versprechen.

Dass Menschen in schwere Zeit geraten, kann verschiedene Gründe haben. Im Umfeld des Predigttextes kommen sie zur Sprache. Menschen können Opfer böser Absichten und bösen Treibens von Mitmenschen sein, die einem das Leben schwer oder gar sprichwörtlich "zur Hölle machen". "Alle unsere Feinde reißen ihr Maul auf über uns. Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst", so heißt es an einer Stelle (Klgl 3,46f.). Möglicherweise aber tragen Menschen auch selbst die Verantwortung für Leiden, das über sie kommt und oft auch Auswirkungen auf andere hat und sie in Mitleidenschaft zieht. Wer nicht hören will, muss möglicherweise fühlen, dass er oder sie auf verkehrtem Wege ist. Manchmal scheint es so zu sein, dass nur eine Katastrophe größeren oder kleineren Ausmaßes Menschen zur Besinnung und zum Umdenken bringt. "Lasst uns erforschen und prüfen unseren Wandel und uns zum HERRN bekehren!" (Klgl 3,40), so heißt es selbstkritisch an einer anderen Stelle im Umfeld des Predigttextes. Es kann aber auch sein, dass wir Menschen schlichtweg keine Antwort finden auf das Warum? schwerer und leidvoller Zeit. Man weiß nicht, man kann nicht ergründen, warum Gott sie zulässt. Im Vorfeld des Predigttextes klagt ein Mensch über solche bedrängende und niederdrückende Zeit; unter anderem heißt es an Gott gerichtet: "Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen” (Klgl 3,17), oder: „Gedenke doch, wie ich so elend und verlassen, mit Wermut und Bitterkeit getränkt bin!" (Klgl 3,19) Ja, der Mensch, der hier spricht, hat den Eindruck, dass Gott einen Angriff auf ihn führt, ohne zu wissen, warum. Es gibt Situationen, wo Gott für Menschen ganz unbegreiflich und rätselhaft ist. Der hier betroffene Mensch klagt Gott seine Situation, ja er klagt Gott an. Das mag einem unangemessen oder gar verwerflich vorkommen, doch liegt in der Anklage Gottes eigentlich tiefes Vetrauen zu ihm. Dass ich in so einer schweren, leidvollen Situation stecke, das kann doch nicht dein eigentlicher Wille und schon gar nicht dein letztes Wort über mein Leben sein. Hier hofft einer unerschütterlich auf Gott und das Wiedererleben seiner Güte, die im Augenblick so fern scheint. Wer Gott in schwerer Zeit klagt, gegebenenfalls in seiner Not gar anklagt, nimmt Gott ernster als die Not, im Bild gesprochen: das Licht ernster als die Nacht. Ja, Gott selbst hat einem solchen Menschen die Trotzigkeit, entgegen der Not auf den Sieg des Lichts zu hoffen, in die Seele gegeben. "Du wirst ja daran gedenken, denn meine Seele sagt mir's" (Klgl 3,20), so können wir lesen, und der Anfang des Predigttextes ist wie eine Beipflichtung, eine Zustimmung und Verstärkung der Hoffnung durch andere: "Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und deine Treue ist groß."

Was immer der Grund schwerer Zeit sein mag, von anderen verschuldet, selbst verschuldet oder einfach für uns unerklärlich, rätselhaft, das letzte Wort hat sie nicht. Die unsterbliche Hoffnung auf Überwindung solcher Zeiten ist Hinweis darauf, dass Gott nicht ewig verstößt, aber ewig rettet, dass Gott betrüben mag oder Betrübnis zulässt, aber noch mehr, dass er sich wieder erbarmt "nach seiner großen Güte" (Klgl 3,31f.). Güte, Barmherzigkeit, Treue sind die eigentlichen Wesensmerkmale Gottes, die wieder und wieder neu aufscheinen wie das Licht der Sonne am Morgen, das der Nacht eine Grenze setzt und sie beendet.

Wenn man Menschen fragt: Habt ihr die Nacht oder den Tag lieber, zugespitzter: die Finsternis oder das Licht?, so würden wir uns in der Regel für das Licht entscheiden. Jede, jeder möchte, wenn er in einer schweren, leidvollen Situation steckt, endlich das sprichwörtliche "Licht am Ende des Tunnels" sehen und wieder erleben. Das ist die große, tiefe Sehnsucht und Hoffnung, die Gott in unser Leben hineingepflanzt hat; nicht um sie ins Leere laufen zu lassen, sondern um sie zur Erfüllung und Vollendung zu bringen. Jeder neue Morgen, wenn die Sonne aufgeht, ist ein Zeichen, das unserer Hoffnung auf den Sieg des Lichts entspricht. Wir können aufstehen, auferstehen in einen neuen Tag. Gottes Güte, Barmherzigkeit und Treue machen ihn möglich. Dass das Licht sich durchsetzt selbst nach dunkelster Nacht, das hat Gottes Volk Israel auf seinem Weg immer wieder neu erfahren. Seine Bedränger und Unterdrücker haben nie den Sieg davongetragen. Auch Schuld hat Gott nie davon abgehalten, neu mit seinem Volk anzufangen und seine Güte, Barmherzigkeit und Treue strahlen zu lassen. Wir sind durch Jesus mit diesem Gott verbunden worden. Besser gesagt: dieser Gott hat sich uns durch Jesus bekannt und zueigen gemacht. Auch uns lässt er neu aufstehen jeden Morgen und schließlich auferstehen ins Licht der Ewigkeit, ins Licht der himmlischen Welt hinein. Amen.

2011-10-16 Predigt zu Mk 9, 17-27 (17. Sonntag nach Trinitatis, 16.10.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Da waren Jesus und drei seiner Jünger eben noch auf einem Berg. Im doppelten Sinne waren sie dort dem Himmel nahe. So sehr spürten und erkannten die drei Jünger Gottes Gegenwart, gerade auch im Blick auf Jesus, dass sie wohl am liebsten dort oben geblieben wären. Doch es kommt der Abstieg; nur eine Geschichte weiter, mit dem heutigen Predigttext, befinden sich Jesus und die Jünger wieder in rauher Wirklichkeit des Alltags. Dort oben auf dem Berg erfüllte sie Frieden, jetzt unten stoßen sie auf offensichtlich lauthals streitende Menschen. Oben auf dem Berg begegneten sie Gott in großer Klarheit, jetzt unten unheilvoller Gegenmacht, einem Dämon, der einen Jungen quälte und vom Leben abschnitt. Sein Vater brachte ihn zu Jesus: "Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist" (Mk 9,17). Heißt, er ist von niederdrückenden, das Leben einengenden Kräften besessen. Nie hat sich der Vater mit dieser Situation abgefunden. Er gehört zu dem Typ Eltern, die Erde und Himmel in Bewegung setzen in der Hoffnung, irgendwo doch Hilfe zu finden für ihr Kind in seiner Krankheit und Not. Der Vater hat nicht aufgehört, nach Hilfe zu suchen, auch wenn die Hoffnung wohl manches Mal enttäuscht wurde. Eine davon liegt gerade hinter ihm. Er hatte Jesu Jünger, die nicht mit auf dem Berg waren, um Hilfe gebeten; doch die vermochten nichts gegen die unheilvolle Macht, den Geist in dem Jungen auszurichten. So berichtet es der Vater Jesus. Mit dem Predigttext gesprochen; "Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht" (Mk 9,18).Wieder ein Stück Hoffnung zerbrochen. Wieder der Glaube an Gott und seine Güte erschüttert.

Haben die Jünger zu früh aufgegeben? Haben sie nur halbherzig für den Jungen gekämpft? Nicht wirklich mit Hilfe gerechnet? Haben sie vor der Schwere der Aufgabe und der Größe der Not kapituliert? Jesus spricht in diesem Zusammenhang vom ungläubigen Geschlecht, also von Menschen, die nicht vertrauen. "O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein?" (Mk 9,19), so klagt Jesus. Und er lässt den kranken Jungen zu sich bringen. "Bringt ihn her zu mir!" (Mk 9,19).

Wie groß die Not des Jungen ist, wie sehr unheilvolle Macht ihn quält und beherrscht, zeigt sich Augenblicke später. Mit dem Predigttext gesprochen: Als der Geist Jesus sah, riss er den Jungen. Und der "fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund" (Mk 9,20). Und das geht, wie der Vater Jesus auf dessen Nachfrage hin sagt, schon seit Jahren so. Solches widerfährt ihm "von Kind auf" (Mk 9,21). Und der Vater fügt noch hinzu: "Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte" (Mk 9,22). In dieser Feststellung zeigt sich die ganze Tragweite dessen, was Krankheit bedeutet. Mit jeder Krankheit, die uns Menschen angreift und ergreift, greift uns der Tod an, ergreift uns Todesmacht. Schon jede Krankheit, die das Leben mehr oder weniger stark einschränkt, ist ein Problem; aber das eigentliche tiefe Problem ist der Tod, mit dem Krankheit an ihr Ziel kommt und das Leben total einschränkt, sprich: zunichte macht.

Der Vater bittet Jesus: "Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!" (Mk 9,22). "Wenn du aber etwas kannst", darin schwingt, klingt mit: So viel Rückschläge hat er, haben er, der Sohn und andere in ihrer Hoffnung auf Hilfe erlebt, erlitten, dass Hoffnung und Glaube Gefahr laufen, zu zerbröseln, zu zerfallen. Jesus nimmt die Verzagtheit und drohende Verzweiflung des Vaters auf und zugleich fordert Jesus heraus mit einem Satz, der signalisiert: Du und dein Sohn, ihr seid nicht am Ende. Leiden, Krankheit, Tod sind nicht das Ende. Wir hören: "Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt" (Mk 9,23). Welch Herausforderung, welch heilvolle Provokation , welch Zu-mut-ung, was ja bedeutet "zu etwas Mut machen". Und dann platzt es aus dem Vater heraus, vielleicht kann man sagen: Geist des Lebens ergreift ihn gegen den Todesgeist, und er schrie: "Ich glaube; hilf meinem Unglauben!" (Mk 9,24).

Beides, Glaube und Unglaube, stecken auch in uns. Wie ist das Größen-, das Mengenverhältnis zwischen beiden? Es schwankt. Manchmal spüren und erkennen Menschen Gottes Nähe, seine Gegenwart, sind sich Gottes ganz gewiss und glückselig, fühlen sich durch den Glauben stark: Mir kann nichts und niemand etwas anhaben. Und manchmal ist solche Gewissheit und Zuversicht wie weggeblasen.

Wir finden bei Menschen immer wieder den Versuch, Grenzen zu weiten, noch nicht Mögliches vielleicht doch möglich zu machen. Jesus sagt sogar: "alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt". Denn der Glaube ist die Haltung und Einstellung zum Leben, zu allem, was geschehen kann, dass es gut ausgeht, dass selbst der Tod uns nichts anhaben kann. Wir rechnen mit dem Größten, Schönsten und Besten als glaubende Menschen, mit dem Sieg des Lebens in Ewigkeit, und versuchen darum schon jetzt Größtes, Schönstes, Bestes dem Leben zugute möglich zu machen. In diesem Sinne gebietet auch Jesus der Unheilsmacht, dem Leben unterdrückenden Geist aus dem Jungen zu fahren. Und dieser Geist bäumt sich noch mal auf, tut, was er schon so oft tat, reißt an dem Jungen, reißt ihn, ringt ihn zu Boden, ja scheint sogar sein Ziel, den Tod zu bringen, endlich erreicht zu haben; denn wie der Junge so daliegt, sagte die Menge: "Er ist tot" (Mk 9,26). Ja es stimmt: er ist tot, aber nicht der Junge, sondern der das Leben unterdrückende Geist, die Todesmacht. Für den Jungen aber gilt und in ihm für jeden Menschen: „Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf” (Mk 9,27). Dieser Satz bringt auf den Punkt, was Glauben bedeutet, nämlich das Vertrauen, dass Gottes Hand, sichtbar nicht zuletzt in Jesus als ausgestreckter Hand Gottes, uns ergriffen hat und uns wieder und wieder aufrichtet, so dass wir aufstehen, ja schließlich auferstehen ins Leben der himmlischen Welt hinein. "Er stand auf", so heißt es im Predigttext mit Blick auf den Jungen; das so aus dem griechischen Urtext übersetzte Wort bedeutet auch "Er auferstand". Sein Aufstehen, jedes Aufstehen aus einer Not ist Vorzeichen der Auferstehung als Triumph des Lebens in Ewigkeit. Und solches Aufstehen geschieht oft. Denn die Welt und wir in ihr sind ergriffen von Gottes Hand, die in heilvolles Leben führt, die aufstehen, auferstehen lässt. Amen.

2011-10-23 Predigt zu Mk 10, 17-27 (18. Sonntag nach Trinitatis, 23.10.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

"Was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?"(Mk 10, 17), mit dieser Frage tritt ein reicher Mensch an Jesus heran. Obwohl er materiell, finanziell alles hat, scheint er dennoch nicht vollkommen zufrieden und glücklich zu sein. Offensichtlich spürt er einen Mangel in seinem Leben trotz allen Reichtums; etwas beunruhigt ihn. Er möchte nicht nur Leben, er möchte ewiges Leben. Und das scheint etwas zu sein, das man sich nicht kaufen, für kein Geld der Welt kaufen kann.

Was ist "ewiges Leben"? Viele würden wohl sagen: "Na, das ist doch das, was nach dem Tod kommt, der Himmel, das Himmelreich, das Paradies." Ja auch, aber nicht nur. "Das könnte ewig so dauern", "das könnte ewig so bleiben", so sagen Menschen manchmal. In was für Situationen? In solchen, wo sie Schönes erleben, glücklich sind, tiefe Lebensfreude sie erfüllt, sie eine Erfahrung des sprichwörtlichen Himmels auf Erden machen und sich wünschen: Das könnte immer, das könnte ewig so bleiben. Wir sehen: der Himmel, das ewige Leben fängt nicht erst jenseits des Todes an, es beginnt schon im Diesseits, hier und heute, in dieser Welt, mitten unter uns. Es ist erfülltes Leben, sinnreiches Leben, Leben, das dem entspricht, was Gott als sein Erfinder und Geber im Sinn hatte, als er es schuf. Es ist Leben, das ewigkeitswert ist, Leben von bester Qualität. Auf der Suche danach ist jener Mensch in der Geschichte, die wir gehört haben, auf der Suche danach sind wir alle. "Reich Gottes" (s. Mk 10, 23.24.25), der Begriff, der im Predigttext mehrfach genannt ist, meint, bedeutet dasselbe wie "ewiges Leben", eben Leben bester, höchster Qualität, jetzt und für immer, sprich in Ewigkeit. Auf der Suche danach kommt jener Mensch zu Jesus, "kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?" (Mk 10, 17). Das erste, was auffällt ist, dass Jesus von sich weg auf Gott verweist. "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein" (Mk 10, 18). Darin schwingt dann eben auch mit: Was gut ist für dich und dein Leben, das musst du letztlich immer wieder neu mit dem Guten, dem einzig Guten, mit Gott bedenken, besprechen, regeln. Aber es gibt Hilfen, Lebenshilfen, Hilfen für gelingendes Leben, und so zitiert Jesus aus der Tora, der Weisung zu gelingendem Leben, konkret unter Hinweis auf die Zehn Gebote: "'Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nich stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter'" (Mk 10, 19). Offensichtlich stellt diese Antwort Jesu sein Gegenüber nicht zufrieden, denn jener Mann "sprach zu ihm: Meister", hebräisch Rabbi, was bedeutet "Lehrer", "mein Lehrer", "das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf" (Mk 10, 20). Es gibt keinen Zweifel: hier hat ein Mensch von Jugend auf sein Leben, den Lebenskurs immer wieder neu an den Weisungen, die ins Leben führen, orientiert, ausgerichtet, im Unterschied vielleicht zu vielen Menschen unserer Zeit, die fragen oder sagen würden: "Zehn Gebote? Was ist das?", "Ja, schon mal gehört, sogar gelernt, aber längst wieder vergessen", "Maßstab fürs Leben? Nee, da orientiere ich mich eher an anderem".

Jesus ist tief berührt vom Willen jenes Mannes, die Lebensweisungen ernstzunehmen und umzusetzen zur Ehre Gottes und als Wohltat für Menschen und Welt. Ausdrücklich heißt es: "Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb" (Mk 10,21). In einer anderen Übersetzung wird es so wiedergegeben: "Jesus blickte ihn an, umarmte ihn voller Zuneigung". Und dann folgt der Satz: "Eines fehlt dir", und man muss ja hinzufügen zu deinem Glücklichsein, zur Gewinnung, zur Ererbung des ewigen Lebens, des Lebens bester und höchster Qualität: "Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach!" (Mk 10, 21) In dieser Wegweisung Jesu kommt Gottes Wille ganz konkret auf jenen reichen Menschen zu. Gebote können immer nur einen Rahmen für gelingendes Leben abstecken. Und gehen wir davon aus: Jener reiche Mensch hat seine vielen Güter nicht durch Übertreten des Gebotes "Du sollst nicht stehlen" erworben. Er hat mit seinem Vermögen auch das getan, was das Gebot "'ehre Vater und Mutter'" grundlegend bedeutet, nämlich: Kümmere dich um sie, wenn sie krank, gebrechlich, alt, kurz: hilfsbedürftig sind. Insofern ist er dem Willen dessen der gut ist, Gott, gerecht geworden. Aber er hat sich bislang nicht gefragt: Was ist der Wille Gottes hier und heute, in der Situation, im Lebensgefüge, in den Beziehungen, in denen ich stehe mit Bezug auf mein Geld, meinen Reichtum, meine Güter? Was will der gute Gott, dem ich die Welt und mein Leben verdanke, das ich mit meinem Geld mache? Will er, dass ich reich werde? Wie reich? Will er, dass ich Reichtum und Güter mehre und wozu, zu welchem Zweck? Und es ist Jesu Eindruck, dass es im Lichte des Willens des guten Gottes in der konkreten Situation für den reichen Mann am besten ist, dass er am meisten gewinnt, Leben bester, höchster Qualität, wenn er seine Güter verkauft, das Geld den Armen gibt und sich der Lebensgemeinschaft mit Jesus anschließt.

Es lässt bis heute immer wieder aufhorchen, wenn Menschen, die Gleichung Geld =Glück, Leben verneinen, das Streben nach mehr und mehr Gütern aufgeben und ihren bislang gesammelten, angehäuften Reichtum abgeben. Es bedeutet für sie die Befreiung von Angst und Sorge und dem drohenden Herzinfarkt im Laufen und Hetzen nach Dingen, die keinen Bestand haben, eben nicht ewig sind.

Viele, viele verbinden Leben, Lebensqualität mit Geld, mit möglichst viel Geld. Jesus verbindet Lebensqualität damit, wie sehr der Wille des guten Gottes zum Zuge, zur Entfaltung, zum Leuchten kommt.

Wir Menschen entziehen uns dem guten Willen des guten Gottes ganz oft und schmälern damit die Qualität, die das Leben haben könnte für uns, für andere, für die Welt. Wir verbauen uns dadurch selbst die Erfahrung des Reiches Gottes, ewigen Lebens, Lebens bester Qualität schon jetzt. Wir handeln gegen unsere eigenen Interessen. Jesus im Predigttext drückt das so aus: "Liebe Kinder, wie schwer ist's, ins Reich Gottes zu kommen!" (Mk 10, 24) Für die, die sich mit ihrem Geld und ihren Gütern dem guten Willen des guten Gottes entziehen, aber gleichfalls auf vielen anderen Lebensfeldern auch. Was ist der gute Wille Gottes in Bezug auf die Ergreifung einer bestimmten Ausbildung, eines bestimmten Studiums, einer bestimmten beruflichen Tätigkeit? Ist es sein guter Wille, dass ich Sonntag vormittag zu Hause bleibe oder meinen Gott lobe, für ihn und meine Zugehörigkeit zu ihm ein öffentliches Zeichen setze, indem ich Gottesdienst feiere? Ist es der gute Wille Gottes, dass ich ständig, selbst für kurze Wege, das Auto benutze? Was ist der gute Wille Gottes in Bezug auf meine Ess- und Trinkgewohnheiten? Ist es der gute Wille Gottes, dass ich mich einer Krankheit geschlagen gebe? Ist es sein guter Wille, dass eine Trauersituation Menschen untröstlich macht? Und, und, und. Oder in Bezug auf den 23. Oktober als Nationalfeiertag: Ist es Gottes Wille angesichts von Bedrängung und Bedrückung zu schweigen, oder in seinem Namen Protest zu erheben?

In Bezug auf unser ganzes Leben möchte der gute Gott mit uns im Gespräch stehen. Das ewige Leben fängt damit an, dass wir in einem lebendigen Gespräch mit Gott stehen, und unser Leben davon bewegen und leiten lassen. Der gute Wille des guten Gottes ist, dass unser Leben gut werde, zu ewigem Leben, zu Leben bester Qualität schon jetzt und für immer, auch über den Tod hinaus. Die Frage nach dem guten Willen Gottes hält unser Leben wach und lebendig, Gutes zu wollen, zu sagen und zu tun.

Wir wissen nicht, was jener reiche Mann tat, der nach Jesu Wort, das ihm doch erfülltes, ewiges Leben bringen wollte, "traurig davon" ging (Mk 10, 22). Er scheint wohl eine Ahnung gehabt zu haben, dass er im Verzicht auf die Nachfolge Jesu als guten Willen Gottes auf Wertvolleres, Kostbareres verzichtet hat, als seine vielen Güter wert sein können. Aber wer weiß, vielleicht besinnt er sich ja auch doch noch auf das, was für ihn besser ist, wodurch sein Leben in Gleichklang steht mit dem guten Willen des guten Gottes. Wer weiß? Denn was menschenunmöglich erscheint, kann sich doch verändern und Wirklichkeit werden; "denn alle Dinge sind möglich bei Gott" (Mk 10, 27). Amen.

2011-10-30 Predigt zu Mt 10,26b-33 (19. Sonntag n. Trin., 30.10. 2011; mit Predigttext für den Reformationstag am 31. 10.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich habe etwas mitgebracht: hier, es sind Socken, aber besondere, nämlich Luthersocken. Die hat Luther zwar nicht angehabt, aber ich habe sie vor Jahren einmal im Lutherhaus in Eisenach gekauft. In der Stadt ist Luther eine Zeitlang zur Schule gegangen, und vor allem: vor den Toren Eisenachs erhebt sich die Wartburg, wo Luther Schutz fand vor Verfolgung und wo er anfing, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen mit der Folge, dass wir alle mehr oder weniger Luther-Deutsch sprechen. Die Bibelübersetzung hat die ganze deutsche Sprache geprägt.

Aber zurück zu den Luthersocken; das Wichtigste an ihnen ist, was hier oben geschrieben steht, ein Luther-Zitat: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders." Ja, da stand Luther 1521 auf dem Reichstag zu Worms vor dem Kaiser und den Mächtigen von Ländern und Städten des Reiches, um die Gottes- und Glaubenserkenntnisse, zu denen er gekommen war, zu vertreten. Der Kaiser Karl V., "stellte in einer persönlichen Erklärung" fest, es sei ganz sicher, dass sich ein einzelner Mönch irren muss, der gegen die ganze bisherige Christenheit sich gewissermaßen erhebe. Luther war in Gefahr, in Lebensgefahr. Gut ein Jahrhundert früher hatte schon einmal eine Versammlung der Großen und Mächtigen in Reich und Kirche kurzen Prozess gemacht mit einem, der es wagte, mit Hinweis auf die Bibel, zu Reformen der Kirche und ihrer Glaubenslehre und Glaubenspraxis aufzurufen. Das war der zu den sogenannten Vorreformatoren zählende Jan Hus, den das Konzil von Konstanz wegen seiner Erkenntnisse und Überzeugungen zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilte als angeblichen Ketzer, wegen angeblichen Irrglaubens. Doch wie Hus bleibt Luther standhaft, standfest, lässt sich nicht "von den Socken hauen", sondern bekennt mit Blick auf die ihm von Gott zuteil gewordenen Erkenntnisse: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders." Mit dem Predigttext gesprochen: Was Luther klar geworden ist "in der Finsternis", in der Verborgenheit seines Studierzimmers, Bibel lesend und betend und auch in innerlichen Kämpfen, das vertritt er nun in der Öffentlichkeit, "das redet" er "im Licht" (Mt 10,27).

Ein kirchlicher Gedenktag wie der morgige Reformationstag oder ein staatlicher Gedenktag wie vor einer Woche der 23. Oktober laufen immer Gefahr, zu rückwärts gewendeten Gedenktagen zu werden. Will sagen: man wendet sich zurück und blickt auf Ereignisse, die mehr oder weniger lang zurück-, hinter uns liegen. Sozusagen: Es war einmal. Doch nur rückwärts blickendes Gedenken ist nutzlos, sinnlos. Die entscheidende Frage, die ein Gedenktag stellt und ihn zu bleibender Bedeutung machen kann, ist die: Und du, Mensch, hier und heute, wie würdest du dich verhalten? Auf welche Seite würdest du dich stellen? Welchen Standpunkt würdest du einnehmen, wenn du in Situationen kämest wie die Menschen, derer du gedenkst? Wärest auch du bereit, standhaft, standfest Zeuge für deine Überzeugung zu sein? "Zeuge" ist die Übersetzung für das aus dem Griechischen kommende Wort "Märtyrer". Märtyrer = Zeuge, was bis dahin gehen kann, dass im Extremfall jemand zum Blutzeugen wird, zu jemandem, der, um seine Überzeugung nicht zu verraten, für sie sein Leben lässt.

"Ich liebe mein Leben", so sagte neulich ein Schüler, als wir im Religionsunterricht über die Zeit der Christenverfolgungen in der frühen Kirche sprachen. "Ich liebe mein Leben", das tun wir hoffentlich alle, denn es ist kostbares, wertvolles Geschenk von Gott, das niemand leichtfertig aufs Spiel setzen möge. Aber wie verhält man sich, was tut man, wenn das eigene Leben bedrängt wird und man unsere in Verbindung mit Gott gewonnenen Überzeugungen über das, was richtig und gut ist, angreift, lächerlich macht, ja uns vielleicht zwingen will, sie aufzugeben? Es gibt genug Beispiele in der kleinen und großen Geschichte, wo Menschen unter Druck ihre Überzeugungen aufgegeben, verraten haben, keine Zeugen waren für das als recht, richtig, gut Erkannte, sondern zu Mitläufern des Bösen, der das Leben unterdrückenden Macht wurden, zu Unrecht und Bosheit schwiegen oder sogar mit den Wölfen heulten. Doch nur Menschen, die bereit sind, den Mund aufzumachen und Zeugen zu sein, können Güte und Schönheit des Lebens bewahren und verbessern, oder dazu beitragen, dass sie zurückgewonnen werden. Es bedarf Menschen, die sich durch Angriffe auf die im Glauben an Gott und an Gott in Christus gewonnene Lebenshaltung und Lebensgestaltung nicht "von den Socken werfen" lassen, sondern dem Leben und der Qualität des Lebens zugute Zeugen für Gott sind und bekennen: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders." Solche Menschen haben Gottes Rückendeckung. Der Predigttext bringt das durch einen Satz zum Ausdruck, der in gewisser Weise bedrohlich klingt, aber eigentlich tiefsten und größten Trost spenden will. Es heißt da: "Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle." (Mt 10,28) "Ich liebe mein Leben", wir erinnern uns an den Satz. Aber was bedeutet "Leben", was macht "Leben" aus? Leben kann einfach das körperliche Dasein, die körperliche Existenz bezeichnen. Der eben zitierte Vers aus dem Predigttext spricht vom "Leib", der sterblich ist, den man darum auch töten kann. Auf dem Reichstag zu Worms wurde Luther von den Mächtigen des Reiches und der Kirche gewissermaßen ein Deal, ein Geschäft, eine Abmachung vorgeschlagen. Du kannst deinen Leib, deinen Körper, vielleicht kann man auch so formulieren: "dein nacktes Leben" retten, aber dafür widerrufe, verrate, verkauf' deine Seele, dein inneres Leben eben auch mit dem, was du von Gott her als richtig, richtungsweisend, recht und gut erkannt hast. Für "Seele" steht im griechischen Urtext das Wort ψυχή (psychē), was auch Leben bedeutet, die Lebenskraft mit allem, was einem Menschen das Kostbarste und Wertvollste ist. Dieses innere Leben, die Seele, soll das äußere Leben, den Leib, erfüllen, bewegen, leiten, sich Ausdruck verschaffen durch das, was ein Mensch mit seinem Leib macht, also auch mit seinen Händen tut und mit seinem Mund sagt.

Luther will kein seelenloses Leben haben, für das er das ihm Wertvollste, seine Gotteserfahrung und -erkenntnis über Gottes rettende, ewige Hingabe für uns in Christus mit all den sich für Glauben, Kirche und Leben daraus ergebenden, heilbringenden, erneuernden, reformatorischen Konsequenzen verraten müsste, und so bekennt seine Seele durch den Leib, in diesem Fall durch den Mund: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders." Will sagen: "Ich bleibe bei meinen befreienden Gotteserkenntnissen."

Einst hatte Luther Angst vor dem Gott, der, wie es im Predigttext heißt, "Leib und Seele verderben kann in der Hölle". Natürlich, er kann; der Schöpfer von allem kann seine Geschöpfe verwerfen, sich von ihnen trennen, was das Schlimmste, eben die "Hölle" bedeuten würde; er kann mit Blick auf so viel Unheil, das Menschen im Kleinen und Großen anrichten, sich enttäuscht, traurig, zornig von ihnen trennen, aber er will nicht. Nie und nimmer will er uns und seine Schöpfung aufgeben und im Stich lassen, denn unauslöschlich, heiß ist Gottes Liebe; "Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht", so hat Luther einmal gesagt. Und in Christus und seiner Geschichte sehen wir das ewig für uns, uns zugute schlagende Herz Gottes. Kaiser und Papst, die Mächtigen in Reich und Kirche hätten Luther den Leib, als äußere, irdische Form und Hülle des Lebens nehmen können, aber nie und nimmer d a s Leben, das eingehüllt, gehalten, getragen von Gott ist heute, morgen, immer, in Ewigkeit.

Der Predigttext drückt es so aus: schon die Sperlinge hält Gott in seiner Hand, wie viel mehr darf das dann auch für uns Menschen gelten (s. Mt 10,29ff). Wir können darauf vertrauen: Gott, der himmlische Vater, will das Beste für uns und verwirklicht es auch. Jesus ist seine Unterstreichung, dass gegen alle Kräfte und Mächte, die "uns von den Socken hauen wollen", Gottes heilbringende, heilschaffende Macht sich durchsetzt. "Darum fürchtet euch nicht", wie Jesus im Predigttext (Mt 10,31, s. auch Vers 28.26a) und an vielen Stellen sonst ermutigt. Zu Gott, zu Gott in Jesus wollen auch wir uns mutig, tapfer, fröhlich bekennen, Zeugen sein für die größte Liebe und das unsterbliche Leben, die uns schon ergriffen haben und bewegen. Amen.

2011-11-06 Predigt zu Lk 11,14-23 (Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres 6.11.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Ein Bild von Michelangelo, das viele von uns wahrscheinlich schon mal irgendwo gesehen haben, stellt die Erschaffung des Menschen durch Gott dar. Den tiefsten Eindruck hinterlässt auf dem Bild vermutlich, wie da der ausgestreckte Finger Gottes den Finger des Menschen berührt. Auf dem Bild kommt Gott, gemalt als Mensch, kraftvoll, mit wehenden Haaren, regelrecht angeflogen, der rechte Arm ist ausgestreckt und an dessen Hand der Zeigefinger, um den Menschen zu berühren am Zeigefinger der Hand des zu Gott hin ausgestreckten Armes. Noch hängt die Hand des Menschen etwas schlaff herab, wie überhaupt der Mensch da noch auf dem Boden liegt. Aber die Berührung durch Gott wird den Menschen gleich aufstehen lassen, wie das eine angewickelte Bein und der eine Arm, auf den er sich stützt, schon andeuten. Kraft des Himmels, Lebensenergie wird sich auf ihn übertragen, wenn der Finger Gottes ihn berührt.

So geschieht es auf bestimmte Weise auch in der Geschichte, die wir gerade gehört haben. Da macht Jesus einen stummen Menschen redend. "Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme" (Lk 11,14). Jener Mensch, der durch seine Stummheit ein eingeengtes, eingeschränktes Leben führte, findet volleres, heileres Leben. Und sogleich bricht eine Diskussion, ein Streit darüber aus, wer dieser Jesus sei, der den Stummen geheilt, von seiner Last befreit hat. Einige, die Jesus nicht mögen, wollen ihn in Misskredit bringen, vom Vertrauen ihm gegenüber abhalten. Sie machen Jesus schlecht, bringen ihn mit schwarzer Magie in Verbindung und "sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten" (Lk 11,15). Andere fordern offensichtlich weitere Zeichen, durch die sich Jesus als von Gott kommend ausweisen soll; sie stellen Bedingungen, bevor sie zum Vertrauen zu Jesus bereit sein können.(s. Lk 11,16) Und Jesus? Er ermuntert alle dazu, darauf zu vertrauen, dass Gott durch ihn eine neue Initiative gestartet hat, Menschen und Welt von Mächten und Kräften zu heilen und zu befreien, die Leben und Lebensfreude einengen und unterdrücken. Das Reich, die Herrschaft solcher Kräfte und Mächte, gleich, welche Gestalt sie haben mögen, bricht zusammen vor dem Kreise ziehenden und sich durchsetzenden Reich Gottes. Und man kann es immer wieder nur sagen: Reich Gottes ist nicht etwas, das erst nach dem Tode ist und kommt; es ist nicht nur etwas Jenseitiges; sondern den Himmel, das Reich Gottes lässt uns Gott schon jetzt und hier erfahren, erleben, genießen. Es ist nicht so, dass wir dereinst in den Himmel kommen, sondern der Himmel ist zu uns gekommen und wir sind schon mittendrin. Nichts und niemand kann ihn uns mehr wegnehmen und rauben. Jesus hat ihn geerdet. Mit dem Predigttext gesprochen: "Wenn ich aber durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen" (Lk 11,20). Gott handelt bedingungslos wohltuend, von sich aus, aus Gnade, kommt er.

Michelangelos Bild bringt das zum Ausdruck: Gott kommt herbei und durch seinen Finger überträgt er Kraft des Himmels auf den Menschen, so dass der aufstehen und ins Leben gehen kann. Und in und durch Jesus ist dieser Gott ebenso gegenwärtig, kommt herbei, um von unheilvollen Mächten und Kräften bedrängte Menschen wieder und weiter gehen zu lassen ins Leben, bis es ganz heil und ewig sein wird.

Stummheit ist nicht unbedingt ein gesundheitliches Problem. Sie kann auch damit zu tun haben, dass sich Menschen den Mund verbieten und mundtot machen lassen. Sie schweigen, sind still, wo sie reden müssten um Gottes willen, und das heißt zugleich dem Leben zugute. Vor einer Woche war in der Predigt auch von Jan Hus die Rede, der zu den sogenannten Vorreformatoren gehört. Er sollte angesichts der drohenden Todesstrafe seine an der Bibel gewonnenen Überzeugungen zur Erneuerung von Lehre und Leben der Kirche widerrufen und dann in dieser Sache den Mund halten, verstummen. Es stellte sich die Frage, mit der er kämpfte: "Soll er seine Lehren verwerfen und sein Leben retten, oder muss er um Christi willen standhaft bleiben? Am Ende sagt er: "'Ich will nicht abschwören, denn abzuschwören hieße, diese Irrtümer gehalten zu haben'". Hus hat sich nicht mundtot machen, nicht zum Verstummen bringen lassen. Es braucht mutige, tapfere Menschen, die gegen Unrecht, falsche Lehre, Unterdrückung des Lebens den Mund aufmachen, wenn sich etwas zum Guten verändern soll. Schweigen heißt Mitlaufen und dem Unrichtigen, gar dem Bösen freien Lauf zu lassen. Jesus lässt unterdrückerischer Macht, dem, was das Leben von Menschen zur Hölle machen kann, keinen freien Lauf. Er setzt sich mit Wort und Tat ein, dass Menschen himmlische Erfahrungen machen können, die das Leben weiten, schön machen, zum Blühen bringen, wie es der Stumme in seiner Befreiung von unterdrückerischer Macht erfährt. In diese heilvolle Richtung sollen wir mit Jesus an einem Strang ziehen, Himmlisches schon jetzt bewirken und erlebbar machen, so gut das möglich ist, bildlich gesprochen Himmel gegen Hölle setzen. Nur so kann Leben Schönheit gewinnen; und darum Jesu Aufruf, nicht Mitläufer unterdrückerischer Macht, sondern lebensförderliche Nachfolger, Nachahmer von ihm zu sein: "Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut" (Lk 11,23). In der Nachfolge Jesu lernen wir die Sprache der Liebe, der Hoffnung, des Friedens und werden wir ermutigt, sie sichtbar und hörbar zu praktizieren, eben auch zu sprechen. Auch wenn ein schlimmes Ereignis die Sprache verschlagen hat, sollen uns Erfahrungen zukommen, die den Mund öffnen, die Zunge lösen, um Gott zu loben und zu danken, weil er hilft, aufrichtet, ins Leben führt.

Noch ist die Hand des Menschen auf Michelangelos Bild etwas schlaff, kraftlos. Aber wenn der Finger Gottes den Finger des Menschen berührt, ändert sich das; dann strömt, fließt Kraft des Himmels auf uns über. Sie bewirkt, dass wir Grund haben, mit unseren Fingern ein neues Zeichen zu setzen, dieses: das V für victoria, victory, was Sieg bedeutet. Gottes Finger bewirkt, dass er uns zu Siegern über die Kräfte und Mächte macht, die Leben einengen und unterdrücken, ja selbst über die Macht des Todes. Auch der kann uns nicht zum Verstummen bringen. Wir verkünden den Sieg des Lebens, wie Gott ihn unterstreicht durch die Geschichte Jesu. Der von Gottes Finger berührte Mensch, auf den die Lebensmacht Gottes überfließt, hat Grund, seine Finger zum V zu formen, eben zu victoria, victory, gleich Sieg, oder um es mit einem Wort aus dem 1. Korintherbrief zu sagen: "Gott aber sei Dank, der uns den Sieg/victoria" (1 Kor 15,57) gibt durch unsern Herrn Jesus Christus"! Amen.

2011-11-20 Sermon on Isaiah ch 61: 10 - 11 (Last Sunday of the church year, Nov. 20, 2011)

Dear sisters and brothers!

"In sackcloth and ashes," many of us know this expression. It comes out of the Bible (Ester 4:1). "Sack" is originally a Hebrew rod - שַׂק (saq) - and means a very rough homespun material worn by people in mourning, which can be translated as funereal clothes. There is something similar for us when those in mourning, especially women, wear simple unadorned black clothing. Ashes are also a sign of grief, symbolizing the transience of life: "from earth to earth, ashes to ashes, dust to dust, is the sentence that we always hear at a burial. Job sat in ashes after the terrible, heart rending news which has become a saying "message to Job" that reached him when he was struck down by illness (Job 2:8).

With each illness, death knocks on our door to a certain extent, which reminds us the transience of our life on earth. We make a mistake, or do something wrong we sometimes say: "Ashes on my head." We can also bring on grief and mourning with misconduct, guilt and sin. Everything related to sackcloth and ashes helps us understand the text for the sermon. The background is the Babylonian captivity.

As King Nebuchadnezzar 's soldiers conquered Jerusalem, destroying it and leaving debris and ashes, many people were dragged off to Babylon into the uncertain future. Figuratively speaking they went in sackcloth and ashes. Colorful clothes gave way to prison garb. Their valuables and jewels were taken away. They lamented their many dead and the loss of their homeland. And perhaps many others had the impression that the destruction of the Temple in Jerusalem was also the defeat of the God of Israel. It looked like the Gods of Babylon were stronger than he.

This may have been the appearance of the moment, but it was not reality. The text for the sermon is testimony to that fact. A change occurred which altered the picture. Something happened which probably nobody could imagine as most of the inhabitants of Jerusalem were forced to enter their Babylonian Captivity, in sadness and grief, complaining all the way. However, now the same people or their descendants rejoice and sing: "I rejoice in the Lord and my soul is happy in my God (Isaiah 61:10). What happened? The seemingly unconquerable Babylonians and their Gods were defeated. Those among the Israelites who wanted to were allowed to go home; Jerusalem was re-built. And the God of Israel was acclaimed, not as a God of a single nation, but as the Lord of the world and the entire universe; that is why he can make possible a turn toward salvation at any place and time. He not only makes salvation possible, he wants it for us as well. Life is newly resurrected out of ruins and shines with a new splendor. Instead of sackcloth, or the prison garb of mourning, people now wear the robes of salvation. Ashes on the head are transformed into a headdress that a groom would wear, and jewelry that a bride would wear to show fortunate people are who now have a new life (Isaiah 61: 10). God brought about these changes so that life resurrects, carries on and has a future. "Robes of Salvation" and "jewelry" give us a glance toward the New Testament. The generous father, who stands for God, gives new clothes to his prodigal son, who had become an unsightly scoundrel: "Quickly bring the finest robe and put it on him" (Luke 15:22); and also jewels, in particular a ring, as a sign of his dignity and a sign that he is a child of God. That is what the generous father gives to his prodigal son. This is the same generous God that we hear about in the parable from Jesus and in the text of the sermon from the Book of the Prophet Isaiah. This is the God who is referred to in the text for the sermon as the one who put the mantle of righteousness on his people and who lets justice be done. Justice is one of the great words of the Bible. We generally understand the word to mean that something like cookies, candy, money or wealth will be equitably distributed among people, or at least that there will be no large inequality. Each individual should be able to live without suffering want. That is also justice.

The most important Biblical meaning of this concept is that God constantly puts the relationship between himself and ourselves to right, which ensures our salvation. Again and again God turns to people and the world to create salvation, to make our lives just and good, to create salvation. For example Israel experienced its resurrection from its oppression in the Babylonian Captivity. The reality of Israel's history is that the valley of darkness did not have the last word, but instead songs of praise were sung in view of God's justice, goodness, and saving acts.

I rejoice in the Lord and my soul is happy in my God". To give us such joy, God made the world and humanity new through Jesus, underlining his justice to bring about justice and to lead to the best results.

At any given moment we can always imagine something better than the present situation in our own lives, or the present condition of the world in general and in small details. We have a constant longing for a change for the better. You can see it in the fact that God is not entirely aligned with us and the world, but a process of salvation is underway.

As the text for the sermon says, "the sovereign Lord will show his justice to the nations of the world. His righteousness will be like a garden in early spring, filled with young plants springing up everywhere," (Isaiah 61:11).

Finally when everything is completed, the full fruit will appear. A few chapters after the text for the sermon, Isaiah talks about a new heaven and a new earth, a new dimension of existence and of life (Isaiah 65:17). The all just God resurrected Jesus and brings us to him through Jesus.

At the end our joy in God and in life with be unchallenged for eternity. Let us keep this goal before our eyes. Starting today let us have the least possible grief and mourning and to support the greatest joy in life. Let us try to correct injustice as a sign that God really has clothed us with the mantle of his righteousness, a garment that lasts forever. Amen.

(Übersetzung der deutschsprachigen Predigt ins Englische durch Dr. Richard von Fuchs)

2011-11-20 Predigt zu Jesaja 61,10 u. 11 (Letzter Sonntag des Kirchenjahres, 20.11.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

"In Sack und Asche gehen" - viele von uns kennen diese Redewendung. Sie stammt aus der Bibel (s. Ester 4,1). "Sack" ist ein ursprünglich hebräisches Wort - שַׂק (saq) - und meint ein ganz grobes und schlichtes Stoffstück, das insbesondere Trauernde trugen; "Trauergewand", "Trauerkleid", so kann man übersetzen. Bei uns gibt es etwas Ähnliches, wenn vor allem Frauen als Zeichen der Trauer schlichte, schmucklose schwarze Kleidung tragen. Und auch die Asche ist ein Zeichen der Trauer, symbolisiert Vergänglichkeit. "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub", diesen Satz hören wir immer wieder bei einer Beerdigung. In der Asche sitzt Hiob nach den schrecklichen, herzzerreißenden Nachrichten, den sprichwörtlich gewordenen "Hiobsbotschaften", die ihn erreicht haben, und er selbst mit Krankheit geschlagen ist (s. Hiob 2,8). Mit jeder Krankheit läutet ja gewissermaßen der Tod an unserer Tür; wir werden an unsere irdische Vergänglichkeit erinnert. "Asche auf mein Haupt", so sagt man auch manchmal, wenn man einen Fehler, wenn man etwas falsch gemacht hat; auch durch Fehlverhalten, Schuld, Sünde kann man ja Traurigkeit und Trauer auslösen.

Alles gerade zu "Sack" und "Asche" Gesagte hilft, um den Predigttext besser zu verstehen. Er hat die babylonische Gefangenschaft Israels zum Hintergrund. Als König Nebukadnezars Soldaten Jerusalem eroberten, zerstörten, in Schutt und Asche legten, wurden viele Menschen in die Fremde, in ungewisse Zukunft nach Babylonien verschleppt. Sie gingen, bildlich gesprochen oder sogar wirklich, in "Sack und Asche". Bunte, farbige Kleider mussten vielleicht Gefangenenkleidung weichen. Wertsachen und Schmuck wurde den Menschen weggenommen. Viele Tote waren zu beklagen und der Verlust der Heimat. Und manche Leute haben vielleicht den Eindruck gehabt: mit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem sei auch der Gott Israels untergegangen. Dem Anschein nach sind die Götter der Babylonier stärker als er.

Dem momentanen Anschein nach vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit. Der Predigttext ist ein Zeugnis dafür. Eine Wende ist eingetreten, verändert das Bild. Etwas ist geschehen, das sich vermutlich niemand vorstellen konnte, als ein Großteil der Menschen Jerusalems in "Sack und Asche", traurig, trauernd, wehklagend den Weg in die babylonische Gefangenschaft antreten musste. Jetzt aber singen, jubeln dieselben Menschen oder ihre Nachkommen: "Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott" (Jes 61,10). Was ist passiert? Die so unbesieglich erscheinenden Babylonier und ihre Götter sind untergegangen. Wer von den Israeliten wollte, konnte zurück in die Heimat; Jerusalem wurde neu aufgebaut. Und der Gott Israels wird gefeiert als einer, der kein Nationalgott ist, sondern der Herr der ganzen Welt und des ganzen Universums; darum kann er Wendungen zum Heil ermöglichen an jedem Ort und zu jeder Zeit. Und er kann nicht nur Heil ermöglichen, er will es auch. Das Leben aufersteht neu selbst aus Ruinen, es erstrahlt in neuem Glanze. An Stelle des Sacks, der Trauer- und Gefangenenkleidung von einst, trägt man jetzt „Keider des Heils”, die Asche auf dem Haupt ist "Kopfschmuck" gewichen wie ihn ein Bräutigam trägt, und das "Geschmeide", der Schmuck einer Braut wird zum Zeichen, wie gut es den Menschen, dem Leben jetzt wieder neu geht (s. Jes 61,10).

Gott hat diese Wende herbeigeführt, dass das Leben aufersteht, weitergeht, Zukunft hat. "Kleider des Heils", "Geschmeide", wir können in diesem Zusammenhang auch einen Blick ins Neue Testament werfen. Da schenkt der gütige Vater, der für Gott steht, dem verlorenen Sohn in seinen Lumpen und seiner Unansehnlichkeit ein neues Kleid: „"Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an" (Lk 15,22); und auch Geschmeide, Schmuck, nämlich einen Ring zum Zeichen seiner Würde, zum Zeichen der Gotteskindschaft, schenkt der gütige Vater dem verlorenen Sohn. Es ist der gleiche gütige Gott, von dem wir im Gleichnis Jesu hören und im Predigttext aus dem Prophetenbuch Jesaja. Es ist der Gott, der, mit dem Predigttext gesprochen, sein Volk "mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet" hat und der "Gerechtigkeit aufgehen" lässt.

"Gerechtigkeit" ist eines der großen Wörter der Bibel. Wir verbinden mit dem Wort zumeist, dass etwas, zum Beispiel Kuchen, Süßigkeiten, Geld, Wohlstand, zwischen Menschen gerecht, zu gleichen Teilen aufgeteilt wird, oder doch zumindest so, dass kein großes Missverhältnis besteht. Jede, jeder soll, ohne Not zu leiden, leben können. Das ist Gerechtigkeit auch. Vor allem aber meint der biblische Begriff, dass Gott die Beziehung zwischen sich und uns immer wieder recht im Sinne von "gut" macht und dass das heilvolle Folgen mit sich bringt. Wieder und wieder wendet sich Gott Menschen und Welt zu, um Heil zu schaffen, um Leben recht, sprich, gut und heil zu machen. Israel erlebt es zum Beispiel in seiner Auferstehung aus der bedrückenden Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Aber auch sonst in seiner Geschichte ist es Wirklichkeit geworden, dass selbst die finstersten Täler nicht das letzte Wort behalten haben, sondern sich der Lobgesang durchgesetzt hat angesichts von Gottes recht-, gut-, heilmachenden Wirkens: "Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott". Um solche Freude auszulösen, wendet sich Gott auch in Jesus Menschen und Welt neu zu, unterstreicht seine Gerechtigkeit, nämlich alles recht zu machen und zum Besten zu führen. Wir selbst können uns in jedem Augenblick immer noch etwas Besseres vorstellen als die jeweils gegenwärtige Situation unseres eigenen Lebens oder den jeweils gegenwärtigen Zustand der Welt im Kleinen und Großen. Es ist da eine ständige Sehnsucht nach Besser-Werdung. Sie zeigt an: noch ist Gott nicht am Ziel mit uns und der Welt. Aber eine heilvolle Entwicklung ist im Gang. Mit dem Predigttext gesprochen: Gott lässt seine "Gerechtigkeit aufgehen", "gleichwie Gewächs aus der Erde wächst und Same im Garten aufgeht" (Jes 61,11). Schließlich wird die volle Frucht da sein, alles vollendet. Das Jesaja-Buch spricht wenige Kapitel nach dem Predigttext von einem neuen Himmel und einer neuen Erde (Jes 65,17), einer neuen Dimension des Seins und des Lebens. In sie hinein hat der alles rechtmachende Gott Jesus auferweckt und nimmt uns durch Jesus dahin mit. Am Ende wird die Freude über Gott, die Lebensfreude unangefochten sein in Ewigkeit. Dieses Ziel vor Augen, versuchen wir der Welt schon heute möglichst viel Traurigkeit und Trauer zu nehmen, möglichst viel Lebensfreude zu stiften, Unheiles recht und heil zu machen als Zeichen: Gott hat auch uns "die Kleider des Heils", den "Mantel der Gerechtigkeit" angezogen, Kleidung mit Ewigkeitsqualität. Amen.

2011-11-20 Ansprache zu Phil1,21-26 anlässlich des Ewigkeits-/Totensonntags auf dem Evangelischen Friedhof in Sopron/Ödenburg (20.11.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Immer bedeutet der Tod Erschütterung für das Leben von uns Menschen. Wenn ein uns nahestehender Mensch gestorben ist, löst der Tod Traurigkeit und Trauer aus. Im Extremfall bleibt auch für einen Hinterbliebenen das Leben stehen. In diesem Zusammenhang muss ich immer wieder an eine Mutter denken, deren Sohn, gerade mal Anfang 20, mit dem Auto verunglückte und starb. Für die Mutter wurde der Friedhof zum Hauptort ihres Lebens. Sie schaute nur noch zurück; mit dem Tod des Sohnes war auch ihr Leben, so kann man sagen, schon gestorben. Die Zukunft war für sie ohne Bedeutung geworden; bestimmte kommende Tage, wie Weihnachten mit der Erinnerung an das Beisammensein der kleinen Familie früher, vor dem Unfall, wurden regelrecht zur Qual.

Dabei ist Weihnachten, dieses schöne Fest, zumindest in Deutschland auf Friedhöfen ständig in vielfacher Weise gegenwärtig, steht den Menschen vor Augen, nur wissen es viele nicht, nehmen es nicht bewusst wahr. Viele wissen es nicht mehr, dass ihnen auf Grabsteinen der Stern von Bethlehem, der Weihnachtsstern, entgegenglänzt. Vor das Geburtsdatum der auf Grabsteinen genannten Menschen ist er ganz oft gesetzt. Und er könnte vielen zum tröstlichen Zeichen werden, zum positiven Anstoß: In Jesus ist das ewige Licht in die vergängliche Welt gekommen, das Licht, das auch den Weg ausleuchtet, der aus dem Tod, durch den Tod hindurch ins Leben, in himmlischen Lichtglanz hinein führt. In diesem Licht ist der Mensch zu sehen, dessen sterbliche Hülle vor mir im Grab liegt; in diesem Licht steht auch mein eigenes Leben.

Der Todestag ist auf den Grabsteinen durch das Kreuz gekennzeichnet als Symbol wie groß die Liebe Gottes ist; so groß, dass in Jesus das ewige Licht auch in unsere Todesnacht hinabsteigt, um sie regelrecht von innen heraus zu zerstrahlen und durchlässig zu machen, auf dass wir herauskommen aus dem Verließ des Todes.

In einem Verließ, im Gefängnis sitzt auch Paulus, von dem wir im Predigttext gehört haben. Wegen seines Glaubens hat man ihn eingesperrt. Möglicherwiese droht die Todesstrafe, aber vielleicht lässt man ihn auch gehen. In jedem Fall: es ist eine unsichere Zeit. Was steht am Ende? Viele Menschen würden wohl sagen: der Tod wäre schlimm, die Freilassung gut. Paulus bringt zum Ausdruck: was auch kommt, es wird gut sein. Freilassung würde mit sich bringen, die Botschaft von Gottes Weiterschreibung seiner Liebes- und Rettungsgeschichte für Menschen und Welt in Christus weiterzutragen, weitere Kreise auf Erden ziehen zu lassen. Mit Paulus gesagt: "Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Freude zu schaffen" (Phil 1,22). Und die drohende Hinrichtung, falls die römischen Behörden in Paulus einen religiösen Aufrührer und Unruhestifter sehen? Fast möchte man es so ausdrücken: Paulus pfeift auf das Urteil der Römer. Selbst wenn ihr mich zum Tode verurteilt, ihr könnt mir und meinem Leben gar nichts anhaben. Denn in mir pulst ewiges Leben, ein Leben, das nicht zu Ende ist, wenn das Herz früher oder später einmal aufhört zu schlagen, aus welchem Grund auch immer. Meine Person ist ausgefüllt, erfüllt von einem Leben, das gespeist wird und erhalten bleibt durch den ewigen, unsterblichen Herzschlag Gottes. Von Gott bin ich belebt in Ewigkeit. Ergriffen ist Paulus von der Liebe, der Hingabe Gottes in Christus und gewiss: diese Verbindung kappt, zerstört nichts und niemand. Auf mich wartet in jedem Fall Leben, schließlich sogar eines, das größer, weiter, strahlender, schöner ist, als es jedes irdische Leben sein könnte. Und so kann er sagen: "Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre" (Phil 1,23).

Aber nicht Eigeninteresse zählt, sondern damit Gott in Christus mehr und mehr Menschen ergreife und damit der triumphale Sieg des Lebens über den Tod auch sie erfülle und bewege, ist Paulus bereit, auch noch auf Erden zu bleiben; "es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen" (Phil 1,24), so sagt er.

Paulus stellt die Welt auf den Kopf. Ob Menschen es zugeben oder nicht: normalerweise hat der Tod etwas Bedrängendes, er ängstet Menschen; man schiebt ihn beiseite, verdrängt ihn. Man hält Sterben und Tod für das Schlimmste, den größten Verlust. Und Paulus sagt: "Sterben ist mein Gewinn" (Phil 1,21). Welch wohltuende Provokation, Herausforderung, welch Zumutung im Sinne von zu etwas Mut machen, nämlich zu fragen, was Paulus dazu bringt, so etwas zu sagen, zu behaupten, zu bekennen. Die Quelle seiner Aussage ist das Ergriffensein durch Gott, der ja selbst Welt und Denken auf den Kopf stellt: der große, ewige, allmächtige Gott macht sich in Jesus selbst zum Menschen, teilt unser Leben, verwirft den schuldigen Menschen nicht, sondern übernimmt die Schuld selbst, vergibt und schenkt uns ewige Zukunft. Die Liebe, die Gott in Christus unterstreicht und besiegelt, die hat Paulus' Leben erobert. "Christus ist mein Leben" (Phil 1,21), so bringt er es auf den Punkt. Und weil dieser Christus als Auferstandener lebt ohne Ende im Licht der himmlischen Welt und Kontakt, Verbindung zu uns hält, ist der Tod nicht Verlust des Lebens, sondern der Gewinn eines noch größeren, umfassenderen, vollkommen heilgemachten Lebens. Denn "Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn" (Phil 1,21). Amen

2011-11-27 Predigt zu Offb. 5,1-5(6-14) 1. Adventssonntag (27.11.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

"Das ist ein Buch mit sieben Siegeln", so sagen Menschen bisweilen, wenn ihnen etwas rätselhaft ist, sie etwas nicht wissen und erklären können. Jene Redewendung vom Buch mit den sieben Siegeln stammt wie manche andere auch, aus der Bibel; sie stammt, genauer gesagt, aus dem heutigen Predigttext. Da kommt dem Seher Johannes ein Blick in die himmlische Welt zu, und unter anderem heißt es in diesem Zusammenhang: "Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln" (Offb.5,1). Wir haben dieses Buch - wobei wir es uns am ehesten in Gestalt einer Schriftrolle vorstellen müssen – hier in unserer Kirche ja gewissermaßen ständig vor Augen. Hier vorne, vor mir auf der Kanzel ist es dargestellt. Wir sehen die Buchrolle mit sieben Siegeln, einen Strahlenkranz, der für Gott und seine Herrlichkeit steht, und ein Lamm. Von all dem ist im heutigen Predigttext und seinem Umfeld auch die Rede.

Es muss ein besonderes Buch sein, sein Inhalt muss von großer Gewichtigkeit und kostbar sein, wenn es gleich siebenfach versiegelt ist. Welches Geheimnis birgt es? Nur wer die Nachricht lesen, verstehen, entschlüsseln kann, darf es öffnen. "Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?" (Offb.5,2) Was steht drin als Beantwortung lebenswichtiger Fragen, damit uns Welt und Leben nicht länger ein Rätsel bleiben? Es stellt sich heraus: Kein Mensch kann das Rätsel lösen. "Niemand, weder im Himmel noch auf Erden konnte das Buch auftun und hineinsehen" (Offb.5,3). Und angesichts dessen fing Johannes an zu weinen. "Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen" (Offb.5,4). Vielleicht müssen wir es uns so vorstellen: das Buch beschreibt den Weg zu einem Schatz; man ahnt, man weiß: da steht ganz Großes drin, was mein Leben reich macht. Man hat das Buch vor Augen, aber kann oder darf es nicht lesen. Welche Enttäuschung, gar Verzweiflung. "Und ich weinte sehr". Doch die Tränen, das Weinen sind nicht die letzte Wirklichkeit. Unser Leben bleibt nicht rätselhaft, im Dunkeln. Der Seher Johannes wird angesprochen: "Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel" (Offb.5,5).

Von Jesus ist hier die Rede. Er kann und darf das Buch öffnen, weil er es verstehen kann. Denn es erzählt gewissermaßen seine eigene Geschichte, in deren Licht fortan die ganze Weltgeschichte und in ihr unsere persönlichen Lebensgeschichten stehen. Das Leben der Welten steht im Licht der Geschichte, die Gott in und durch Jesus schreibt. In Jesu Geschichte spiegelt sich, was allen Menschen und der ganzen Welt gilt, nämlich, dass Gott einen Weg leitet und bahnt, der ins Licht hinein führt. Von Jesus wissen wir: er hat sich auf den Weg gemacht, um bildlich gesprochen, Licht in die Dunkelheiten von Menschen und dieser Welt zu bringen, in Krankheit, Streit, Schuld, Lieblosigkeit. Wie die Sonne grauen, trüben Nebel auflöst, so macht sich Jesus ans Werk, das Dunkle im Leben von Menschen und Welt aufzulösen. Wir wissen, Kräfte und Mächte, die ihn von Gott abbringen wollen, fechten ihn an, ja er selbst gerät in Zeiten des Schmerzes, der Leiden. Am Ende senkt Pilatus den Daumen und verurteilt Jesus zum Tod. Am Ende? Ist das das Ende?

Als die Offenbarung des Johannes geschrieben wird, sind Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu Verfolgungen seitens der römischen Staatsmacht ausgesetzt. Der Kaiser, es ist Domitian, beansprucht, als "Herr und Gott" verehrt zu werden. Durch Zwangs- und Gewaltmaßnahmen gegen Christen will er zeigen, wer das Sagen hat, wer regiert, wem Gehorsam schuldig ist; er will dem christlichen Glauben ein Ende setzen. Sind Christen am Ende, wenn der Tod kommen sollte, sei's durch Todesurteile von Herrschenden, sei’s auf welche Art auch immer?

Der Seher Johannes hört: "Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids". Interessant, Jesus, von dem im Predigttext und seinem Umfeld öfter als Lamm die Rede ist, und wie wir es auch hier an der Kanzel bildlich dargestellt finden, wird als Löwe, als "Löwe aus dem Stamm Juda" bezeichnet. Lamm und Löwe, unter dem Blickwinkel von Menschen scheint es doch ein großer Widerspruch zu sein. Es gibt den Löwen als Wappentier, weil er Stärke, Kraft, Macht symbolisiert, aber welcher Herrscher würde ein Lamm zum Wappentier machen? Auf diesen Gedanken kommt gewissermaßen wohl nur Gott. In scheinbare Schwachheit kleidet er seine Kraft, in scheinbare Ohnmacht seine Macht, gegenüber der die Macht irdischer Herrscher ein Nichts ist. Pilatus verurteilt Jesus zum Tode, lässt ihn ans Kreuz führen, wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird, und … und es erweist sich als Löwe, zerbeißt, zerreißt von ihnen heraus den Tod und zeigt sich als wahrer Herrscher, als einer, der ins Licht, ins Leben Wege bahnt. "Der Löwe aus dem Stamm Juda", das ist eine Anspielung auf den Segen, den Israels Stammvater Jakob seinem Sohn Juda erteilt. Im Kapitel 49 des ersten Mosebuches können wir davon lesen. Immer wieder wird sich Juda, das Wort Juden ist übrigens davon abgeleitet, mit seinem Gott durchsetzen, sich siegreich über Feinde erweisen. Insbesondere ist mit jenem Juda-Segen ein Wortspiel in der hebräischen Sprache verbunden, denn dort ist mit dem Namen Juda ein Verb verknüpft, das ganz ähnlich klingt, nämlich יודה (jodäh), was loben, preisen bedeutet. Am Ende steht der Lobpreis, der Jubel, die Freude über die Stärke und Kraft, die Gott verleiht und die zum Sieg über alle Leben unterdrückenden, unheilvollen, bösen Mächte und Kräfte führt. So hat Jesus, das scheinbar hilflose, wehrlose Lamm, mit dem man tun und lassen kann, was man will, den Tod überwunden und sich als "Löwe aus dem Stamm Juda" erwiesen, der "wie ein Löwe" sprich unbändig, sich für uns einsetzt, dass unser Weg ins Licht, ins Leben führt. An die Stelle von Tränen und Weinen tritt Preisen und Loben jetzt schon immer wieder und am Ende gänzlich unangefochten. Das Leben wächst hin zu heilvoller Vollendung. Im Predigttext wird von Jesus auch als der "Wurzel Davids" gesprochen. Aus einer Wurzel sprießt etwas hervor, wächst, gedeiht und kommt zu voller Größe. In Jesu Geschichte hält Gott uns und aller Welt das geöffnete Buch vor Augen. Es ist kein Buch mit sieben Siegeln mehr, sondern erzählt von unserer Rettung, unserer Befreiung durch viele Gefahren hindurch ins Licht, ins Leben. Und das wollen wir auch zeigen, unseren Gott auch dadurch loben und preisen, indem wir, Jesus nachfolgend, so viele heilvolle, lichtvolle, lebensvolle Zeichen setzen wie nur möglich. So leuchtet und strahlt der Himmel, den Gott in Jesus geerdet hat, auch durch uns schon jetzt in die Zeit, ins Leben, in die Welt hinein und verwandelt sie heilvoll. Amen.

2011-12-04 Predigt zu Jes 63, 15-16(17-19a), 19b; 64, 1-3 2. Adventssonntag (04.12.2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Im November gab es tagelang im österreichischen Wetterbericht dasselbe Bild, dieselbe Nachricht: oben, auf den Bergen herrliche Sicht, strahlender Sonnenschein, angenehme Temperaturen, unten im Flachland bedeckter, trüber Himmel, mehr oder weniger Nebel, alles in allem: eine ziemlich graue, dunkle Zeit. Eine Zeit lang kann man das aushalten und ertragen, aber irgendwann ist es zuviel und die Frage bricht auf: Wann wird es endlich anders? Wann scheint endlich wieder die Sonne? Unsere ganze Sehnsucht nach Sonne, nach Licht wird deutlich. Im medizinischen Fachhandel gibt es sogenannte Lichtduschen, Lampen, die mit einer bestimmten Wellenlänge leuchten und strahlen; sie können helfen, die gedrückte, trübe Stimmung von Menschen in grauer Jahreszeit aufzuhellen. Unsere Sehnsucht nach Licht zeigt sich auch gerade jetzt im Advent. In dunkler Jahreszeit zünden wir Sonntag für Sonntag ein Licht mehr an. Es ist ein Spiegel unserer Seele; wir hoffen auf Lichtmehrung, bis alles im Licht steht, von Licht erfüllt ist.

Die ganze menschliche Sehnsucht nach Licht, die Hoffnung auf eine Lichtdusche kommt auch im heutigen Predigttext zum Ausdruck. Manchmal fragt man Menschen:"Na, wie ist das Wetter? Und meint damit: „Wie ist die Stimmung?" "Wie geht es dir und euch?" Die Menschen im Predigttext könnten den Wetterbericht vom Anfang als Gleichnis nehmen: oben, in himmlischen Höhen, bei Gott wird es strahlend aussehen, aber hier unten wölbt sich über uns ein grauer, dunkler, bleierner Himmel. Die Sonne haben wir schon lange nicht gesehen. Und seufzend, klagend bricht sich die Sehnsucht nach Gottes Licht Bahn, dass man ihn erfahren, erleben könne wie die Sonne, die sich durchsetzt und Licht und Wärme bringt: "Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab"(Jes 63,19b), so hören wir im Prophetenbuch Jesaja. Das Seufzen, die Sehnsucht, der Wunsch aller Menschen in dunkler und schwerer Zeit. Für die Israeliten war das damals die Zeit der babylonischen Gefangenschaft oder kurz danach, als in die Heimat Zurückgekehrte vor den Trümmern Jerusalems standen. Ein Schlag. Vielleicht hatte man sich euphorisch auf den Weg gemacht: "Wir sind frei!" "Alles wird anders!", und nun die größte Ernüchterung. So wie die Stadt am Boden lag, in Ruinen, so jetzt auch die Stimmung der Menschen. Tief unten. Gewissermaßen Novemberstimmung. Wo ist Gott? Wo bleibst du? "So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!"(Jes 63 15) Es ist die Sehnsucht, dass Lichtglanz vom Himmel, von Gott auch unsere Erde und unser Leben erreicht und Grauheit, Dunkelheit des Lebens ein Ende findet. Gott ist uns manchmal ein Rätsel, wir verstehen sein Verhalten und Handeln nicht. Statt freundlich erscheint er uns feindlich, gegen uns gerichtet. "Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich"(Jes 63,15), so hören wir im Predigttext. Und es ist die selbstkritische Einsicht da: Ja, Gott hat auch Grund dazu, sich traurig, enttäuscht, gar zornig von Menschen abzuwenden in Anbetracht von vielem, was sie sagen, tun und damit anrichten; aber damit ist auch die Frage da: Warum hast du uns so gemacht, dass wir uns gegen dich, deinen guten Willen und die Schönheit des Lebens richten? Mit dem Predigttext gesprochen: "Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? "(Jes 63, 17) In der Art klagen Menschen über sich und Gott angesichts der dunklen, trüben Situation, in die ihr Leben geraten ist. Und man kann es immer wieder nur sagen: Selbst in solcher Klage, ja, gar Anklage Gott gegenüber, steckt, tiefergehend betrachtet, großes Vertrauen. Auch die Klage ist Gebet; sie ist etwas Guttuendes und vielleicht so auch ein erster Lichtstrahl vom Himmel, weil sie unsere Seele entlastet, weil die Klage den Stein ins Rollen bringt, der auf der Seele liegt. Und sie hofft, rechnet damit, dass Gott doch gar nicht dunkel ist, sondern mehr und mehr Lichtstrahlen schickt, ja, dass der Himmel zerreißt und Gott herabfährt und mit seinem Licht dem grauen Leben wieder Farbe, Buntheit, Schönheit verleiht. Nur wer niemanden mehr hat, und sei's zur Klage, wäre wirklich allein und verloren. Wer Gott klagt, rechnet mit ihm als Erlöser, der dem Grund zur Klage ein Ende setzt und ist schon gar nicht allein und verloren. In diesem Sinne hören wir, wie Israel voller Vertrauen auf das erlösende Licht Gott angeht, als Vater, der seine Kinder ganz bestimmt nicht im Stich lassen wird: "Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel", gemeint ist der Stammvater Jakob, "kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; >Unser Erlöser<, das ist von alters her dein Name" (Jes 63, 16). Immer wieder hat sich Gott als Erlöser, lichtschaffend, zu erfahren und zu erkennen gegeben, er wird es auch neu, in alle Zukunft so tun. Israels ganze Geschichte ist eine Zeichensetzung Gottes, dass Licht sich durchsetzt und triumphiert über schwärzeste Nacht.

Jemand schrieb, dass Gottes Regung des Mitleids nicht aufhört, "'sie ist nur vorübergehend nicht mehr tätig'". Doch: "Im letzten wird Gott hinschauen und die Windstille seiner Gefühle im Herzen erneut durch den kräftigen Gefühlssturm ersetzen". Den Sturm, der die Wolken zerreißt, den grauen, bleiernen Himmel öffnet und himmlischen Glanz auf die Erde und auf unser Leben legt. "Nichts ist so schrecklich, als dass Gott es nicht zum Guten wenden kann", und man muss hinzufügen: und zum Guten wenden will. Die Sendung Jesu und seine Geschichte ist eine Bestätigung und Unterstreichung dessen. Luther konnte vom "verborgenen" und "offenbaren Gott" sprechen. Damit brachte er zum Ausdruck: Es gibt Zeiten, da ist uns Gott, sein Wirken, sein Handeln rätselhaft, verborgen, "dunkel". Und doch bleibt sein Licht. Wir mögen nur auf Christus schauen. Und vielleicht hilft uns dabei ein Kreuz, ein Kruzifix in einer Kirche, in unserer Wohnung oder an einem anderen Ort zur Besinnung. In Jesus sehen wir das Vaterherz Gottes, dass für uns und die ganze Welt schlägt, um Licht zu bringen, zu mehren, bis schließlich alles im Lichtglanz der himmlischen Welt und ewigen Lebens steht. Solange man jemanden hat, der es gut mit einem meint, kann es nie ganz dunkel in unserem Leben werden. Und das gilt erst recht, wenn wir auf Jesus schauen, in dem sich Gott für uns gibt, in dem wir Gott haben als unauslöschliches Licht, das leuchtet und strahlt und der Dunkelheit Grenzen und Ende setzt. Amen.

2011-12-18 Themapredigt zum "heiligen Kuss" (4. Advent, 18.12.2011) (Mitgestaltung des Gottesdienstes durch die deutschsprachige Jugendgruppe)

Liebe Schwestern und Brüder!

Vor ein paar Tagen war ich in Eisenstadt. Wenn man da Richtung Stadtzentrum fährt, kommt man an einer ganzen Reihe großer Werbeplakate vorbei, die hier und da die Straße säumen "Retten Sie eine Weihnachtsganz", so war gleich auf mehrer Plakaten zu lesen und dazu jeweils Reiseangebote, jetzt zu Weihnachten an fernere Orte wegzufliegen. Es gab ein Plakat, das hat meine Aufmerksamkeit wirklich erregt. Da war in der Mitte nur ein grüner Mistelzweig zu sehen mit Schleife und darunter in Goldschrift geschrieben "Küsst euch!" Das gefiel mir.

Insbesondere in englischsprachigen Ländern gehört der Mistelzweig zum Advents- und Weihnachtsschmuck. Wie auch die Tanne, siehe Adventskranz und Weihnachtsbaum, ist die Mistel ein immergrünes Gewächs und gilt deshalb seit alter Zeit als ein Ewigkeitssymbol. Zudem gilt die Mistel als Heilpflanze, möglicherweise sogar gegen Formen schwerster, lebensbedrohlicher Erkrankung. Und, so las ich noch in einem Lexikon, unter einer Mistel habe man Kuss-Freiheit. Darum also "Küsst euch!" unter dem Mistelzweig auf jenem Weihnachtsplakat. Symbol von Ewigkeit und Heilung ist die Mistel, ein guter Ort zum Küssen, denn wir hoffen ja, wünschen uns, dass die Liebe, die sich in einem Kuss spiegelt, heilend wirkt und möglichst lange, am besten ewig, währt. Küsst euch! Zu dieser Einladung und Ermunterung, gute, heile Beziehungen aufzubauen und zu erhalten muss man aber nicht erst auf so ein Plakat wie das da in Eisenstadt stoßen. Küsst euch!, das steht schon lange in der Bibel. Zum Beispiel in Paulus' Römerbrief: "Grüßt euch untereinander mit dem heilgen Kuss"(Röm 16,16), oder im 1.Petrusbrief: "Grüßt euch untereinander mit dem Kuss der Liebe"(1 Petr 5,14). Ich will's gleich mal tun und Ihnen und Euch meinen Kuss zuhauchen, zufliegen lassen.

Es gibt in der Bibel eine Sammlung von Liebesliedern voller Poesie; man findet sie im "Hohelied Salomos". Israel findet in ihnen die Beziehung Gottes zu seinem Volk ausgedrückt, Christen die Liebesgeschichte, die dieser Gott durch Jesus für Israel, für alle Völker, für die ganze Welt weiterschreibt. Das Hohelied beginnt mit den Worten: "Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein" und wenig später: "wir preisen deine Liebe"(Hld 1,2 und 4 ). Von inniger, herzlicher Liebesbeziehung ist die Rede. Von einer Beziehung, die auch in einer der bekanntesten Gleichniserzählungen der Bibel zum Ausdruck kommt: Da hält der Vater die ganze Zeit sehnsüchtig immer wieder Ausschau nach seinem "verlorenen Sohn"; und als er ihn sieht und seinen traurigen, erbärmlichen Zustand, da läuft er los, und ausdrücklich heißt es, "und fiel ihm um den Hals und küsste ihn". Ein Kuss ist Zeichen der Nähe. Ein Kuss, den uns jemand schenkt als Zeichen von Freundschaft und Liebe, löst Freude aus, schafft Glücksgefühle, macht gar springend, tanzend, singend, man fühlt sich wie im siebten Himmel und wünscht sich: so schön könnte, möge es eigentlich immer, ewig bleiben. Ein Kuss ist Zeichen der Nähe. Nahe ist Gott. Dass er in Jesus Mensch wird, unterstreicht sein Wesen. Er kommt, läuft auf uns zu, uns entgegen, fällt uns um den Hals, küsst uns. Jesus ist seine Unterstreichung: Selbst wenn es die Welt und wir selbst gar nicht verdienen sollten, wir erhalten von Gott einen Ich-mag-dich trotzdem-Kuss. Gott kam, kommt, wird immer wieder in dieser Weise kommen. Im Abendmahl können wir den Kuss der Liebe Gottes, unterstrichen in Christus, sogar ganz leiblich spüren. Gottes ewige Freundschaft und Nähe, unterstrichen in Christus, lässt Paulus aus Freude übersprudeln, mit der er möglichst viele anstecken will, und so sagt, ruft, ja jubelt er: "Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe." (Phil 4, 4.5) So das biblische Leitwort für den 4. Advent und die neue Woche. Gott küsst uns voller Erbarmen und Hilfsbereitschaft wie der Vater in jener Gleichnisgeschichte, der dem verlorenen Sohn entgegenkommt, entgegenläuft. Und wir mögen es ihm gleich tun, sprich: „Küsst euch! Oder in jedem Fall: Sagt das, tut das, was ein Kuss zum Ausdruck bringt: Ich möchte für einen anderen da sein, ich fange nach Streit neu an, ich möchte dazu beitragen, dass Freude, Glück in die Welt einzieht, Gottes ewige Zuneigung möchte ich ausstrahlen. Amen.

2011-12-24 Predigt zu Lk 2,1-14 in Auswahl (Heiligabend, 24.12.2011)

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat!

"Anfangs ist es nur einer, der Stille Nacht, heilige Nacht vor sich hin singt" am heiligen Abend 1914; es ist ein deutscher Soldat, in einem Schützgraben in Belgien im 1.Weltkrieg. Doch der leise Gesang schwillt an, mehr und mehr Soldaten stimmen ein, es werden tausende von Stimmen, die über das Schlachtfeld klingen und in Weihnachtsliedern die Geburt Jesu besingen. Und drüben, ganz nahe, auf der gegnerischen Seite rufen französische Soldaten "'Encore, encore'" und englische "'More, more'", "Zugabe, Zugabe"; und schließlich kommen sie auf beiden Seiten aus den Schützengräben heraus, die Gewehre, die Waffen niedergelegt, wünschen einander "Frohe Weihnachten", beschenken einander mit kleinen Habseligkeiten, stellen sich zusammen, lassen sich photographieren, spielen sogar Fußball miteinander; man war sich einig: "Wir schießen nicht, ihr schießt nicht". So ist es wirklich passiert auf vielen hundert Kilometern der Westfront. Frieden brach aus.

Wodurch? Warum? Weil da Menschen mehr auf Gott gehört haben, der durch die Geburt des Kindes, durch die Geburt von Jesus zur ganzen Welt spricht, und nicht auf die Stimme und Befehle ihrer Kaiser, Könige, Generäle. Man hat sich anrühren, erfüllen, bewegen lassen von dem, was auch durch das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht" der ganzen Welt zugesagt ist: "Christ, der Retter, ist da!", so in der 2. Strophe des Liedes, oder mit dem Weihnachtsevangelium gesagt: " euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr"(Lk 2,11). Ein Herr, nicht über uns, sondern bei uns, unter uns, und für uns, ein Herr, der dient, der Welt, den Menschen, dem Leben zugute. Dem Leben zugute dienen, sich dafür einsetzen, dass kaputte, unheile Situationen und Beziehungen geheilt, gut und heil werden, das ist die Bedeutung, wenn von Frieden in der Bibel die Rede ist. Frieden - Heilwerdung bis hin zum vollendeten Heilsein, das ist Gottes Herzensanliegen.

Und darum ist er nicht bei sich geblieben, sozusagen im Himmel, sondern wendet sich wieder und wieder Welt und Menschen lebensförderlich, heilschaffend zu. Er bringt den Himmel auf die Erde und bewirkt so Frieden, Heilwerdung.

Zu einem Rabbi, zu einem jüdischen Gottes- und Religionsgelehrten sprach einmal jemand: "'Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?' Darauf antwortete der Rabbi: 'Weil sich niemand mehr so tief bücken will.'" Wir sagen öfter: Der liebe Gott da oben und haben die Vorstellung, er thront irgendwie weit weg in einer anderen Welt; wir nennen sie Himmel. Und sicherlich wohnt Gott in einer ihm eigenen Dimension, eben im Himmel, "in der Höhe"(Lk.2,14). Aber es hält ihn dort nicht. Schon die Israeliten in der Knechtschaft, in den unterdrückerischen Verhältnissen in Ägypten erfahren ganz grundlegend, dass Gott "runterkommt", eben nicht nur "in der Höhe" bleibt. Ausdrücklich heißt es von Gott, dass er das Elend seines Volks gesehen hat und heruntergefahren ist, um zu erretten, um Wege in die Zukunft zu bahnen (s. 2Mose 3, 7f). Und Wunder aller Wunder, genau dieser Gott, der von oben nach unten kommt, um das Leben gut und heil zu machen, der liegt nun auch vor uns in Jesus in der Krippe, ist Mensch geworden. Er streckt sich gewissermaßen von oben nach unten und uns entgegen. Nicht nur in bildhaftem Sinne, sondern auch ganz leiblich wendet Gott in Jesus uns sein Angesicht zu. Wir müssen uns zur Krippe hinneigen, hinbücken, um zu sehen und zu erkennen, wie sehr sich erst Gott zu uns hin gebückt und geneigt hat. Selbst wenn wir uns zum Kind in der Krippe hin bücken, ist es noch unter uns. Gott selbst will unter uns sein, im doppelten Sinne des Wortes: unter uns sein im Sinne von "Gemeinschaft mit uns haben" und unter uns sein im Sinne einer Position, um uns so alle zu halten und zu tragen.

Von Jesu Geburt an hat die ganze Welt einen Fixpunkt, einen Maßstab, was Liebe bedeutet. Wir erkennen in Jesus den Gott, der bedingungslos zur Welt und zu uns Menschen steht, und der nicht müde wird, sich für die Heilwerdung des Lebens einzusetzen, sprich dem Frieden zu dienen. Der große Gott macht es selbst vor, in einer Welt, in der oft gegen seinen guten Willen geredet und gehandelt wird, dennoch die Hand zum Frieden zu reichen und also unheile Situationen und Beziehungen heil zu machen. Diesen Gott und seine Herzensgröße, unterstrichen in Jesus, die heilvolle Folgen für die Welt hat, preisen die Engel: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede aud Erden"(Lk 2,14). "Die Erde wird nicht zum Himmel, wohl aber mit ihm zusammengeschlossen, so dass sie vom Himmel Gottes geprägt wird und nicht himmellos bleibt." In Jesus hat Gott bleibend sichtbar den Himmel geerdet.

Wie heil oder unheil die Welt aussieht an den Orten, an denen unser Leben spielt, wie viel oder wie wenig Frieden in ihr ist, liegt nicht zuletzt an uns selbst. Alle sehnen wir uns nach Heilwerdung des Lebens, und sprechen und handeln dann doch oft in entgegengesetzte Richtung. Aber keine, keiner muß lieblos, friedlos, heillos bleiben. Da ist die Krippe, die Geburt Jesu, als Zeichen der unerschütterlichen und bedingungslosen Zuneigung Gottes zu uns und der Welt. Von dort geht ein bleibender Impuls aus, von Gottes Zuneigung bewegt, wie er und mit ihm Frieden auf Erden sein zu lassen, der Heilwerdung des Lebens zu dienen auf einem Weg, der zu ewigem Heilsein führt. Denn uns ist Christus, der Heiland , der Retter geboren als Unterstreichung der ewigen Liebe Gottes. Amen.

2011-12-25 Predigt zu 1 Joh 3,1-6 (1. Weihnachtstag, 25. 12. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Schönheitsoperationen sind in Mode. Wohl insbesondere Frauen, aber zunehmend immer mehr Männer auch, sind mit ihrem Aussehen an dieser oder jener Stelle nicht zufrieden und lassen Korrekturen vornehmen. Ihnen gefällt das Bild von sich selbst nicht, das sie im Spiegel wahrnehmen. Zwischen der Idealvorstellung und der Wirklichkeit klafft eine mehr oder weniger große Lücke. Es kann sein, dass jemand wirklich an seinem Aussehen leidet. Das Selbstbewusstsein eines Menschen kann erschüttert werden und einen Knacks erleiden, wenn er einer bestimmten Norm nicht entspricht, sei es eine Norm, ein Maßstab, den ein Mensch selbst an sich legt, sei es ein Maßstab, der von außen von anderen an uns Menschen angelegt wird. Und das gilt nicht nur für körperliches Aussehen. Rankings, Einstufungen der Bonität, sprich des guten Rufs, der guten Beschaffenheit, gibt es nicht nur im Finanz- und Wirtschaftswesen. Nicht nur auf diesem Gebiet fürchten viele einen Ansehensverlust, einen Abstieg, der über mehrere Stufen bis hin zum sogenannten Ramsch-Status führen kann, was bedeutet: auf dich zu setzen, in dich zu investieren, bedeutet großes Risiko, große Gefahr; deine Situation ist so schlecht, dass man eigentlich kein Vertrauen zu dir haben darf.

Wissen Sie, wisst Ihr, warum ich den heutigen Predigttext besonders mag? Weil hier Gottes Ranking, Gottes Bewertung unseres Lebens zur Sprache kommt. Und Sie mögen, Ihr mögt es nicht glauben, aber es ist ein Spitzen-Ranking, Triple-A, dreimal A, Top-Bonität. Es lohnt sich, in uns zu investieren, auf uns zu setzen, mit uns zu rechnen. Triple-A, die höchst mögliche Bewertung lautet, mit dem Predigttext gesprochen, "dass wir Gottes Kinder heißen sollen" (1 Joh 3,1), und damit ja kein Missverständnis auftaucht, fügt der Schreiber des 1. Johannesbriefes hinzu: "und wir sind es auch!" (1 Joh 3,1) Also nicht: "Ihr könntet es sein, wenn ...", "ihr solltet es sein, aber ...", sondern "wir sind es!", wir sind Gottes Kinder ohne wenn und aber. Gottes Kinder- Triple-A, höchste Güte- und Vertrauensstufe.

Als Gottes Kinder sind wir untereinander Geschwister, und es ist meine Aufgabe als Mit-Bruder meine Geschwister immer wieder an ihre Würde zu erinnern und ihrer Würde, Gottes Kinder zu sein, zu vergewissern. Wie sehr Gott auf uns setzt, wie viel wir ihm wert sind, das vergegenwärtigen wir ja gerade mit dem Feiern von Weihnachten. Dass Gott in Jesus sogar Mensch wird, bestätigt und unterstreicht, dass sein Herz für uns schlägt, dass er uns und die Welt niemals auf- und verloren gibt. In dem Kind Jesus präsentiert - Präsent = Geschenk - schenkt uns Gott seine Liebe "'wie eine Ehrenkunde'". "Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen", so setzt der Predigttext ein mit Rückblick auf Jesu Geburt und als Zuspruch, uns an unserer Würde, Gottes Kinder zu sein, zu freuen und sie in Freude ernstzunehmen. Es ist immer wieder so, dass sich Menschen nicht als Triple-A, Dreifach-A wahrnehmen und bewerten. Und noch mehr als für äußeres Aussehen, äußere Schönheit gilt das für innere Schönheit des Lebens und ihre Ausstrahlung. Auch der Predigttext verschließt nicht die Augen davor, dass es in der Welt Unrecht gibt, also Dinge, die nicht recht, nicht richtig laufen, Ungutes, Unheilvolles. Mit Bezug darauf heißt es: "Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht." (1 Joh 3,4) Es gibt Dinge, die lassen Menschen an Gott zweifeln. Warum lässt er sie zu? Aber vielleicht können wir die Sache einmal so sehen, wie sie in einem vorgestellten Dialog zwischen Gott und einer Ärztin namens Natalie zum Ausdruck kommt: Gott: "Und du glaubst nicht an Gott?"Natalie: "Nein." Gott: "Warum denn nicht?" Natalie: "Das ist mir einfach zu naiv: Hier die böse Welt und dort der liebe Gott, das macht doch keinen Sinn!" Gott: "Nein, das macht wirklich keinen Sinn, das sage ich auch immer." - Und so ergreift Gott wieder und wieder die Initiative, um die Welt, wo sie böse und unheil ist, nicht böse und unheil zu lassen. Er stellt sich gewissermaßen die Frage: Wie kann ich Menschenherzen erobern, so dass Menschen ihre Würde leben, Gottes Kinder zu sein?

Und ein neues Kapitel Gottes mit seiner Welt und uns Menschen feiern wir Weihnachten: Gott wird uns und dem Leben der Welt zugute in Jesus sogar Mensch. Nicht indem er "mit eiserner Faust auf den Tisch schlägt", will er die Welt verändern, sondern indem er sich uns liebevoll, geradezu zärtlich zuneigt im Kind Jesus. Neugeborene Kinder ziehen Menschen immer wieder an. Sie lassen sich auch von den größten Rauhbeinen in die Arme nehmen, sagen, rufen, schreien nicht: Nein, nein, der da, die da ist böse, die dürfen mich nicht anfassen, mit denen will ich nichts zu tun haben. Ein kleines Kind lässt sich bedingungslos in die Arme nehmen; und in seiner ganzen Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit verkörpert es den Wunsch: Geh freundlich mit mir um, sei gut zu mir, zeige an mir, was das Wesen eines Menschen als Gottes Kind ist, was die Würde eines Menschen als Gottes Kind ausmacht, nämlich schützend, guttuend, rücksichtsvoll, empfindsam mit Menschen, der Mitwelt, dem Leben umzugehen. Durch das Kind Jesus will Gott immer wieder harte, steinerne Herzen erweichen, so dass sie im Rhythmus der Liebe Gottes schlagen und damit Menschen ihre Top-Bewertung, Gottes Kinder zu sein, in schönster Weise ausstrahlen.

Mit Blick auf das Kind Jesus, das wächst, können auch wir als Gottes Kinder wachsen, im Blick auf seinen Weg lernen, sehen, uns anregen lassen, Glaube, Hoffnung, Liebe zu leben. Jesus, angefangen mit seiner Geburt, ist Gottes Einladung an uns: Sei, lebe, was du bist, Gottes Kind, die höchste, größte, schönste Würde, die es geben kann. Amen.

2011-12-31 Predigt zu 2 Mose 13,20-22 (Silvester/Altjahrsabend, 31.12. 2011)

Liebe Schwestern und Brüder!

Zwei Orte werden in den Versen aus dem 2. Mose-Buch genannt: Sukkot und Etam (2 Mose 13,20). Wo Sukkot lag, weiß man mit großer Wahrscheinlichkeit, wo Etam lag, weiß man nicht. Man kann diesen Sachverhalt als eine Widerspiegelung unserer Situation heute am Silvester-, am Altjahrsabend sehen. Woher wir kommen, was hinter uns liegt im alten Jahr, wissen wir, wohin wir gehen, was vor uns liegt im neuen, wissen wir nicht. Im Predigttext heißt es von den Israeliten im Zusammenhang ihres Auszugs aus der Knechtschaft in Ägypten unter Mose: "So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste." (2 Mose 13, 20) Von Etam wissen wir also nur, dass es "am Rande der Wüste" lag. Die Israeliten befinden sich also in einer Schwellensituation, so wie wir heute. Das Betreten von Neuland steht kurz bevor. Es ist das Gebiet der Wüste, das nicht ungefährlich ist, Durststrecken mit sich bringen kann, doch gibt es dort auch Oasen, Orte des Lebens, gar üppigen, reichhaltigen Lebens in karger, aber zugleich vielleicht sogar grandioser, eindrucksvoller Landschaft. Aber ganz gleich, wo man sich gerade befinden wird, auf einem schwierigen Wegabschnitt, auf einer Durststrecke, oder in einer Oase, wo es sich leicht, unbeschwert, gut leben lässt, jeder Punkt des Weges wird kein Punkt ohne Gott sein. Er geht, er zieht mit. Raum und Zeit, jeder Raum und jede Zeit sind von Gottes Gegenwart erfüllt. Vom Raum, der zu betreten und zu durchschreiten ist, heißt es im Predigttext: "Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten." (2 Mose 13, 21) Und von der Zeit, die zu füllen, zu gestalten, zu meistern ist, heißt es: "Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht" (2 Mose 13, 22). An jedem Ort und zu jeder Zeit also bietet sich Gott als bleibender Orientierungspunkt fürs Leben, auf dass wir einen gehbaren Weg finden, voran - und schließlich ans Ziel kommen. Jemand schrieb: "Wolken-und Feuersäule sind bewegliche und vieldeutige Platzhalter für die Gegenwart Gottes, die - so ist es versprochen - jeden Schritt in die Weite der Wüste des Unbekannten hinein begleiten. Sie können die Wandernden veranlassen, den Blick zu heben: weg von den eigenen Füßen, weg von der Angst vor dem Stolpern und Fallen, in einen weiten und offenen Raum voller Möglichkeiten."

Wolken- und Feuersäule als Zeichen göttlicher Gegenwart sind mit mehreren Bedeutungen verbunden: 1) die bleibende Dauer bringt zum Ausdruck: immer und überall bietet sich, wie schon erwähnt, Gott als Orientierungspunkt, der Hilfe zum Leben mit sich bringt; 2) die Wolke bedeutet Schutz; wie durch eine Decke sind die Wandernden von Gottes Gegenwart umhüllt. Psalm 105 bringt das zum Ausdruck, wenn es da von Gott heißt: "Er breitete eine Wolke aus, sie zu decken, und ein Feuer des Nachts zu leuchten" (Ps 105, 39). 3) Die Wolke hat auch absichernde Funktion in Zeiten der Gefahr. Und insbesondere mit Bezug auf die Feuersäule brachte jemand zum Ausdruck, dass da der große Gott, der doch König ist, die Aufgabe eines Dieners übernimmt, nämlich eine Fackel voranzutragen, um einen gehbaren Weg auszuleuchten. Hier trägt der König das Feuer vor gewöhnlichen Menschen. Oder mit gleicher Bedeutung eines Rollentausches, aber anders ausgedrückt: "Gott glich einem Vater, der vor seinem Sohn, und einem Meister, der vor seinem Diener eine Fackel trägt." Und noch etwas gilt: Auch wenn die Israeliten auf ihrem Weg manches Mal Gott außer Acht ließen, die Wolken- und Feuersäule blieb trotzdem; Gott hat sich nicht zurückgezogen, er blieb präsent. "Präsent" als Eigenschaftswort bedeutet "gegenwärtig", großgeschrieben, als Substantiv bedeutet das Wort auch "Geschenk". Gott macht sich Menschen und Welt zum gegenwärtigen Geschenk, Gott schenkt Menschen und Welt seine Gegenwart, sein Nahesein.

Wolken- und Feuersäule sind Zeichen der Einwohnung Gottes; er nimmt Wohnung unter Menschen und in dieser Welt. Gottes eigene Menschwerdung in Jesus, die wir an Weihnachten in besonderer Weise gefeiert haben, ist ein erneutes Zeichen dafür. Gott zeigt sich als präsent /Präsent, als gegenwärtig, als Geschenk für uns, unserer Wegfindung, unserem Leben zugute. Es gibt Landkarten, die versuchen den Weg der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten durch die Wüste Richtung gelobtes, also von Gott versprochenes Land nachzuzeichnen. Es zeigt sich: es ist kein gerader, direkter Weg, sondern einer mit Umwegen und Schleifen.

Verbunden sind mit ihm Gefahren von außen, aber auch Gefahren von innen, aus den Menschen selbst heraus, die ihren Blick von Gott abwenden. Aber der Weg führt doch zum Ziel. Gott sorgt dafür, für Israel und für uns und unseren Lebensweg auch. Der Weg, den Gott mit den Israeliten geht, ist einer, der aus unterdrückerischen Verhältnissen in die Freiheit führt. Sein letztliches Ziel ist die größtmögliche Freiheit, die Freiheit vom Tod, vollständige Heilwerdung des Lebens, Heimatfindung, Zuhause-Sein in der ewigen Welt mit allen ihren Lebensmöglichkeiten. Auf diesen Weg Gottes in die Freiheit sind wir durch Jesus gestellt. In Brot und Wein des Abendmahls können wir sogar sehr leiblich spüren und schmecken, dass Gott in Jesus präsent ist, gegenwärtig, sich uns zum Geschenk gibt. Wir erleben, erfahren: Gott ist da, heute, morgen, zu jeder Zeit, an jedem Ort, bis wir schließlich bei ihm sind auf dem Weg, der in die Freiheit führt. Amen.