Gyengénlátóknak

Soproni Evangélikus Egyházközség

9400 Sopron, Színház utca 27. • • 06-99/523-002

Aufbruch zur „inneren Reformation”

Seit einigen Jahren sind wir unterwegs zum Reformationsjubiläum. Eine ganze Dekade haben wir Zeit uns darauf vorzubereiten – und wir tun das unter anderem, wenn wir wie im vergangenen Jahr in Sárvár, heuer bei uns in Sopron/Ödenburg und im nächsten Jahr in der Budapester Burggemeinde treffen, um uns auf die Spuren der Reformation zu begeben. Einige Gedanken und Zeichnungen seien uns eine Station auf diesem Weg – und das Zeichnen als künstlerische Tätigkeit gestattet ja auch gewisse Überzeichnungen.

 
Ein solches Übertreiben beginnt auch schon da, da solche einfachen Zeichnungen dem Bereich der Kunst zugeschrieben werden. Doch Überzeichnungen berühren Menschen nicht nur emotional, sondern verfügen auch auf ihre Art über die Chance, deutlich auf Wahrheiten hinzuweisen. Vielleicht ist also die Überzeichnung eine Vermittlungsform, die gerade für dieses Thema besonders geeignet ist. So lassen Sie die Gedanken und die Zeichnungen im Miteinander auf sich wirken.
Wenn die Reformation im Mittelpunkt des Nachsinnens steht, ist es eigentlich kein Wunder, wenn sich in uns der Gedanke regt, dass Reformation eine irgendwie gute, nützliche, notwendige und vielleicht auch modische Angelegenheit ist. Also, worauf warten wir? Krempeln wir die Ärmel hoch!

 

Wohlan, reformieren wir auch!
… irgendwas.

Und irgendwie kommen wir recht bald an den Punkt, an dem wir einsehen, dass Reformieren kein Selbstziel sein kann und darf. Wir reformieren also nicht um des Reformierens willen. So begegnet uns die Frage:
Wie reformieren wir?
Und was eigentlich?

Solche Begriffe wie „reformieren” und „erneuern” wecken in uns den Kritiker.
Es kommt ja vor, dass wir gerne und leicht Dinge kritisieren – außerhalb der Kirche und mit Vorliebe auch innerhalb der Kirche.
Denn alles könnte doch perfekt sein, wenn man uns nur öfter fragen würde, wie man was am besten macht. Aber weil das so selten passiert, sehen wir vieles, was wir nicht gut finden.
Ich stelle jetzt zwei beliebte Arten vor, wie die Kirche häufig kritisiert wird – es sind Arten der Kritik, die auch selbst oft der Erneuerung und des Reformierens bedürfen.
Die eine Form des Kritisierens ähnelt hinsichtlich der Haltung dem, wie wir im Fernsehen Fußballübertragungen ansehen – bei Bier und Salzstangen.
Als die deutsche Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im Sommer Brasilien mit 7:1 besiegte, gab es einen Moment, da selbst den schärfsten Kritikern der Atem wegblieb. Aber ansonsten gibt es kaum Fußballspiele, die nicht von Millionen kleiner „Fußballtrainer” verfolgt werden, die via Bildschirm besser wissen, wie zu spielen sei.
Dann sind wir gewiss klüger, als der Trainer und fragen ihn durch den Bildschirm: „Du lieber Joachim Löw, warum lässt du den alten Klose spielen? Thomas Müller wäre doch tausendmal besser!” Wenn dann Thomas Müller spielt, dann rufen wir jedoch nach dem erfahrenen Miroslav Klose.

Wie man's macht, ist es falsch.
Sie ahnen vielleicht, worauf dieser Gedanke hinausläuft. Manchmal kritisieren wir genau so die Kirche. Obwohl wir selbst Teil der kritisch beäugten Kirche sind, blicken wir so auf sie, als wären wir völlig Außenstehende. „Dies ist nicht gut! Warum wird das so gemacht? Warum kann jenes nicht ordentlich funktionieren?”
Und inzwischen sitzen wir freilich – bildlich gesprochen – im Sessel, bei Bier und Salzstangen. Und es kommt uns nicht in den Sinn, dass es hier nicht um Fußball geht, sondern dass wir selbst im Trikot auf dem Feld stehen müssten – dass wir Verantwortung tragen müssten, dass wir in dieses Spiel auch unsere Kreativität einbringen müssten. Dann freilich nicht allein als Kritiker, sondern als „Teamplayer” in der Mannschaft als diejenigen, die etwas machen.
Doch der Sessel ist bequemer – und das Nichtstun schützt uns ein Stück weit davor, selbst kritisiert zu werden.
Übrigens:
Ich gestehe, dass ich auch schon auf so einem Sessel Platz genommen habe und verwundert verfolgt habe, was es in der Kirche so an merkwürdigen Dingen alles gibt.
Ein Beispiel?
Gerne.
Ich zum Beispiel verstehe nicht, warum bei uns ausgerechnet das Kreuz (!) als Symbol für Hierarchie verwendet wird.

Unser Glaube ist, dass Jesus Christus für uns alle gestorben ist. Für die einfachen Menschen ebenso wie für Bischöfe. Damit hat das Kreuz doch eine Symbolik, die für alle Menschen gleich viel bedeuten sollte. Und damit ist das Kreuz eigentlich ungeeignet innerkirchliche Hierarchien zu kennzeichnen.
In Bayern kommt noch der Brauch hinzu, dass je höher ein kirchlicher Würdenträger in der Hierarchie steht, desto größer auch das Kreuz ist, das er etwa zum Talar trägt.
Wozu verwenden wir das Kreuz?
Und wenn schon der Wunsch besteht, einen einfachen Pfarrer von einem Bischof unterscheidbar zu machen – auch dann, wenn sie beide im Talar sind –, warum verwenden wir hierfür ausgerechnet das Kreuz?
Was bedeutet uns das Kreuz?
Darüber könnte man philosophieren. Und das ist ja auch schon geschehen. Denken wir darüber ruhig einmal nach, es ist sicher keine Gotteslästerung.
Doch ich weiß auch gut, dass Fragen dieser Art in gewisser Weise ein Nebengleis sind. Es kann nicht das Ziel der Reformationsdekade und des Reformationsjubiläums sein, dass wir uns ausschließlich mit Fragen dieses Kalibers beschäftigen. Und mal ganz ernsthaft nachgefragt: Wen stört im gottesdienstlichen Vollzug ernsthaft, dass der Bischof ein Kreuz trägt?
Vielleicht ist das keine allzu große Frage.
Also, auf zum nächsten Schritt – zur zweiten Art, wie Kirche gerne kritisiert wird.
Und jetzt denken wir mal wirklich in eine ganz egoistische Richtung – denn auch auf so etwas trifft man häufig.
Betrachten wir das Bild:

Hier liegt das Gemeindeglied, hier liegen wir auf dem Massagetisch und warten auf die Dienstleistung der Kirche.
Denn – keine Frage – dass die Kirche uns massiert und allerlei Dienstleistungen angedeihen lässt, das steht uns zu! Egal, ob wir Kirchenmitglieder sind und irgendwie Spenden, Beiträge oder Steuern zahlen oder nicht – es steht uns zu.
Und es ist sogar noch schlimmer:
Die Kirche macht, was wir wollen, massiert unsere Füße. Aber wir sind unzufrieden, weil die Kirche das nicht so macht – nicht so gut, nicht so intensiv, nicht so schön –, wie wir das wollen.
Was machen wir also?
 Natürlich, wir kritisieren die Kirche: Besser massieren müsste sie mich! Ein besserer Dienstleister müsste sie sein.
Freilich, man sieht mich selten in der Kirche und im Arbeitskreis Massage bringe ich mich auch nicht ein. Wozu auch? Ich will ja massiert werden und nicht andere massieren – wer bin ich denn?
Auf gut Deutsch: Es gibt manche, die die Frage bewegt: Wie könnte die Kirche meine Ansprüche und die meiner Familie noch besser befriedigen? Diesen Teil der Gemeindearbeit sehe ich irgendwie, alles andere interessiert mich nicht. Aber es genügt auch, dass ich von der Gemeinde nur so viel sehe, wie mich direkt betrifft – jedenfalls genügt es dafür, dass ich mich mit meiner Kritik und meinen Erneuerungsideen hervortun kann.
Na, jetzt halte ich doch mal inne.
Vielleicht regt sich schon der eine oder andere auf, dass das jetzt doch auch nicht so ganz die Wirklichkeit widerspiegelt. Eine Schwarzmalerei ist das. Und es gibt doch viele aktive, engagierte Gemeindeglieder!
Das weiß ich gut. Doch ich versprach eingangs Überzeichnungen. Und wer weiß, vielleicht ist in ihnen doch ein Fünkchen Wahrheit.
Wenn aber die beiden vorgestellten Reformierungsarten nicht fruchten, kehren wir zurück zur Frage, wie wir reformieren sollten – und was eigentlich?
Was würde denn unser großer Reformator zu diesen Reformierungspraktiken sagen?

Gott sei Dank ist noch ein bisschen Zeit bis 2017. Wir müssen uns noch nicht aktionistisch in die Detailplanung der für dieses Jahr geplanten Programme stürzen.
Wir können es uns leisten, stehen zu bleiben und innezuhalten. Zum Beispiel jetzt.
Ich denke, ehe wir nach außen blicken, was es in der Kirche, in den Gemeinden anlässlich des Jubiläums zu verbessern gibt, sollten wir erst einmal nach innen schauen. Beginnen wir diese Arbeit in uns selbst!


Welche „95 Thesen” würden wir selbst formulieren, um sie nicht an die Kirchentür zu heften, sondern uns selbst, unseren Herzen, anzubefehlen?

Blicken wir in uns selbst, in unser Herz, unsere Seele. Seien wir kritisch mit uns selbst und bereit zur Erneuerung.
Was bedeutet mir Gott?
Was bedeutet mir der Glaube?
Was bedeutet mir die Kirche?

Das könnten theoretische Fragen bei der Selbstprüfung sein.
Und dann: Wie lebe ich mein Leben?
Das könnte die praktische Seite der Selbstprüfung sein.
Und dann darf eine spannende Frage nicht außen vor bleiben:
Haben die Antworten, die wir eben auf die gestellten Fragen gefunden haben, etwas miteinander zu tun?
Es könnte ja auch sein, dass wir sagen: Natürlich ist uns Gott wichtig, und der Glaube bedeutet mir viel – und auch die Kirche schätze ich hoch. Aber in meinem Leben, in meinem Alltag kann man eigentlich keine Spuren dessen entdecken.

Und ein späterer Schritt:
Was kann ich tun in der Kirche, in der Gemeinde?

Wozu bin ich fähig, was kann ich gut, was sind meine Talente? - Und wie kann ich all das in die Gemeinde einbringen – zum Wohl anderer, zu meiner eigenen Freude, zum Bau der Kirche Christi und zur Ehre Gottes?

So kann aus der von mir geforderten „inneren Reformation” - aus der Reformation in den Herzen – auch etwas wachsen, was sich auf das gemeindliche und kirchliche Leben auswirkt. Und es bringt vielleicht nochmal ganz andere Erneuerungen, wenn wir mit erneuertem Herzen und erneuerter Seele auf Gemeinde und Kirche blicken, als wenn wir einfach aus einer Laune des Reformierens heraus erneuern.
Ecclesia semper reformanda – die Kirche ist immer zu erneuern.
Diesen Slogan sollten wir nicht hören, ohne noch etwas anderes mitzuhören:
Die Herzen in der Kirche bedürfen ebenfalls der ständigen Erneuerung.
Über erneuerte Herzen erfährt auch die Kirche auf gute Weise Erneuerung.
Darin helfe uns der allmächtige Gott durch Jesus Christus mit der Kraft des Heiligen Geistes.
 
Holger Manke (Gedanken),
Eszter Manke-Lackner (Zeichnungen)

„Frau Winter, Sie glauben ja, was Sie sagen!“

Im Gespräch mit Gertraud Winter


Ein strahlendes Lächeln – wann immer man sie sieht. Eine gewinnende, sympathische Art. Ein Mensch, den man gerne und regelmäßig auch im deutschen Gottesdienst sieht. Oft auf der Kanzel, und noch häufiger einfach so als Gottesdienstbesucherin. Was wären wir nur ohne Gertraud Winter? Ehrlich gesagt, ich kann es mir nicht vorstellen. Doch wir müssen es uns auch nicht vorstellen. Denn man merkt, sie ist mit Herz und Seele Mitglied unserer Gemeinde. Die Lektorin und langjährige Religionslehrerin spricht über Herzensanliegen im kirchlichen Dienst und über den Wert der Gemeinschaft.
 


 

Zunächst ganz herzlichen Dank, dass Sie den Großteil der deutschen Gottesdienst, die ich nicht halten kann, übernehmen.

Ich mache das ja auch gerne – und muss ja auch ein bisschen in Übung bleiben.

Was macht die Soproner Gemeinde in ihren Augen besonders liebenswert?

Ich finde die Leute so lieb. Ich habe eine Gemeinde gesucht, in der ich mich zu Hause fühlen kann – und jetzt fühle ich mich in der Soproner Gemeinde einfach zu Hause. Wenn ich in die Kirche komme und die Leute mich grüßen und sich freuen, wenn sie mich sehen, dann ist das einfach schön – und ich fühle mich zu Hause!

Sie sind Religionslehrerin und halten schon lange Gottesdienste. Was bedeuten diese beiden Formen von Verkündigung für Sie?

Als Religionslehrerin habe ich ja schon versucht, Gottes Wort zu vermitteln und die Kinder auch zur Kirche hinzuführen. Und auch im Gottesdienst, in der Predigt kann ich das Wort der Bibel weitergeben – das ist für mich wichtig.

Wenn Ihre Zeit als Religionslehrerin ins Gespräch kommt, strahlen Sie ganz besonders. Man merkt, eine für Sie sehr wichtige und bedeutende Zeit.

Ich habe das unheimlich gern gemacht. Meine Religionslehrerin hatte damals zu mir gesagt: „Warum wirst du nicht Gemeindeschwester, wenn dich das so interessiert?“ Und so bin ich hineingewachsen. Mit 15 Jahren habe ich – von ihr angelernt – Kindergottesdienst gehalten und dann war für mich klar: Ich werde Gemeindeschwester.
Ich wurde dann Religionslehrerin, aber die Tätigkeit als Gemeindeschwester habe ich parallel ausgeübt – und zwar unentgeltlich. Ich fand, wenn man Religion unterrichtet, dann muss auch Glaube vermittelt werden und die Zugehörigkeit zur Kirche aufgezeigt werden. So wächst es dann auch, dass Kinder gerne zur Kirche gehen und zu Kindergruppen kommen. Und solange ich Lehrerin war, ist mir das vielleicht auch gelungen.

Was einem selbst ein Herzensanliegen ist, auch anderen ans Herz legen.

Es gab Schüler, die sagten: „Frau Winter, Sie glauben ja das, was Sie uns sagen!“ Da sagte ich: „Na sicher, denn was ich nicht glaube, das sage ich auch nicht.“ Das sind Erlebnisse, die einen glücklich machen, ich habe irrsinnig gerne Religion unterrichtet. Den Beruf habe ich immer geliebt.

Wie erleben Sie als Religionslehrerin mit Herz und Seele, dass Kirche schon auch in der Krise ist. Woran liegt das?

Ich habe gemerkt, dass Kinder oft einen vollen Kalender haben – von Turnen über Ballett zu Basketball. Und die Kirche ist dabei irgendwie unwichtig geworden. Früher hatte man nicht so viel Action, sondern man war froh, dass die Kinder gut aufgehoben waren, wenn sie in die Kirche oder den Kinderkreis gegangen sind, wo gebastelt, gespielt und gesungen wurde. Und heute sitzen Kinder oft lieber vor der Playstation, als dass sie hinausgehen, zum Beispiel zur Kirche.

Was können wir tun?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Kinder, die zum Kinderkreis gekommen sind, zu Hause die Laden voller Zuckerl hatten. Und ich bat sie am Ende des Kinderkreises alle Futzerln Papier wegzuräumen, dann kriegen sie ein Zuckerl. Und für dieses Zuckerl sind sie auf dem Boden herumgerobbt und haben alles weggeräumt, was da an Schmutz war. Das ist komisch. Also: Wir müssen motivieren, dass sie gerne kommen. Dass sie merken, da erleben wir Gemeinschaft, da tut sich was. Gemeinsam spielen, gemeinsam etwas unternehmen, gemeinsam wandern – das erleben viele zu Hause nicht mehr. Aber so können wir Erlebnisse in der Gemeinschaft bieten.

Wir können als Kirche Erfahrungen bieten, die sie woanders nicht mehr bekommen.

Man erlebt ja auch in Urlauben immer häufiger, dass Familien nichts mit sich anzufangen wissen. Da muss dann ein Animator her, der sagt: „Uns jetzt hebt die Hände in die Höhe“. Viele sind selber nicht mehr kreativ. Und wenn man immer gesagt bekommt, was man tun soll, muss man selber nicht mehr denken. Das selbständige Denken ist oft der Denkfaulheit gewichen.

Der Religionsunterricht allein kann's nicht richten, Menschen zum selbständigen Denken zu ermutigen.

Nein, da muss sich in vielen Bereichen der Gesellschaft etwas ändern. Bleibt zu hoffen, dass ein Umdenken kommt. Aber momentan sehe ich das mit Sorge.

Da kann Gemeinschaft – gerade wie sie auch eine Gemeinde bietet – doch auch eine Perspektive sein, auch was das Erleben von Werten betrifft.

Gerade in Sopron gehen sehr viele Kinder mit ihren Eltern in den Kindergottesdienst. Ich habe festgestellt, wie viele Kinder da kommen, wenn der Gottesdienst aus ist. Und auch ich habe ja die Gemeinschaft gesucht und in Sopron gefunden. Viele Leute kommen in den Gottesdienst, weil sie da die Gemeinschaft finden, die sie suchen. Und: In Sopron kommen neben den Kindern und den Älteren auch sehr viele „Mittelalterliche“ in den Gottesdienst. Und das gefällt mir.
Und wenn ich zum Beispiel einen Gottesdienst am ersten Sonntag nach Neujahr habe – an einem Sonntag, wo schon so viele Gottesdienste zuvor waren – und es kommen immer noch 30 Leute in die Kirche, das freut mich schon. Und ich bin überrascht.

Die Menschen freuen sich, dass Sie Gottesdienst halten.

Mir hat jetzt jemand gesagt: „Seien Sie nur weiter so fröhlich bei der Predigt, wie Sie immer sind.“ Ich weiß gar nicht, ob ich immer so fröhlich bin. Manchmal will ich auch etwas sagen, was nicht so fröhlich ist.

Der genannte Wunsch an Sie legt doch auch die Frage nahe, was Sie der Soproner Gemeinde wünschen.

Eigentlich, dass sie so bleibt, wie sie ist – und dass die Jugend auch in der Kirche tätig bleibt. Mehr kann man nicht wünschen.
 
Holger Manke
 

 

Es sind nicht nur Touristen …

… die aus aller Herren Ländern unsere Kirche besuchen. – Werfen Sie nur einen Blick in unser Gästebuch im Vorraum der Kirche! – Es sind Besucher, die ihre Wurzeln oder die Namen ihrer Vorfahren suchen, die sich erinnern wollen, oder die „einfach” nachdenken und beten wollen. Oder in der Sommerhitze die Kühle genießen.

 
Mir sind besonders vier Besuche in Erinnerung geblieben.
Ein junges Paar betrat den Kirchenraum und wählte gezielt eine ungewöhnliche Richtung, nicht den Weg, der direkt zum Altar führt. Das machte mich stutzig, denn in den letzten Jahren habe ich als Kirchenführerin so etwas noch nicht erlebt. Sie gingen links und blieben suchend ungefähr bei der 7., 8., 9. Reihe stehen, traten in die Bänke, und fast berührten ihre Nasen das Pult. Es war eindeutig, dass sie etwas Bestimmtes suchten. Ich folgte ihnen und fragte, ob ich bei der Suche behilflich sein könnte. Der junge Mann erzählte daraufhin, sein Großvater habe ihn beauftragt, das Namensschild seines Vaters zu finden. Der junge Mann war schon dabei, die Suche aufzugeben, denn die angegebenen Reihen wollten überhaupt nicht stimmen. Ich meinte, sie hätten doch Zeit, sie sollten ruhig weitersuchen, Namensschilder wurden ja nie ausgetauscht, auch nie entfernt, vielleicht wäre es doch eine andere Reihe. Und so war es auch. Plötzlich lächelte das junge Paar, zuckte das Handy, Blitzlicht erhellte die Bank, der Auftrag war erfüllt.  
Eine alte Dame am Arm eines älteren Herrn betrat die Kirche mit schlurfenden Schritten. Sie schwiegen, doch fühlte man, dass sie ganz eng zusammengehörten. Sie gingen gezielt bis zum Taufbecken, blieben dort eine Weile still stehen. Ihr Zusammensein schloss die Außenwelt aus. Nach ein paar Minuten drehten sie sich um und waren dabei, die Kirche zu verlassen, noch immer ohne Worte. Da siegte doch meine Neugier, was sie wohl in unsere Kirche führte. Am Ausgang kam dann die Erklärung, jetzt lächelten sie schon. Es waren Mutter und Sohn. Sie war in dieser Kirche getauft und konfirmiert worden und auch ihre Hochzeit hatte hier stattgefunden. Sie wollte sich erinnern.

Dann eine Familie, ein Ehepaar mit Teen-agern: Tochter und Sohn. Ich erzählte ihnen ziemlich ausführlich, sie hörten geduldig und interessiert zu. Und dann wollten sie wissen, wo man das beste Eis in Sopron bekommt. Ich bin kein Eis-Fan, aber ich wusste, dass in den Lővérek nach Meinung vieler sehr gutes Eis zu bekommen ist. Dorthin zu kommen, wenn man in der Stadt fremd ist, ist nicht gerade einfach. War bisher nicht einfach: Der Sohn hatte ein GPS mit und sie fanden die Eisdiele sofort. Und da kamen wir ins Gespräch. Scheinbar löst nicht nur Wein, sondern auch die Aussicht auf Eis die Zunge. Der Vater offenbarte, dass er der Sohn von Vertriebenen aus Sopron sei, und er wusste sogar die Adresse der Eltern und Großeltern und meinte, ohne sich vergewissert zu haben, das Elternhaus gebe es nicht mehr. Ich meinte, wenn sie schon ein GPS dabei haben, könnten sie sich selbst darüber überzeugen. Wir verabschiedeten uns. Eine Woche später war diese Familie unüblicherweise ein zweites Mal in der Kirche, um die zweite Tochter und deren Freund erweitert. Der Vater wollte dem jungen Paar die Kirche zeigen. Und dann blieben sie im Vorraum vor der Tafel der Gefallenen im Ersten Weltkrieg stehen. Sie fanden dort den Namen dreier Vorfahren. Es gab nur einen kleinen Unterschied zwischen dem Namen auf ihrem Zettel und denen auf der Tafel: statt b stand p. Sie beschlossen Kontakt zu unserem Archiv aufzunehmen und mit der Recherche dieses Zweiges der Familie zu beginnen. So verabschiedeten wir uns mit einem „Auf Wiedersehen im nächsten Jahr“. Übrigens schmeckte ihnen das Eis hervorragend.
Da war der Herr mittleren Alters, sportlich gekleidet, er betrat die Kirche mit forschen Schritten, schaute sich um und setzte sich in eine Bank. Gewöhnlich drehen sich solche Menschen bald um und verlassen die Kirche binnen Sekunden ohne eine Information bekommen zu wollen. Sein Verhalten ermunterte mich doch dazu, ihn anzureden. Er sprach Hochdeutsch mit einem Hauch vom Süddeutschen. Er stellte nicht die üblichen Fragen zum Kirchenraum, viel mehr wollte er statistische Angaben über Kirchenbesuch, Informationen über die Stadt und generell über die Gesellschaft in Ungarn bekommen. Meine Antworten stellten ihn mehr oder weniger zufrieden. Da kam meinerseits die Frage, warum er sich für so etwas interessierte. Er hatte als Kind in Sopron gelebt und hatte wohl sehr früh die Stadt verlassen. Ob er Ungarisch konnte, weiß ich nicht, ich habe ihn danach nicht gefragt. Denn ich spürte, er hing zwar an Erinnerungen, doch erlaubte er sich nicht, sich in diesen zu vertiefen – aus welchem Grund auch immer. Er verabschiedete sich nicht.
Ich würde mich freuen, wenn auch andere, junge Leute, Schüler und Studenten so bewegende, schöne, manchmal auch merkwürdige Erlebnisse bei ihrer eigenen Kirchenführung machen könnten. Meldet Euch also im Juni 2015!
 
Erzsébet Ghiczy
 

 

Ein seelenvolles Fest

Ein Blick auf das Gustav-Adolf-Fest
 
„Ich wünschte, die Kirche füllte sich …” Dieser Wunsch wurde erfüllt, wenn auch nicht im Sinne des Verfassers des Gedichtes, Dr. András Winkler.

Und dieser erste Satz war auch der Auftakt zum kirchenfüllenden Fest, wo die zwei Sprachen die Gläubigen nicht trennten, sondern einander nahe brachten. Sogar sehr nahe beim Singen der Kirchenlieder, im Zuhören der Predigt, und in den Gebeten wurden Gäste und Gastgeber vereint. Unvergesslich bleibt das Erlebnis, wie unsere Hymne, Ein feste Burg ist unser Gott, aus zweitausend Kehlen gesungen die Kirche und wohl auch die Umgebung der Kirche füllte.
Es soll gesagt werden, dass der Anlass dieses Festes in Sopron ein schwedischer König namens Gustav Adolf war, der sich nie in Sopron aufgehalten hatte. Dass er für uns Protestanten eine sehr wichtige Person ist, beweisen seine Taten, sein im wahrsten Sinne des Wortes kämpferischer Einsatz für den Protestantismus und sein Tod auf dem Schlachtfeld in Lützen bei Leipzig. Neben Martin Luther schmückt sein Porträt mit Recht unser Kirchenfenster.


Die Gäste kamen voller Erwartungen und die Gastgeber mit klopfenden Herzen, ob alles so laufen würde, wie sie sich gewünscht haben und wofür sie keine Mühe gescheut haben. Das ist höchstwahrscheinlich immer so. Was nicht immer so ist, waren Schauplatz und Umgebung und somit das Ambiente der Veranstaltung: die ganze Innenstadt mit unserer Kirche im Mittelpunkt. Was die verschiedenen Schauplätze der Angebote miteinander verbunden hat, waren die einen auffallend gelben Schal tragenden Hilfsengel, die lächelnd und einsatzbereit und wie Profis ihre Arbeit verrichteten, Wünsche erfüllten und Probleme lösten.
Durch die Geschlossenheit der Innenstadt konnte sich keiner der Gäste verlaufen, man traf immer auf altbekannte und neubekannte Gesichter. Weder Kinder noch Erwachsene mussten sich langweilen, die Kleinen bastelten und wurden bemalt, die Großen lauschten Instrumentenklängen oder Chorgesang.
Auch das Wetter war uns hold. So stand nach dem Mittagessen einem Spaziergang oder einem gemütlichen Plausch auf dem Hauptplatz und um die Kirche herum nichts im Wege. Der Sanitäter blieb Gott sei Dank ohne Arbeit. Er nahm sich sogar die Zeit die Kirchenführung mitzumachen, und als Religionsneutraler zeigte er Begeisterung für die Veranstaltung und für die Kirche selbst.
Platten mit Gebäck wurden leergeputzt, Krüge mit selbstgemachten Säften leergetrunken und dabei fanden auch etliche Bücher einen Besitzer.
Nach dem positiven Nachklang stellt sich die Frage:
Sollen wieder 24 Jahre verstreichen, bis wieder unsere Kirche Gastgeber des burgenländischen Gustav-Adolf-Festes wird?
 
Zsuzsa Hajdu-Siklósi und Erzsébet Ghiczy

 

Sehe ich das Schwere – oder den, der uns hilft?

Interview mit der deutschen Kuratorin Márta Farsang
Was bedeutet eigentlich Glaube – im eigenen Leben, aber damit aufs Engste verbunden auch in der Verbundenheit einer Kirchengemeinde? Welche Chancen und Grenzen hat die Weitergabe vom Glauben? Was bedeutet die Deutschsprachigkeit in unserer Gemeinde? Márta Farsang, Kuratorin des deutschsprachigen Gemeindeteils, blickt für den Christophoros auf diese vielfältigen Themen des kirchlichen Lebens in Sopron.

 
Du bist in der Gemeinde sehr aktiv, bei fast allen deutschsprachigen Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen nicht nur anwesend, sondern auch mitarbeitend und mitdenkend aktiv. Und man kann sagen, du bist mit Herzblut bei der Sache. Was bekommst du zurück?

Es macht mir Spaß. Ich bin glücklich darüber, dass ich das machen darf. Es ist mir wichtig, dass ich dabei sein darf, dass ich mit älteren und jüngeren Leuten und mit allem, was mit der Gemeinde zu tun hat, in Verbindung stehe.

Es gibt Nachrichten darüber, dass die Kirchenmitgliederzahlen zurückgehen. Was denkst du, was führt dazu, dass für viele der Glaube nicht mehr eine so bedeutende Rolle einnimmt?

Ich denke, dass viele Menschen – auch in meinem Alter – mehr auf das Materielle fixiert sind. Dadurch, dass anderes so wichtig geworden ist, haben sie den Glauben ein Stück weit losgelassen. Ich werde öfter mal gefragt: „Warum läufst du ständig in die Kirche? Warum machst du in der Gemeinde so viel?“ Ich brauche das. Ich kann nicht beschreiben, weswegen. Wenn ich zum Beispiel am Sonntag nicht in die Kirche gehen kann, dann bin ich ein bisschen deprimiert. Ich brauche diese Gemeinschaft. Vielleicht kann ich das damit begründen, dass ich mit 51 Jahren einen ziemlich schweren Nervenzusammenbruch erlitten habe. Ich bin ziemlich lange nicht in die Kirche gegangen. Ich war krank. Und da habe ich diesen Ruf gehört – und seither gehe ich in den deutschen Gemeindeteil. Ich bin um 9 Uhr in den Gottesdienst gegangen, setzte mich in die Reihe, in der ich früher mit meiner Großmutter saß. Damals war Kerstin Sprügel die Pfarrerin – und ich fühlte, als hätte sie direkt zu mir gepredigt. Ich habe mich irgendwie angesprochen gefühlt. Ich war schon früher Presbyterin und schon von Kindheit an in der Kirche. Doch gerade ihre Predigt war für mich ein entscheidendes Erlebnis. Sie hat mich nach dem Gottesdienst angesprochen und mich wieder ins Gemeindeleben hineingeführt. Und sie war auch diejenige, die mich gefragt hat, ob ich Kuratorin werden könnte. Ich sagte, dass ich das nicht kann und mich nicht würdig fühle. Und dann habe ich mir Gedanken gemacht, dass es sein kann, dass Gott mir diesen Weg zeigt – auch über die Erkrankung, die einen Halt, ein Stehenbleiben nach viel Hektik bedeutete. Ich konnte wieder Halt finden, habe mich geborgen und getragen gefühlt.

Welche Gedanken haben dir über die erwähnte Predigt hinaus geholfen, dich im Glauben zu vertiefen?

In einem Buch des reformierten Pfarrers Endre Gyökössy über die Liebe las ich: „Amikor mások kiborultak, akkor mi a feleségemmel térdre borultunk.“ (Als andere die Nerven verloren haben, sind meine Frau und ich auf die Knie gefallen.) So einfach ist es: Man muss nur einmal mehr beten, und dann merkt man, Gott ist nur eine Hand weit entfernt.

Denkst du, Menschen, die Schweres erlebt haben – Krieg, Krankheiten, Trauer – finden leichter zu Gott – und andere, denen alles leicht gelingt, finden weniger leicht eine tiefe Verbindung?

Ich kann sagen, bei mir fehlte früher so eine Tiefe im Glauben. Und wenn man dann etwas Schweres erlebt, kann es sein, dass man sich entweder ganz von Gott abwendet. Oder aber es wächst Vertrauen zu Gott, der einen auch durch schwere Zeiten trägt.
Meine Großeltern hatten ein Bild über ihrem Bett: Der Mensch ist bis zum Hals im Wasser, und am Fels kniet Christus und hilft ihm aus dem Wasser heraus. Dieses Bild hat mich irritiert, weil es mir zeigte, wie schwer unser Schicksal ist, wie schwer wir es haben, wie sehr uns das Wasser bis zum Hals steht.
Als meine Großeltern verstorben waren, wurde das Bild in eine Kammer gestellt. Und viel später stieß ich wieder auf das Bild und sah es mit ganz anderen Augen: Es stimmt, dass der Mensch so tief im Wasser sitzt. Aber Christus bemüht sich und tut alles, um ihn herauszuziehen. Das ist eine Frage der Perspektive: Ist das Glas Wasser halb voll oder halb leer? – Sehe ich das Schwere oder den, der uns hilft? Die Botschaft des Bildes wurde für mich neu klar: Egal was passiert, Christus, Gott hilft mir.
Und um auf deine Frage zurückzukommen: Wenn alles wunderbar läuft, dann, denke ich, glauben die Menschen weniger an Gott. Dann ist es selbstverständlich, dass die Sonne scheint und alles gut läuft. Aber wenn ein Stein zwischen die Räder kommt, fragt man sich, ob es wirklich selbstverständlich ist, dass die Sonne scheint und dass die Dinge oft gut laufen.
Täler gibt es nicht ohne Berge – und umgekehrt. Man muss auch tief hinunter, damit man die Sonne oben auf dem Berg schätzen kann.

Das Bild vom sich herabbeugenden Christus, der alles tut, um den Menschen aus dem Wasser zu ziehen, spricht mich sehr an. Ist das nicht auch Auftrag an uns? Und daran anschließend: Wie geben wir anderen Menschen weiter, dass sie Gottes Handschrift in ihrem Leben – im Guten wie im Schweren – erkennen lernen? Was können wir tun, um anderen etwas weiterzugeben?

Das wichtigste ist, dass wir authentisch bleiben. Und wir können davon erzählen, dass wir auch Tiefen und Höhen kennen. Dadurch sind wir viel näher zu Gott gekommen. Wenn sie gerade im Höhenflug sind, werden sie das nicht unbedingt verstehen. Aber wenn sie selbst Probleme haben, kommt die Hilfestellung viel eher an. Dann sehen sie: Bei ihr hat es geholfen, warum könnte es nicht auch bei mir helfen.
Das alleine ist aber noch keine Garantie. Als ich in jungen Jahren meinen Vater verloren habe, hat sich eine Freundin der Familie, die auch einen tiefen Glauben hatte, mit mir viel über Gott und über Schicksalsschläge gesprochen. Doch es hat mich nicht richtig erreicht. Ich war zu tief verletzt. So wie viele andere, die fragen, warum Gott so etwas zulässt.
Ich habe ein Bild: Ich war wie ein Schaf zwischen den Büschen verirrt, und Gott griff immer nach mir, um mich dort herauszuführen. Ich ging auch manchmal ein paar Schritte in die richtige Richtung, aber richtig raus kam ich nicht. Da musste erst die Krankheit kommen, anhand der ich verstand: Ohne Gott geht es nicht.
Wenn ich keine offenen Ohren habe, dann erreicht es mich nicht. Ich kann zehnmal in die Kirche gehen, und der Gottesdienst und die Predigt können sehr gut sein, aber wenn ich die Ohren nicht öffne, dann geht es an mir vorbei.

Der Heilige Geist wirkt wann und wo er will. Und dieser Gedanke lässt mich auch nach Pfingsten und Babel fragen. Wir sind eine von wenigen Gemeinden, in denen die Zweisprachigkeit so deutlich gelebt wird. Doch verschiedene Sprachen trennen ja auch Menschen, die selten gemeinsam Gottesdienst feiern.

Ich finde, wir könnten die Chance der Zweisprachigkeit manchmal mehr nützen. Das fängt schon damit an, dass Jugendliche die Möglichkeit hätten, die deutsche Sprache auch hier in der Gemeinde mehr zu üben. Doch darüber hinaus finde ich, dass wir es unseren Vorfahren schuldig sind, die Deutschsprachigkeit fortzuführen. Die Bibeln und Gebetbücher, die wir von den Vorfahren geerbt haben, sind alle in deutscher Sprache. Wir dürfen sie nicht auf Regale stellen und sagen: Das habe ich geerbt und damit ist es vorbei. Ich denke oft darüber nach, was man machen könnte, dass die deutschen Gemeindeveranstaltungen mehr besucht werden, und was man tun könnte, dass mehr Jugendliche sich dem deutschen Gemeindeleben anschließen. Denn es bringt etwas für die Sprachkenntnisse, aber besonders auch für die Seele.

Die Verantwortung den Vorfahren gegenüber ist, denke ich, eine bedeutungsschwere Motivation.

Unsere Vorfahren kamen im 16. und 17. Jahrhundert in der Hoffnung nach Ungarn, dass sie ihren Glauben frei ausleben können. Ihnen ging es ähnlich, wie den Juden, die nach Ägypten oder nach Babylon gerieten, nur sie waren keine Gefangenen, keine Sklaven, wurden nur Knechte. Wie die Juden ihren Glaube und ihre Sprache bewahrt haben und sie als Stamm bzw. Stämme überleben konnten, so haben unsere Vorväter und
-mütter ihre Sprache, ihre Tradition weitergegeben. Das war der „Zaun” um die Ortsgemeinde, die ihre „Wurzeln”, ihre Zusammenhörigkeit geschützt hat. Ansonsten wäre auch unsere Kirche heute nicht da.
Auch wenn der Weinstock lebensgefährlich beschädigt wurde, ist die Pflicht der Zurückgebliebenen das Erbe zu bewahren. Wenn wir uns im Friedhof umsehen, ist das eindeutig.
Die fünfziger Jahre sind nicht spurlos verschwunden. „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Das gilt auch für meine fehlende Muttersprache. Deswegen müssen wir unseren Kindern und Enkelkindern die deutsche Sprache beibringen. Heute, wo die Grenze offen steht, ist das für jeden vorteilhaft.
Der Glaube muss ebenso gepflegt werden wie die Sprache. In der deutschen Gemeinde haben wir die Gelegenheit beides auf einmal zu pflegen und auszuüben. Ich bin überzeugt, dass die Kinder in erster Linie von den Eltern erzogen werden müssen. Dennoch müssten in dieser Hinsicht die Schulen, Gymnasien viel, viel mehr tun.
Nebenbei bemerkt: Ich hatte mit elf und zwölf Jahren deswegen so gut russisch gelernt – trotz Hass auf Russen –, weil ich eine liebe und sehr gute Russischlehrerin hatte. Im Gymnasium habe ich keinen einzigen Satz gelernt, da die Marusja uns nur Lenin und seine Hütte lehrte. Meine Tochter hat auch deswegen – trotz ausgeprägten mathematisch-technischen Interesses – Sprachen gelernt, weil die Professoren so gute Lehrkräfte waren.
Das gilt auch für die Pfarrer. Wenn man die Leute anspricht, warum sie nicht in die Kirche kommen, antworten viele gleich: Wozu auch? Der eine trinkt, der andere stiehlt, der dritte hat eine Geliebte. Und da reicht es nicht aus, dass auch sie Menschen sind, und die ersten Zwölf auch keine Heiligen waren. Man darf nur so viel über Wasser sprechen und predigen, wie viel man auch trinkt.
Aber es ist schön, dass man auch auf Ausnahmen zeigen kann.
Ich denke, die Person des Pfarrers ist dann besonders prägend, wenn man mit dem Glauben noch in den Kinderschuhen steckt. Dann erwartet man vieles vom Pfarrer, nämlich, dass er Vorbild ist und schult. Doch nach einer Zeit, wenn man tiefer im Glauben ist, merkt man, dass es mehr als um den Pfarrer doch um das Wort geht, das uns mit Gott verbindet, dass man nicht auf den Pfarrer deuten kann, sondern selbst vor Gott steht.

Eine letzte Frage: Wir haben einen neuen ungarischen Gemeindepfarrer. Wir beziehen mit dem renovierten Gemeindehaus neue Räumlichkeiten. Es ist vieles neu geworden. Welche Erneuerung wünschst du der Gemeinde?

Frieden.
 
Holger Manke
 

 

Wer bin ich, dass Gott mich so hoch erhebt

Pfarrerin Katalin Magassy im Gespräch


Katalin Magassy ist Pfarrerin und Diakonisse – eine Besonderheit in Ungarn. Beim Gemeindenachmittag Anfang Mai hat sie aus ihrem Leben und von ihrem Glauben erzählt – und bat zu Beginn, das Lied „Jesu, geh voran“ zu singen. Ein Lied, das tiefere Bedeutung für Katalin Magassy hat.


 

Was bedeutet dir das Lied „Jesu, geh voran“?

Das kann ich nicht erklären. Ich kenne dieses Lied sehr lange. Wir sind eine uralte Soproner Familie, aber echt ungarisch. Meine Eltern konnten beide perfekt Deutsch. Und sie wollten uns fünf Kindern auch die deutsche Sprache beibringen – aber es war umsonst. Was wir in der Schule gelernt haben, haben wir schnell vergessen. Doch später habe ich durch das Gemeindeleben die deutschen Gesänge kennengelernt. Ich war etwa 16 Jahre alt, als die Bombardierung hier in Sopron war. Unser Haus ist zerstört worden, und wir mussten fliehen. Wir sind – zu Fuß – bis Linz gegangen. Und wir mussten alles, was wir hatten, zurücklassen. Wie gesagt, ich war 16. Meine jüngste Schwester war zwei Jahre alt, und die Räder ihres Kinderwagens sind schon bei Schattendorf abgefallen – er war für Stadtspaziergänge gedacht, nicht aber für eine Flucht. Für uns war das alles ein großes Trauma. Und während des Weges sang unsere Mutter immerfort. Wir hatten kaum etwas zu essen – unterdessen sang sie „Rád bízom sorsomat, Uram, mindhalálig“. Und den ganzen Weg über haben wir solche Lieder gesungen. Wenn Flugzeuge kamen, versteckten wir uns im Straßengraben. Das alles waren so starke Eindrücke, dass wir das nicht ohne Gott überstehen konnten.
In Linz erhielten wir Marken und konnten uns Zugfahrkarten davon kaufen und mit dem Zug nach Regensburg reisen. Wir fanden letztlich Zuflucht in einem Luftschutzkeller. Unsere jüngste Schwester bekam Masern, was damals als schwere Krankheit galt. Letztlich kamen wir in die Nähe von Weiden in der Oberpfalz, wo wir auf einen Pfarrer trafen. Mein Vater erzählte ihm, was mit uns geschehen war. Von ihm vermittelt erhielten wir ein Zimmer, Stroh auf dem Boden und wir alle sieben konnten dort wohnen. Dann erhielten wir Lebensmittelkarten und konnten erstmals wieder „normal“ essen. Und wir kamen enger zueinander – das stärkte die innerfamiliäre Verbundenheit sehr. Und in dieser Zeit konnte ich die deutsche Sprache so lernen, dass ich auch später die deutschen Gottesdienste besuchte und mich ganz zur deutschen Gemeinde klammerte.

Kann man sagen, diese Zeit stärkte den Glauben?

Wie der Glaube kam, das kann man nicht erzählen. Ich kam nicht nur durch meine Eltern, sondern auch durch meine Großeltern aus einer Pfarrfamilie. Aber das macht es nicht leichter in Worte zu fassen, wie der persönliche Glauben aufkam.
Wir haben während der Flucht fast alles verloren. Doch zwei Bibeln haben wir die Flucht über bei uns gehabt. Das blieb nicht ohne Bedeutung. Ich las seither jeden Morgen und jeden Abend in der Bibel.
Wir konnten nach sieben Monaten wieder nach Hause kommen. Die Amerikaner organisierten die Rückreise aller Flüchtlinge, die nach Hause wollte. Und bei Agendorf kamen wir wieder auf ungarischen Boden – ein erschütterndes Erlebnis für mich und die ganze Familie. Die ganze Geschichte war so ein tiefer Eindruck, dass ich spürte, ich muss den Dienst Gottes aufnehmen. Mein Leben ist von Gott so gedacht. Das war gar nicht schwer – auch wenn es viele innere Kämpfe gab.

Dein Weg führte dich danach nach Győr und Budapest.

Ich habe Abitur gemacht und danach ging ich nach Győr. Dort waren Diakonissen – doch dort wollte mich die Leitung nicht aufnehmen. Deshalb ging ich für ein Jahr nach Börcs und unterrichtete dort die 1. und 2. Klasse. Dort musste ich zum ersten Mal – mit 20 Jahren – einen Gottesdienst halten, was ich als großen Anspruch und große Verantwortung erlebte.
Über die Oberin konnte ich mich dann den Phoebe-Diakonissen anschließen und kam so nach Budapest. 1951 wurden die Mutterhäuser aufgelöst. Wegen meiner Familiengeschichte – ein Bischof als Großvater! – konnte ich keine normale Anstellung als Lehrerin erhalten.
Ich erfuhr dann, dass in Sopron in einer Heilpädagogenschule Erzieherinnen für schwerbehinderte Kinder gesucht werden. Zuvor war ich Haushälterin und bekam eine Wohnung bei der Oberin. Doch das machte ich auch gerne. Ich habe alles in meinem Leben mit Freude gemacht.

Gestatte mir einen gewissen Sprung, denn ich möchte unbedingt deine Gemeindestelle Sárbogárd erwähnen. Wenn dieser Ortsname fällt, sehe ich immer große Freude in deinem Gesicht.

Die schönste, unvergesslichste Zeit. Die glücklichsten sieben Jahre in meinem Leben. Ich hatte die Examenspapiere nach dem Theologiestudium noch nicht in der Hand, als mich der Bischof fragte, ob ich in die Gemeinde nach Sárbogárd gehen würde. Ich sagte „Ja, natürlich!“ Und das, obwohl ich gar nicht wusste, wo Sárbogárd liegt.
Die Gemeinde war damals wie eine Herde ohne Hirten. Ich musste die Leute einzeln suchen und finden. Es gab keine gewählte Gemeindeleitung – keinen Kurator, keinen Kirchenpfleger, keinen Schatzmeister. Drei bis vier alte Frauen kamen in den Gottesdienst. Ich fragte mich also durch: „Wer sind Sie? Wo wohnen Sie? Kennen Sie jemanden, der zu unserer Gemeinde gehört? Und wo wohnen sie?“ Dann notierte ich mir die Adressen und fuhr mich mit dem Fahrrad dorthin und sammelte so die Gemeinde zusammen. Das war der schönste, wunderbarste Teil meines Dienstes.
Und es gab manche in der Gemeinde, die sagten: „Sie hat ein paar Jahre Theologie studiert, ist aber keine Pfarrerin. Was macht sie hier?“ Das habe ich aber an meinen Ohren vorbei gehen lassen. Viel wichtiger ist: Ich hatte viele Freunde dort gefunden.
Bald sagte ich auch: Es geht nicht, dass wir uns zwischen Sonntag und Sonntag nicht sehen. Wir müssen auch unter der Woche zusammenkommen und miteinander sprechen. Ich möchte so vieles fragen und so viele kennenlernen. Und so kamen immer mehr Menschen zusammen.
Dann ging es auf Weihnachten zu, und ich sagte: Weihnachten ohne Kinder – das kann man sich nicht vorstellen. Und ich suchte die Kinder in der Gemeinde. Dann sagten die alten Frauen: „Ich habe zwei Enkelkinder.“ Dann suchte ich sie auf – und suchte nach weiteren Kindern. So waren Kinder im Weihnachtsgottesdienst und haben dort gesungen und Gedichte gesprochen.
Und noch etwas: Ich durfte kein Abendmahl einsetzen, ich war ja noch keine Pfarrerin. Das war für mich ein großer Schlag. Denn das Abendmahl ist die Quelle meiner Lebenskraft – und das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich hatte jedoch hierzu keine Erlaubnis. Bischof Káldy wollte die „Fernstudenten“ nicht als Pfarrer haben. Ich sagte mir, ganz still bleiben. Es gab dann Wechsel im Bischofsamt. Und letztlich wurde ich im August 1991 ordiniert. Das war die Krone meines Lebens – dass ich ordinierte Pfarrerin wurde! Wer bin ich, dass Gott mich so hoch erhebt! Das ist immer in mir. Mein ganzes seitheriges Leben – auch jetzt, da die Schwierigkeiten kommen. Es ist ein ziemlich großer Kampf, dass ich nicht mehr lesen kann. Und ich mag gerne singen, doch ich kann nicht, denn ich sehe die Buchstaben nicht mehr. Doch auch das kann ich aus Gottes Hand annehmen.

Du bist in der Gemeinde sehr aktiv – fünf Dienste pro Monat. In jeder Wochenpredigt übernimmst du den Psalm. In allen Abendmahlsgottesdiensten wirkst du an der Austeilung mit. Und gelegentlich übernimmst du auch den Dienst einer gesamten Wochenpredigt. Was bedeutet dir das?

Jetzt ist das für mich das Leben. Weil ich sonst vielleicht denken würde, dass ich schon überflüssig wäre. Es muss etwas geben, was dem Tag Sinn gibt. Für mich ist das die sinnvolle Tagesbeschäftigung, auch weil ich nicht mehr lesen kann, nicht mehr Handarbeit betreiben kann, nicht mehr spazieren gehen kann. Ich dachte schon öfters im Leben, dass mein Dienst endet, habe mich gelegentlich innerlich davon verabschiedet, dass ich noch gebraucht werde. Und immer wieder kommt es als angenehme Überraschung, dass ich gebraucht werde, noch Dienst tun kann. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Das ist das Werk Gottes!

Holger Manke
 

 

 

Sich mit seinen Talenten einbringen und Freude daran haben

Teodóra Mátis und Lili Horváth über das Ehrenamt in der Gemeinde

Im deutschsprachigen und im ungarischsprachigen Gemeindeleben sind sie zu Hause. Die Kindergruppe, beide Jugendgruppen, die Jugendband der Gemeinde, die Kinderbibelwoche und Sommerfreizeiten – überall hier sind sie aktiv. Und bei den Gottesdiensten trifft man sie auch überaus regelmäßig an – und auch hier übernehmen sie Aufgaben. Lili Horváth und Teodóra Mátis, beide 18 Jahre alt, prägen nicht nur das Gemeindeleben, sondern sind auch im Schulleben des evangelisch-lutherischen Lyzeums aktiv.

 
Was motiviert Euch in der Gemeinde ehrenamtlich aktiv zu sein?

Dóri: Begonnen hat alles mit der ungarischen Jugendgruppe. Ich habe in Budapest erlebt, wie gut so eine Jugendgruppe sein kann. Wir fanden klasse, was wir dort erlebt haben, und wollten etwas Ähnliches auch hier aufbauen. So kam es, dass meine Mutter für uns auch eine Jugendgruppe gegründet hat. Dann lag auch der nächste Schritt nahe: Wir lieben Musik – und so gründeten wir die Jugendband.

Lili: Meine Motivation war, dass ich schon als Kind Teil der Gemeinde war. Das hat mir ganz viel gegeben. Und natürlich war für mich auch prägend, dass meine älteren Brüder in die deutsche Jugendgruppe gegangen sind. Sie waren die „Großen“, und mein kleiner Bruder und ich waren die „Kleinen“ in der Familie. Und ich wollte auch zu den Großen gehören. Und so wurde der Kontakt zur Gemeinde intensiver – sowohl zur ungarischen Jugendgruppe, als auch zur deutschen Gemeinde. Und ich habe so viel Spaß daran gefunden, dass das Gemeindeleben zum Teil meines Alltagslebens wurde. Ich muss sagen, ich habe auch viel profitiert. Nur ein Beispiel: Als ich das erste Mal im Gottesdienst die Lesung übernommen habe, war ich ganz aufgeregt. Und heute habe ich eine gute Übung darin, vor anderen Menschen zu lesen. Solche Erfahrungen nützen mir natürlich nicht nur in der Gemeinde.

Eure Beispiele zeigen, dass Ihr durch die Familie in die Gemeinde gewachsen seid. Für uns als Gemeinde und kirchliche Schule stellt sich die Frage, ob wir eine Chance haben, Jugendliche zu erreichen, die nicht über so einen familiären Hintergrund verfügen. Wie seht Ihr Eure Altersgenossen im Blick auf Kirche?

Dóri: Ich meine, viele haben ein falsches Bild davon, was in der Gemeinde passiert. Viele denken, dass alle ordentlich sind, nie etwas Schlechtes machen und dass es immer nur um Gott geht. Aber sie wissen nicht, dass wir auch allgemeine Fragen und Probleme besprechen. Kürzlich ging es in der Jugendgruppe um das Thema „Beziehungen“ - also um Fragen, die uns eigentlich alle – gerade auch unserer Altersgruppe – betreffen.

Lili: Ich sehe das ganz ähnlich. Viele meinen sicher auch, dass sie durch Schule und Hobbys zu ausgelastet sind, um sich auch noch in der Gemeinde noch zu engagieren. Aber sie bedenken oft nicht, dass ihnen so ein Gruppenerlebnis sehr wahrscheinlich mehr bringt als das Ansehen irgendeiner Fernsehserie. Mit anderen zusammen zu sein, das gibt einem ja auch Mut und Kraft für die nächste Woche, für das Leben. Und es tut ganz einfach gut.

Zum Stichwort „kirchliche Schule“: Manche Schüler und Eltern sagen, dass sie keine gemeindlichen Jugendangebote brauchen, weil das spirituelle Angebot einer kirchlichen Schule – Andachten, Religionsunterricht, Rüsttage und ähnliches mehr – völlig ausreicht. Wird da die Schule selbst zu einer Art „Gemeinde“, die für die normale Kirchengemeinde eine Konkurrenz darstellt? Was sagt Ihr, die Ihr in der Schule und in der Gemeinde aktiv seid?

Lili: In der Schule treffen wir nur eine Altersgruppe – die aber den ganzen Tag. Das ist eine ganz andere Art von „Gemeinde“ oder Gemeinschaft. Hier, in der Soproner Gemeinde, hingegen treffen wir auch auf ältere Menschen, die mehr Lebenserfahrung haben, und wir können uns auch mit Kleineren beschäftigen, zum Beispiel in der Kindergruppe. Hier können wir gemeinsam und generationenübergreifend Gemeinde erleben. In der Schule ist das anders. Da gibt es auch viele, die die Schule besuchen, weil es eine gute Schule ist, denen es aber nicht so wichtig ist, dass es eine kirchliche Schule ist. In der klassischen Kirchengemeinde trifft man auf mehr Menschen, die aus ihrer eigenen Überzeugung zu einer Gemeinde gehören.

Dóri: Ich denke, dass viele Schüler die Andachten, Gottesdienste und Rüsttage nicht wirklich ernst nehmen. Würden sie das ernster nehmen, hätten sie vielleicht mehr Lust, zur Jugendgruppe zu gehen oder in der Gemeindeband mitzuspielen.

Für die Schüler, die jünger sind als Ihr, ist das Ehrenamt ja Pflicht geworden. Ehrenamtliche Stunden gegen Unterschrift. Ist das Eurer Ansicht nach ein guter Schritt – oder mehr Schein als Sein?

Dóri: Ich sehe beides. Für diejenigen, die zu solchen ehrenamtlichen Aufgaben grundsätzlich keine Lust haben – und auch schon mit so einer Einstellung dahin gehen, dass sie da nicht hingehen wollen, nützt das nichts. Aber es gibt auch die, die das ernst nehmen, und für die dieses „verpflichtende Ehrenamt“ eine gute Gelegenheit bietet, sich auszuprobieren.

Lili: Diese Zwiespältigkeit sehe ich auch. Ich denke, es ist wichtig, dass man am Ehrenamt Spaß hat, sich darin wohlfühlt und gerne auch etwas für sich mitnehmen kann – nicht nur Punkte oder Unterschriften, sondern das prägende Erlebnis, dass man sich mit seinen Fähigkeiten und Talenten auch wirklich nützlich einsetzen kann. Wenn das Gefühl aufkommt, dass man irgendwo gebraucht wird und all das auch Freude macht, dann kann das ein Impuls sein, der junge Menschen wirklich näher zur Gemeinde bringen kann.


Holger Manke

 

„Mehr als eine Interessensgemeinschaft“

Dr. Szabolcs Gimesi über ein aktives und zukunftsorientiertes Gemeindeleben

Er scheint ganz unermüdlich in seinem Einsatz für unsere Kirchengemeinde. Und wann immer es Herausforderungen gibt, hat er auch schon Problemlösungen zur Hand. Dr. Szabolcs Gimesi setzt sich mit juristischem Verstand und christlichem Herz für seine Gemeinde ein – nicht nur, wenn es um das neue Gemeindehaus geht. Der Reiz des Ehrenamtes und Gedanken zur Zukunft des Gemeindelebens – hierüber sprach Dr. Szabolcs Gimesi mit dem Christophoros.

Was motiviert Dich persönlich dazu, Dich so intensiv für die Gemeinde einzusetzen?

Im Leben hat mich nie interessiert, Geld für bestimmte Aufgaben zu bekommen, sondern immer, dass ich das, was ich übernehme, auch anständig mache. Ich war mein ganzes Leben über immer auch ehrenamtlich – ohne Bezahlung – in irgendeinem Bereich des gesellschaftlichen Lebens, sei es im Automobilclub, sei es im Segelverein.

Was gibt Dir das?

Es gibt Erfolgserlebnisse. Ich denke, dass es immer auch ein wichtiger Aspekt des Lebens ist, dass das, was man kann und tut, auch Ergebnisse bringt und man selbst damit zufrieden sein kann. Das gibt einem das Gefühl, dass die Mühen nicht vergeblich waren. In Japan sagt man: Das Bemühen ist das Wesentliche. So sehe ich es auch, und deshalb habe ich stets ein möglichst aktives Leben geführt und möchte das auch im Ruhestandalter nicht abbrechen.

Was denkst Du, was macht unsere Gemeinde zu einem attraktiven Ort, um sich ehrenamtlich zu engagieren?

Ich denke, das Gemeinschaftsgefühl kann so ein Motivator sein. Wenn jemand das Gefühl hat, dass nicht er die Gemeinschaft, sondern auch die Gemeinschaft ihn braucht – und wenn er darüber hinaus ähnlich denkt wie ich, dann kommt er zum Entschluss, tatsächlich in dieser Gemeinschaft etwas zu tun. Und dann muss es freilich auch und vor allem Selbstanspruch sein, dass man das, was man annimmt und übernimmt, auch tatsächlich durchführt.

Eine Frage – zum neuen Gemeindehaus: Hättest Du diese Aufgabe übernommen, wenn Du ganz genau gewusst hättest, welche Herausforderungen sich Dir stellen?

Ich war ziemlich sicher darin, was mich erwarten wird. Ich habe nur damit nicht gerechnet, dass mein Energiehaushalt nicht mehr derselbe wie vor zehn Jahren ist. Das heißt, ich muss mehr Kraft aufbringen, um zum selben Ergebnis zu kommen. Das neue Gemeindehaus selbst ist mir auch familiär nahe: Mein Großonkel war einst Direktor des Hauses. Und so war es mir auch persönlich ein Anliegen, eine Funktion für dieses Gebäude zu finden – und dies konnten wir darin finden, dass das Haus der Kirche dienen soll. Das war natürlich auch Motivation – auch darüber hinaus, dass mir klar war, dass ich nicht nur vor Ort aktiv sein muss, sondern dass ich oftmals spät nachts und früh morgens wach bin und darüber nachdenke, wie einzelne Probleme gelöst werden können. Im Großen und Ganzen wusste ich, was auf mich zukommt. Womöglich kam dann ein klein wenig mehr, aber jetzt gibt es keinen Halt mehr. Das ist wie bei den Arbeitern im Weinkeller: Wenn sie anfangen, das Weinfass in den Keller zu rollen, ist klar, dass das Weinfass nicht auf halber Strecke stehen bleiben wird. Allenfalls zerschmettert das Weinfass, wenn es unten ankommt, aber das muss man unter allen Umständen zu verhindern wissen.

Im Dezember wirst Du 70 Jahre alt – und musst, so lautet das Gesetz, auch Deine Funktion als Kurator des Dekanats aufgeben. Wie siehst Du es: Musst Du oder darfst Du diese Aufgabe abgeben?

Meiner Kenntnis nach kam das Gesetz einst so zustande, dass ein so alter Herr eine solche Funktion hatte, dass man sagte, dass es nicht mehr besonders glücklich ist, wenn er weiterhin dieses Amt ausübt. Und meine Meinung ist, dass man mit 70 Jahren komplizierte und kraftraubendere Aufgaben wirklich abgeben darf. Und gerade die Aufgaben eines Kurators im Dekanat oder Kirchenkreis sind so breit gefächert, dass es der Sache dient, wenn sie Jüngere übernehmen.
Auf Gemeindeebene ist das anders, da können auch die Über-70-Jährigen noch hervorragend Aufgaben übernehmen – da ist die Entscheidung, wie lange man das macht, eher der Selbstkontrolle eines jeden Einzelnen anbefohlen.

Wenn wir ins neue Gemeindehaus gezogen sind und damit eine große Immobilienfrage abgeschlossen sein wird, zu welchen Ufern sollten wir als Gemeinde aufbrechen. Welche Visionen hast Du womöglich?

Eine Kirchengemeinde ist ja zunächst eine geistliche Gemeinschaft. Hier geht es nicht um ein gemeinsames Hobby, wir sind auch keine Interessengemeinschaft. Sondern unser gemeinsamer Glaube hält uns zusammen – und das ist etwas viel tieferes.
Ich denke, die ungarische Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren umstrukturiert. Menschen sind viel seltener in Gemeinschaften anzutreffen, sondern leben oft lieber zurückgezogen. Das hat viele Gründe, die zu bedenken hier zu weit führen würden.
Für uns als Kirche bedeutet das, dass wir die Kirche in ihrer Organisation grundlegend bedenken müssen. Die großen breit angelegten volkskirchlichen Strukturen funktionieren nicht mehr besonders gut. Aber in kleinen Gemeindegruppen sind wir stark – und hier können wir sicher manches mehr stärken. Fraglich ist, wie diese Kleingruppen sich zu einer größeren Gemeinschaft zusammenschließen können. Das muss noch gelöst werden.

Einst war der Gottesdienst am Sonntag Vormittag der Ort, an dem sich die ganze Gemeinde – also auch die Mitglieder der verschiedenen Gruppen und Kreise – getroffen hat. Siehst Du eine Chance, dass der Gottesdienst diese Bedeutung wieder zurückgewinnen kann?

Momentan nicht. Was ich jetzt sage, gilt gerade für den deutschen Gottesdienst nicht, denn dort kennt man sich untereinander. Aber bei einem größeren Gottesdienst, bei Weihnachts- oder Ostergottesdiensten haben viele Gottesdienstbesucher keine Ahnung, mit wem man in der Bank sitzt. Sie kennen einander nicht. Und dann verlassen sie die Kirche ohne Gemeinschaftserlebnis. Sie hatten eher ein Vortragserlebnis – sie haben den Pfarrer, die Predigt angehört, haben eventuell an der Liturgie teilgenommen.

Was wäre also zu tun?

Ich beziehe mich auch auf Klaus Douglass, wenn ich vorschlage, dass Gottesdienste interessanter gemacht werden sollten. Wichtig ist, dass Gottesdienst nicht so mechanisch verlaufen. Dass wir das Glaubensbekenntnis – wie im deutschen Gottesdienst – auch singen können, ist zum Beispiel etwas Neues. Darauf musste man Acht geben, und auch Inhaltliches kam uns so wieder neu ins Bewusstsein. Ein anderes Beispiel ist die Dialogpredigt, die Du mit Eszter gehalten hast. Ich denke, in dieser Kirche gab es so etwas noch nie – und alle haben mit weit geöffneten Augen und Ohren aufgepasst, weil es interessant war. Ich denke, solche Anstöße tun dem Gottesdienst gut – nicht alles im Grunde verändern, aber hier und da kleine Veränderungen. Zudem ist es wichtig, dass die Lebenswirklichkeiten der Menschen im Blick sind und – mit Verweis auf Csaba Böjte – mit klaren, einfachen Beispielen in einer alltäglichen Sprache gesprochen wird.
Zudem kann man auch musikalisch einiges tun – ein Chor oder ein Posauenchor, neue Lieder im Gleichgewicht mit den alten bekannten Liedern. Das kann ich alles natürlich nur aus der Sicht des Gottesdienstbesuchers sagen. Doch dies scheinen mir Chancen zu sein, wie der Gottesdienst noch mehr Menschen erreichen könnte.
 
Holger Manke

 

Aufnahme von Heimatvertriebenen aus Ungarn nach dem Zweiten Weltkrieg in Leidenhofen

„Näher mein Gott zu dir,
Näher zu dir!
Drückt mich auch Kummer hier,
Drohet man mir,
Soll doch trotz Kreuz und Pein,
Dies meine Losung sein:
Näher mein Gott zu dir,
Näher zu dir!“

Wir schreiben den 11. Mai 1946. Über dem Bahnhof von Ödenburg, einer kleinen ungarischen Stadt an der Grenze zu Österreich, bricht die Nacht herein. Die Situation ist irreal, fast schon gespenstisch. 1323 Menschen, von der Urgroßmutter bis zum neugeborenen Säugling, warten auf ihren Abtransport am nächsten Tag. Man hat sie soeben ihrer Heimat beraubt. Die wenigen zugestandenen Habseligkeiten sind bereits in den Güterwaggons, die auch die Menschen aufnehmen werden, verstaut. Starke Polizeieinheiten bewachen die hilfs- und wehrlosen Vertriebenen wie Schwerverbrecher. Deren einzige Schuld ist, deutscher Abstammung zu sein. Deutschland hat einen Krieg verloren, den sie nicht gewollt haben und für den sie schon schwere Opfer gebracht haben. Warum jetzt auch noch der Verlust der Heimat? Niemand weiß, wohin die Reise gehen und was die Zukunft bringen wird. Was wird mit den respektvoll gepflegten Gräbern der Eltern und Großeltern? Den mühevoll gehegten Häusern, den Höfen, dem Vieh, den Weingärten? Wo und von was künftig leben? Die Leute sind fassungslos und verzweifelt - sie verstehen langsam, dass man ihnen den Boden unter den Füssen weggerissen hat, sie ihre Lebensgrundlage verloren haben. Es gilt Abschied zu nehmen, wahrscheinlich für immer. Irgendjemand stimmt in der Abenddämmerung das Kirchenlied an, das zu einem mächtigen, das gesamte Bahnhofsgelände ausfüllenden Choral erwächst und das keiner der Anwesenden für den Rest seines Lebens vergessen wird.
Es war der Wunsch meiner Tante Susanna Klaus, geb. Pieler, dass dieses Kirchenlied zu ihrer Beerdigung gesungen wird. Es erklang am 14. Mai 2010 in der Kirche zu Leidenhofen.
Warum gerade in Leidenhofen?
Leidenhofen war ihre neue Heimat geworden und das kam so:
Auf Anordnung, bzw. Duldung der Alliierten Kontrollkommission, einer Einrichtung der Siegermächte, mussten nach dem verlorenen 2. Weltkrieg fast alle Deutschen in den ehemaligen Ostgebieten ihre Heimat verlassen und wurden zwangsweise ins verbliebene Kernland Deutschlands verfrachtet. Susanna Klaus gehörte zusammen mit ihrem Ehemann Johann und der 3-jährigen Tochter Herta zu dem oben angeführten Transport, in dem sich meine beiden Großelternpaare mit ihren fast kompletten Nachkommenschaften befanden. Der Zug verließ am 12. Mai 1946 unter der Bezeichnung „H 0804“ Ödenburg, kam am 17. Mai 1946 in Kassel an und wurde am nächsten Tag nach Marburg weitergeleitet. Hier wurde der Transport am 18. Mai 1946 aufgelöst und die Vertriebenen im alten Landkreis Marburg verteilt.
Der Transport bestand aus 48 Waggons: 15 mit Einwohnern aus der Kreisstadt Ödenburg, 23 aus dem Ortsteil Harkau und 10 aus Wolfs (Balf). In jedem Waggon befanden sich ca. 30 Personen, die auf den Begleitpapieren namentlich und mit fortlaufenden Nummern registriert waren. Die Waggons aus der Kreisstadt Ödenburg waren mit ca. 25 Personen nicht ganz so voll gestopft.
In den Ebsdorfergrund wurden von diesem Transport 9 Waggons weitergeleitet. Diese kamen über den Südbahnhof auf der alten Kreisbahntrasse zunächst nach Ronhausen, wo 11 Vertriebene aus Ödenburg ausgeladen wurden. (…)
In Leidenhofen landeten die Insassen der Waggons mit den  Nummern 1 und 2 aus Wolfs. Sie wurden mit Pferdefuhrwerken Leidenhofener Landwirte vom Bahnhof in Ebsdorf abgeholt, zum Teil gleich zu ihren zugewiesen Quartieren gebracht oder einfach auf dem Schulhof abgesetzt.  
Die Situation war schwierig – für alle.
Auf der einen Seite die Einheimischen, die auch unter der Belastung und den Nachfolgen des Krieges zu leiden hatten. Dazu war die wirtschaftliche Situation schwierig und man verfügte in aller Regel nur über den Wohnraum, der gerade den eigenen Bedarf abdeckte. Und diesen Raum musste man jetzt mit vollkommen fremden Leuten teilen. Zu allem Überfluss waren diese anders gekleidet, sprachen einen seltsamen Dialekt und waren deutlich durch die Strapazen der unfreiwilligen Reise gezeichnet. Man vermutete geflohene ungarische Zigeuner, die jetzt auf Kosten anderer leben wollten und mit denen man am besten nichts zu tun haben sollte. Dazu war die Zeit, in der in Deutschland eine systematische Fremdenfeindlichkeit propagiert worden war und diese beileibe nicht grundsätzlich auf unfruchtbaren Boden fiel, noch allgegenwärtig. So gingen die diffamierenden Begriffe „Zigeuner“ und "Kartoffelkäfer" so manchem Einheimischen noch lange leicht über die Lippen, wenn man die Vertriebenen aus Ungarn meinte – aber auch die aus der Tschechoslowakei und die Flüchtlinge aus Ostpreußen, die nicht den Russen zum Opfer fallen wollten, denen später dann eine Rückkehr verwehrt wurde und damit auch den Status von Vertriebenen erhielten.
Auch wenn über Leidenhofen durch den Krieg viel Leid und Entbehrung gekommen war und viele Menschenopfer zu beklagen waren, so hatte man doch eines behalten - die Heimat, die gewohnte Umgebung.
Auf der anderen Seite die Vertriebenen. Sie mussten ihre Heimat verlassen, weil sie Deutsche waren - wurden jetzt aber in Deutschland als unliebsame Fremde angesehen. Auch sie hatten im Krieg Väter, Söhne und Brüder verloren, die für Deutschland ihr Leben ließen. Rund 120 mal war in das kleine Dorf Wolfs die Todesnachricht der deutschen Wehrmacht gekommen: „Gestorben für Führer, Volk und Vaterland“. Mit dieser Hypothek und den nachfolgend geschilderten zeitnahen Erlebnissen standen sie nun in Leidenhofen vor dem "Nichts":
Kurz vor dem Ende des Krieges wurden die Wolfser unfreiwillig Zeugen, wie in ihrem Dorf ca. 500 Juden aus Budapest ermordet wurden. Darunter einer der bekanntesten ungarischen Schriftsteller, Antal Szerb. Die Juden waren von der SS dorthin getrieben worden, um zur Abwehr der anrückenden russischen Truppen vollkommen sinnlose Panzergräben auszuheben. Das grausame und menschenverachtende Vorgehen der SS hat die Dorfbewohner tief erschüttert und die zweifellos auch vorhandenen Anhänger des Nationalsozialismus zum Nachdenken gebracht. Das Leid der Juden war unbeschreiblich, willkürliche Exekutionen waren an der Tagesordnung – Menschenleben anscheinend ohne jeglichen Wert. Einige Wolfser riskierten ihr eigenes Leben, weil sie Juden mit Lebensmitteln und Kleidung versorgten und Einzelne gar auf ihren Anwesen versteckten. Die letzten überlebenden 30 - 40 Juden wurden unmittelbar vor den anrückenden russischen Truppen am Rand des Panzergrabens aufgestellt und erschossen. Die Wolfser waren sich sicher: Die Deutschen in ihrer Allgemeinheit werden für diese Verbrechen noch schwer bezahlen müssen.
Bereits am nächsten Tag waren die Russen da. Der Schrecken, der ihnen voraus eilte, stellte sich ein. Gefangene wurden nicht gemacht - alle fremden Uniformträger sofort erschossen und an Ort und Stelle liegen gelassen. Über das, was Frauen und Mädchen zu ertragen hatten, wird meist geschwiegen. Russische Soldaten durchsuchten systematisch die Häuser und machten kein Geheimnis daraus, was sie zu finden erhofften: Alkohol und junge Frauen ... genau in dieser Reihenfolge. Einige Wolfser konnten dies nicht ertragen und wählten den Freitod. Nach dem offiziellen Kriegsende wurde es deutlich humaner.
Als man nun aber dachte, das Schlimmste sei vorbei, kam nur ein Jahr nach dem Kriegsende die Vertreibung …
 
Auszüge aus einem Manuskript von Karl Hauer (Wolfs)
Der gesamte Text und die Fortsetzung kann im Internet unter

http://www.steinerlh.de/WolfserInLeidenhofen.doc eingesehen werden

 

Kirche: So – oder so?

Was für eine Gemeinde wollen wir? – Anregungen zum Diskurs

Vielleicht schmunzeln Sie, wenn Sie diese beiden Karikaturen sehen. Vielleicht kommen Sie ins Nachdenken. Vielleicht denken Sie auch darüber nach, wer wer sein könnte. Vielleicht überlegen Sie sich aber auch, wo Ihr Platz auf einem der beiden Bilder sein könnte.
Viele haben diese beiden Karikaturen bereits an der Kirche entdeckt – oder im September in einem der Nachrichtenbriefe. Und diese beiden Bilder sind natürlich Übertreibungen, wie das bei Karikaturen so üblich ist. Aber sie deuten – wie das ebenfalls bei Karikaturen eine Tradition ist – mit ihren überzeichnenden Stilmitteln auch auf echte Fragen hin. „Kirche: So – oder so?“ - das ist eine Frage, die sich uns stellt, auch uns als Kirchengemeinde in Sopron.
Es liegt in der Natur der Sache, dass Pfarrerwechsel und Vakanzzeiten zu neuem Nachdenken führen. Das ist landauf-landab der Fall – nach langer Zeit des konstanten Gemeindelebens und gewisser Verlässlichkeiten und Gewohnheiten kommen Fragen auf. Vieles wird auf den Prüfstein gelegt. Man kommt ins Nachdenken, was man weiterführen möchte. Es kommen vermehrt Neuerungs- und Veränderungsideen auf. Und oft stellen sich auch die ehrenamtlichen Mitarbeiter neu auf. Bedauerlicherweise gibt es manchen, der den Abschied eines Pfarrers nutzt, um sich auch selbst aus dem aktiven Gemeindeleben zurückzuziehen. Doch oft kommen Gemeindeglieder mit neuer Energie und Kreativität verstärkt ins Gemeindeleben zurück. Und im besten Falle erlebt eine Gemeinde eine Vakanzzeit nicht als Zeit, in der sie in eine Art Koma fällt und die Zeit abwartet, bis wieder ein vollständiges Pfarrerteam die gemeindliche Rundumversorgung fortführt und bis alles wieder in den liebgewonnen Bahnen verläuft. Idealerweise ist die Vakanzzeit eine Zeit, in der nochmals in besonderer Weise klar wird, wie bedeutsam die Rolle der ehrenamtlichen Mitarbeiter ist. Und in all den Veränderungen und in all der Aktivierung von Gemeindegliedern stellt sich eine zentrale Frage: Wie wünschen wir uns unsere Gemeinde? Das kann heißen: Wie soll die Gemeinde sein? Wie möchten wir in unserer Gemeinde unsere Gemeinschaft und unseren Glauben leben? Vielleicht ist das eine Art gemeinsamer Vision – ein gemeinsames Ziel, zu dem wir aufbrechen. Und dann freilich kommen die praktischen Fragen: Was müssen wir tun, um dieses Ziel zu erreichen? Die beiden Karikaturen können in diesen Fragen ernstzunehmende Hilfestellungen und Anregungen bieten.
Vom Selbstverständnis der Ehrenamtlichen: Helfen wir dem Pfarrer? Oder bauen wir Gemeinde?
Was machen Ehrenamtliche, wenn sie sich in der Gemeinde engagieren? Oftmals hört man, dass sie sagen: „Wir helfen dem Pfarrer bzw. den Pfarrern.“ Natürlich, der Pfarrer als geistlicher und spiritueller Leiter der Gemeinde sollte sich in erster Linie um Verkündigung und Seelsorge, um Taufen, Trauungen und Beerdigungen, um Unterricht in Schule und Gemeinde, also um ein geistlich reiches Gemeindeleben kümmern. Und wenn es ehrenamtliche Mitarbeiter gibt, die sich – je nach Talent – um Renovierungen, um das Einholen von Genehmigungen, um die Mitgestaltung des Gottesdienstes oder von Gruppen und Kreisen, um die kulinarische Gestaltung von Gemeindeveranstaltungen kümmern – dies könnte noch um viele Beispiele ergänzt werden –, dann führt dies zu einem reichhaltigen Gemeindeleben, in dem viele mitanpacken. Vor allem, wenn die Mitarbeiter, die sich einbringen, kreativ denken und Aufgaben übernehmen, zahlenmäßig mehr sind als die Mitarbeiter, die eher Ratschläge geben oder Kritik üben, jedoch bei anstehenden praktischen Aufgaben zur Seite treten, um anderen den Vortritt zu gewähren.
Doch aus welcher Motivation bringen sich Gemeindeglieder ein? Ist die Motivation „Wir helfen dem Pfarrer!“ nicht doch ein wenig eng? Klingt das nicht wie ein persönlicher Gefallen, das ein Gemeindeglied dem Pfarrer zukommen lässt? - Klar, es ist allemal besser, als müsste der Pfarrer wie auf der links abgebildeten Karikatur die Gemeinde alleine in Gang halten und als säßen die Gemeindeglieder einer Kutschfahrt ähnlich auf dem Wagen der Gemeinde und ließen die verschiedenen Dienstleistungen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit an sich geschehen.
Doch ein Vorschlag für das Selbstverständnisses des Ehrenamts sei hier genannt: „Wir bauen Gemeinde!“ - und zwar Pfarrer und Gemeindeglieder gleichermaßen. Wir haben ein gemeinsames Bild vor Augen, wie unsere Gemeinde sein soll. Und daran bauen wir gemeinsam und miteinander. Dieses Miteinander drückt auch die rechte Karikatur aus. Der Pfarrer läuft gerade nicht vorne weg. Er ist im besten Sinne im Miteinander der Gemeindeglieder eingereiht. Und der Pfarrer muss weder Antreiber noch Gallionsfigur sein. Es ist ganz egal, wer an welcher Stelle beim Gemeindebau steht – viel wichtiger ist das Miteinander, das gemeinsame Gehen in dieselbe Richtung, weil alle dasselbe Ziel vor Augen haben: Den Bau der Gemeinde – und damit auch den Bau am Reich Gottes, freilich mit unseren bescheidenen Mitteln, aber doch im Geist Gottes und mit Entschlossenheit.
Von der Pfarrerzentriertheit - Was ist, wenn der Pfarrer mal fehlt?
Der Ort des Pfarrers auf der rechten Karikatur könnte manchen Betrachter ins Nachdenken versetzen. Warum steht er nicht vorne? Die Frage lässt sich auch anders formulieren: Wie pfarrerzentriert denken wir und sind wir? Und was fangen wir mit Luthers „Priestertum aller Gläubigen“ an? In welchem Maße sehen wir auch Gemeindeglieder mit geistlichen, spirituellen Aufgaben betraut?
Freilich sollen hier nicht die „ureigensten“ Aufgaben des Pfarrers an Ehrenamtliche ausgelagert werden. Aber ein Gedanke ist die spirituelle Rolle der Ehrenamtlichen doch wert.
Was zum Beispiel ist, wenn bei den Gruppen und Kreisen unserer Gemeinde einmal der Pfarrer fehlt? Wie sehr neigen wir dazu, dass das Treffen dann eben ausfällt – und eben dann wieder stattfindet, wenn der Pfarrer wieder da ist? Welche triftigen Gründe gibt es gegen die Gründung von Gruppen und Kreisen ohne regelmäßige Anwesenheit und Mitwirkung eines Pfarrers? Wie können die zahlreichen geistlichen und spirituellen Talente vieler Ehrenamtlichen zur Geltung kommen, wie können diese Talente für den Bau der Gemeinde geborgen und eingesetzt werden, wenn die Anwesenheit eines Pfarrers die ehrenamtlichen Talente – wenngleich ungewollt – stets in die zweite Reihe zurückdrängt?
Der Pfarrer macht die Gemeinde – und die Gemeinde macht auch den Pfarrer
Es ist längst schon offensichtlich, dass bei der Entwicklung des wünschenswerten Gemeindebildes auch das Verhältnis zwischen dem Pfarrer bzw. den Pfarrern und der Gemeinde bedacht werden muss.
Keine Frage ist, dass die Persönlichkeit und die Denkweise des Pfarrers maßgeblich das Gesicht der Gemeinde mitprägt. Bestimmte Haltungen des Pfarrers werden sich in der Gestaltung des Gemeindelebens niederschlagen. Und auch das, was man gemeinhin „Chemie“ nennt, spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wenn die „Chemie“ zwischen Pfarrer und Gemeindegliedern stimmt, ist es leichter, das Gemeindeleben gemeinsam zu gestalten, als wenn zunächst Störungen verschiedenster Natur geheilt werden müssen, ehe sich der Blick auf das gemeinsame Bild von Gemeinde richten kann. Bei Gemeinden mit mehreren Pfarrern zählt überdies auch das interne Verhältnis der Pfarrer. Bilden sie ein gutes Team, dann kann manches Problempotenzial in den Anfängen behoben werden. Gelingt dies nicht, gilt die Aufmerksamkeit der Gemeindeglieder allzu leicht den Differenzen zwischen den Pfarrern. Und nicht selten kann es geschehen, dass Gemeindeglieder zugleich dem einen und dem anderen Pfarrer nach dem Mund reden – und die Pfarrer gegeneinander ausspielen, indem sie sich bei einem Pfarrer ausführlich über die Schwächen des anderen Pfarrers auslassen. Fraglich ist, ob dies wirklich ein wünschenswertes Ziel kirchengemeindlicher Energien ist. Beabsichtigte und unbeabsichtigte Verhaltensweisen der Pfarrer bleiben also nicht ohne Wirkung auf das Gemeindeleben.
Doch wie steht es um die Gegenrichtung „Die Gemeinde macht den Pfarrer“? Es gilt nicht, dass der Pfarrer alleine der Chef ist, in dessen Händen die Richtlinienkompetenz liegt. Und nicht der Pfarrer hat die alleinige Verantwortung für die Gemeindeglieder und das Gemeindeleben. Dies wäre ein fahrlässiger Schluss, der eine Einbahnstraße suggeriert, die den Vorfindlichkeiten nicht standhalten. Vielmehr „macht“ die Gemeinde den Pfarrer. Die Gemeinde hat Verantwortung für den Pfarrer. Sie hat eine Mitverantwortung dafür, dass der Pfarrer in guter Gesundheit und in einer Freiheit, die der Verantwortung seinem Auftrag gegenüber entspricht, seinem Dienst nachkommen kann. Dieses Ziel kann die Gemeinde nicht als Antreiber des Pfarrers erreichen – so wie dies auf der linken Karikatur die Peitsche signalisiert. Vielmehr ist hier die Sorge der Gemeinde um ihren Pfarrer gefordert, die auch nach der Wahrung der geistlichen und gesundheitlichen Kraft des Pfarrers fragt. Bleibt er im seelischen Gleichgewicht, so ist dies nicht nur für den Pfarrer, sondern auch für die Gemeinde ein Gewinn.
Miteinander trotz Verschiedenheit
Gott hat den Menschen mit aller Unterschiedlichkeit erschaffen. Dies führt oft dazu, dass es zu Meinungsverschiedenheit zwischen Gemeindegliedern kommt. Im besten Fall führt dies zu einem gesunden und gleichberechtigten Diskurs, aus dem alle gestärkt hervorgehen und in dessen Verlauf alle „gewinnen“. Im schlechten Fall jedoch führt dies zu Differenzen, die sich mit voranschreitender Zeit als kaum noch lösbar und überbrückbar erweisen. Und oftmals sind in Gemeinden bestimmte Bruchlinien vorgezeichnet: Konflikte, die aus der Vergangenheit herrühren und mal unter den Teppich gekehrt werden, mal zu emotionalen Ausbrüchen führen, die nur Scherben, aber keine Zukunftsperspektiven hinterlassen. Unterschiede sind auch die Anhängerschaft, die einzelnen Pfarrern gilt, sowie die Frage, wer aus der Familiendynastie heraus schon immer zur Ortsgemeinde gehört und sich hieraus den Zugezogenen gegenüber ältere Rechte ableitet. Die Unterschiede sind da – und der Umgang mit ihnen ist die Herausforderung an die Gemeinde. Gerade als Geschwister im Herrn, gerade verbunden im Glauben ist nicht egal, wie wir diesen Fragen begegnen.
Doch gerade die Verschiedenheit – die unterschiedlichen Talente, die unterschiedlichen Sichtweisen, die unterschiedlichen Formen im Glaubensleben – sind der Reichtum der Gemeinde. - Auch das ist nicht immer leicht: Wir können auch fragen, wie integrativ wir unsere Gemeinde leben, wie sehr wir Menschen mit anderer Persönlichkeit und anderem Denken bei uns sehen wollen oder ob hie und da wohl der verborgene Gedanke regiert, dass wir uns selbst genüge sind und den kleinen Kreis der Kerngemeinde nicht unbedingt erweitern wollen. - Doch die genannten Verschiedenheiten sind wie verschiedene Scheinwerfer, die von ganz unterschiedlichen Seiten doch alle auf den Bau der Gemeinde gerichtet sind und innerhalb des Fragens nach dem Gestalten von Gemeinde je und je unterschiedliche Aspekte hervorheben. Wichtig ist freilich, dass man nicht selbst seinen „Scheinwerfer“, seine Sicht auf die Dinge, zum einzig maßgeblichen erklärt. Und oftmals gehört zur geschwisterlichen Liebe auch, dass man mitunter auch Ideen anderer umzusetzen hilft. Und hierzu dient eine regelmäßige innere Vergewisserung, dass Gott sich uns allen gleichermaßen zuwendet, uns gleichermaßen liebt – und uns dazu befreit, dass wir keine Gräben pflegen müssen, sondern in Gott aufeinander zugehen dürfen, so wie er – trotz allem – auch auf uns zugeht.
Zur Diskussion
Die hier niedergeschriebenen Gedanken sind kein Gesetzestext. Vielleicht können sich manche Leser mit dem einen oder anderen Gedanken anfreunden. Vielleicht gibt es aber auch Punkte, die heftigen Widerspruch hervorrufen. Sei es so! Schließlich wollen diese Zeilen auch faktisch ein Diskussionspapier sein und nicht nur aus Gründen der schönen Verpackung einen pseudodemokratischen Beinamen tragen. Wie auch immer wir zu einzelnen Gedanken stehen – wichtig ist, dass wir gemeinsam um unserer Gemeinde willen darum ringen, was für unsere Gemeinde ein guter, zukunftsweisender Weg im Sinne Jesu Christi ist.
Es liegt in unserer Hand. Gehen wir es an – nicht in Einheitsmeinung, aber in dieselbe Richtung blickend und das Wohl des Miteinanders fördernd.
 
Holger Manke

 

Völkerverbindende Brücke und grenzenüberwindende Wahrheit Zur Partnerschaft der evangelisch-lutherischen Kirchen in Bayern und Ungarn

Im Jahr 1992 wurde erstmals ein Freundschaftsvertrag zwischen den evangelisch-lutherischen Kirchen in Bayern und in Ungarn unterzeichnet. Seither traten zahlreiche bayerische und ungarische Gemeinden sowie andere evangelische Institutionen wie Schulen, Kindergärten und diakonische Einrichtungen sowie die theologischen Fakultäten in gegenseitigen Kontakt. Und immer wieder wird die Partnerschaft bei großen Festen gefeiert – so zuletzt im vergangenen Oktober in Nürnberg anlässlich des 20-jährigen Bestehens. Gerade das Pfingstfest bietet Gelegenheit, den Blick zu heben und über die Grenzen der eigenen Kirchenstrukturen hinauszublicken – auf das, was uns über Grenzen hinweg in Christus verbindet und Kirche zu einer lebendigen Gemeinschaft von Christen werden lässt. So stehe der Blick auf die bayerisch-ungarische Partnerschaft im Zeichen des Pfingstfestes.
 
Bei der Unterzeichnung der Vereinbarung zwischen beiden Kirchen konnte man auf bereits bestehende Kontakte zurückgreifen. Die älteste bayerisch-ungarische Gemeindepartnerschaft verbindet die Budapester Burggemeinde am Wiener Tor mit der Nürnberger Sebalduskirche.
Der damalige Leiter des Nürnberger Studienzentrums Heilig-Geist, Dr. Ludwig Markert, – später war er Präsident des Diakonischen Werkes Bayern – veranstaltete jährlich „Ökumenische Begegnungstage“ mit Gästen aus jeweils einem anderen Land. 1983 kamen Ungarn, da sie ein Jahr später Gastgeber der Weltkonferenz des Lutherischen Weltbundes sein sollten. Es bestanden zu diesem Zeitpunkt keinerlei Kontakte dorthin, erinnert sich Markert, gerade deshalb war ihm daran gelegen, Verbindungen aufzubauen. Die Mitglieder der ungarischen Delegation waren auf verschiedene Nürnberger Gemeinden aufgeteilt. So war beispielsweise der Leiter der Gesandtschaft, Bischof D. Dr. Gyula Nagy, Gast der Kirchengemeinde St. Sebald. Er lernte in den zu den schönsten seines Lebens zählenden Tagen nicht nur das Gemeindeleben St. Sebalds kennen, sondern gab Pressekonferenzen und nahm an ökumenischen Gesprächen teil.
Freundschaft auch ohne Vertrag
Bereits ein Jahr später war eine Nürnberger Gruppe bei der erwähnten Weltkonferenz in Ungarn zu Gast. Durch die anhaltende Freundschaft zu Nagy konnte schließlich der Kontakt zwischen St. Sebald und der Gemeinde des Bischofs – und damit der Budapester Burggemeinde – vereinbart werden.
Der heute 94-jährige „Gründervater“ erinnerte sich später, dass es damals nicht möglich war, diese Verbindung offiziell als „Gemeindepartnerschaft“ auszuweisen. Schließlich konnte aus politischen Gründen nicht ohne Weiteres eine Beziehung zwischen einer ungarischen und einer bayerischen Kirchengemeinde aufgebaut werden. Man hatte also nichts unterschrieben, aber die Verbindung war bereits sehr eng: Gegenseitige Besuche fanden regelmäßig statt – zunächst in kleineren „Erkundungstrupps“, dann in voller Pracht: Der Nürnberger Pfarrer Eberhard Bibelriether predigte 1987 in Budapest. Ein Jahr später stand Pfarrer Miklós Madocsai auf der Sebalder Kanzel, ehe György Peskó ein Orgelkonzert in Nürnberg gab. Die Gemeindemitglieder, Pfarrer und Kirchenmusiker hatten sich also schnell miteinander angefreundet und mehrere Begegnungen initiiert.
Ab dem Jahr 1990 gesellte sich eine weitere Partnerschaftsebene dazu: Jugendliche und junge Erwachsene beider Gemeinden besuchen sich regelmäßig – bis heute.
Polizisten stiften Partnerschaft
Dieser enge Kontakt sorgte übrigens für weitere Verbindungen. So konnte dem Evangelischen Gymnasium am Deák-Platz in Budapest das Laurentius-Gymnasium in Neuendettelsau als Partnerschule vermittelt werden.
Zahlreiche dieser Bemühungen liefen ohne Zutun der vorhandenen bayerisch-ungarischen Strukturen ab oder entstanden aus purem Zufall, wie folgende kleine Geschichte illustriert:
Im Jahr 1993 brach eine Konfirmandengruppe aus Dunaújváros mit zwei Bussen zu einem Ausflug nach München auf. Der Fahrer des einen Busses hielt gerade am ersten Rastplatz auf bayerischem Boden, da Wasser aus dem Wagen auslief, als ein Streifenwagen neben ihnen hielt. Den aufmerksamen Wachtmeistern entging unterdessen nicht, dass die TÜV-Plakette des anderen Busses abgelaufen war. An der nächsten Tankstelle angekommen nahmen die Polizisten die Nummernschilder ab. Die aufgeschmissenen Gäste aus Ungarn fragten nach der örtlichen evangelischen Gemeinde – und Pfarrer Johannes Sinn aus Aschau eilte sofort herbei und organisierte Quartiere für die gestrandeten Magyaren. Aus dieser misslichen Lage entstand eine nie erhoffte und bis zum heutigen Tage andauernde Verbindung, die bis heute in zahlreichen – übrigens zuvor vereinbarten – Wiedersehen fortdauert.
Die Sinn-Frage solcher Partnerschaften
Was hat man davon, eine Verbindung zwischen zwei Gemeinden in Bayern und Ungarn einzugehen? Viele Dinge, die einen selbst vom Partner unterscheiden, wird man schätzen lernen, indem man sie hinterfragt und vielleicht hier und da das eigene Handeln überdenkt. Man lernt also nicht nur den Partner, sondern auch sich selbst besser kennen. Durch den tiefen Einblick in das Leben der Partner kann man Erfahrungen und Kenntnisse austauschen und sich damit vor dem Verfall in provinzialistisches Denken schützen. Wer also das Glück hat, Freunde in der Ferne zu finden, kann seinen Horizont erweitern. Gerade für Jugendliche rücken Freundschaften dieser Art jegliches fremdenfeindliche Gedankengut weit in den Hintergrund. So stellt der Pfarrer der Nürnberger Sebalduskirche, Gerhard Schorr, fest: „Da lernen sich junge Menschen über die Grenzen von Ländern, Sprachen, Traditionen und Mentalitäten hinweg ganz unkompliziert kennen. Sie merken, irgendwie können wir uns verständigen. Manche lernen deswegen sogar die Sprache des anderen. Sie erleben einander im Alltag der anderen Stadt, der Gemeinde und der Familie. Da muss man nicht mehr über notwendige Schritte theoretisieren, die die Menschen in Europa zusammenbringen – hier werden sie gleich gegangen. Und junge Menschen haben sowieso ihre eigene Sprache, in der sie sich intuitiv verstehen – besser als muttersprachlich mit ihren deutschen oder ungarischen Eltern zum Beispiel.“
Bischof i.R. D. Imre Szebik vermerkt in seinem Grußwort für die vom Autor dieses Artikels verfasste Chronik der Gemeindepartnerschaft zwischen St. Sebald und der Budapester Burggemeinde: „Die beinahe 25-jährige Vergangenheit unserer Verbindungen, die Gegenwart unserer Verbundenheit, das Geflecht von Freundschaften, die Atmosphäre gemeinsam erlebter Gottesdienste und die miteinander geführten und von Vertrauen getragenen Gespräche zeigen, dass der christliche Glauben, die gemeinsame Zugehörigkeit zu Christus eine völkerverbindende Brücke und grenzenüberwindende Wahrheit ist.“
Diakoniepräsident Dr. Ludwig Markert resümiert: „Wer immer in Ungarn ist, wird von der Herzlichkeit, von der Gastfreundschaft begeistert sein. Das sind bleibende Eindrücke, die ich nie vergessen werde.“
Diese „bleibenden Eindrücke“ zeugen davon, dass die seit mehr als 20 Jahren auch vertraglich festgehaltene Partnerschaft zwischen den evangelisch-lutherischen Kirchen von Bayern und Ungarn nicht nur eine protokollarische Vereinbarung ist, sondern durch zahlreiche Freundschaften und für die gemeinsame Sache engagierten Menschen lebt.

Holger Manke

 

 

Am fröhlichen Christsein darf man uns gerne erkennen

Im Gespräch mit Pfarrer Holger Manke. Am Sonntag, dem 3. März hat sich der neue Pfarrer Holger Manke im Gottesdienst vorgestellt. Er ist 31 Jahre, studierte in Erlangen und Budapest Theologie, stammt aus der Kirchengemeinde St. Sebald in Nürnberg und fand in deren ungarischer Partnergemeinde, der Budapester Burggemeinde eine zweite geistliche Heimat und knüpfte Freundschaften nach Ungarn. Einst war er Praktikant in der Deutschen Evangelischen Gemeinde in Budapest, später dann Journalist beim Pester Lloyd. 2007 war er als Organisator des 15-jährigen bayerisch-ungarischen Jubiläums in Balatonföldvár tätig. Seit dieser Zeit ist er Redakteur der Deutschen Anlage in der Zeitung „Evangélikus Élet“ und des Deutschsprachigen Nachrichtendienstes der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn. 2009 wirkte er bei der Veranstaltung „An die Grenzen gehen“ in Sopron mit. Mit seiner Frau Pfarrerin Eszter Manke-Lackner wirkte er in Nagyalásony, Dabrony und Nemesszalók. 2010 gingen sie nach Unterfranken, wo Holger Manke als Vikar in Ebern tätig war – und Sohn Theo kam zur Welt. Im Oktober 2012 trafen ihn viele Soproner beim 20-jährigen Jubiläum der bayerisch-ungarischen Partnerschaft in Nürnberg.
Jetzt sind Sie hier in Sopron, und wir freuen uns. Freuen Sie sich auch?
Ja, klar! Keine Frage.
Wer oder was gab Ihnen den Impuls, Pfarrer zu werden?
Ich kann kein Berufungserlebnis vorweisen. In meinem Fall war es eher ein Prozess. Ich habe in Nürnberg und Budapest kirchliches Leben schätzen gelernt – und im Fragen danach, wie ich mein Leben gestalten möchte, und in all der Lebenserfahrung, die ich in einem Semester Chemie, bei einer Versicherung und in ein paar Semestern Wirtschaftsmathematik sowie bei meinen Aufenthalten in Ungarn sammelte, kam eine Ahnung von Wichtigkeit für den Dienst als Pfarrer auf. Impulsgebend waren dabei die Eindrücke und auch die Menschen, die meinen Weg im Ehrenamt in meinen Gemeinden gesäumt haben.
Am 27. Januar haben wir Pfarrer Dr. Volker Menke verabschiedet. Eine Woche später wurden Sie in der Christuskirche Ebern verabschiedet und nach Sopron gesandt. Ein Brückenbauer ging von uns und ein Sämann kam zu uns. Die Regionalbischöfin Dr. Dorothea Greiner sagte über Sie: „Der Halm wurde stark.“
Damit bezog sich die Regionalbischöfin auf die wichtige Phase meines Lebens in St. Sebald und der Burggemeinde – eine Zeit, die auch für meinen Glauben bedeutsam ist und die meiner Entscheidung, Pfarrer zu werden, vorausging.
Haben Sie eine besondere Lieblingsstelle in der Bibel?
Natürlich liegt mir Joh 3,16 besonders am Herzen – für mich ein Kernsatz unseres Glaubens. Daneben würde ich aber auch 1Joh 5,12 nennen: „Wer den Sohn hat, der hat das Leben“ - wenige, aber wichtige Worte aus jenem Bibeltext, über das ich im Jahr 2005 meine erste Predigt hielt. Übrigens in Cegléd und auf ungarisch – mein Kanzeldienst hat also in Ungarn begonnen. Und eigentlich sind es noch so viele mir wichtige Bibelworte mehr.
Haben Sie Favoriten unter den Kirchenliedern, die wir oft singen werden?
Ich will nicht leugnen, dass das Leben oft von Mühsal und Schwierigkeiten geprägt ist. Allerdings ist es auch meine Überzeugung, dass der Glaube uns dazu befreit, dass wir fröhliche Christen sein dürfen. Und das darf man uns auch anmerken. Und daran darf man uns auch gerne erkennen. Damit stehen mir Lieder nahe, die einen Grundtakt tiefer Freude in Christus spüren lassen. Ich denke, wir werden also nicht in der Mehrzahl Lieder singen, die über viele Strophen in tristen Tönen unsere Sündhaftigkeit durchdeklinieren.
Die zweisprachige Gemeinde in Sopron war früher stark. Heute gibt es eine Familie, die vier Generationen repräsentiert. Ob es der Geschichte zuzuschreiben ist, oder dem Zeitgeist, heute ist der Sonntag und der sonntägliche Kirchengang gefährdet. Bischöfin Dr. Greiner sagte zu Ihnen: „Gewiss ist: Christus selbst nimmt Sie in den Dienst und er schenkt Ihnen den Heiligen Geist. Er wird Wunder tun an Ihnen und durch Sie.“
Der Heilige Geist tut nicht nur durch mich Wunder, sondern durch uns alle. Und bei all dem ist und bleibt er natürlich unverfügbar. Ich wünsche uns, dass wir einer gemeinsamen Zeit entgegensehen, an der wir merken, dass der Heilige Geist auch weiterhin unter uns herrscht und Wunder tut, vielleicht manche, die wir erhoffen, und vielleicht andere, an die wir gar nicht dachten. Wie sich das konkret äußert, das werden wir nicht nur sehen, sondern dafür können wir uns alle einbringen.
Sie sprechen auch „perfekt” Ungarisch, Ihre Frau wunderbar Deutsch. Wir freuen uns, wieder ein vorbildhaftes Ehepaar in unserer Gemeinde zu erleben. Erzählen Sie doch ein bisschen über Ihre Familie!
Ich denke, da muss ich an mehreren Stellen eingreifen. Dass mein Ungarisch perfekt ist, würde ich nicht sagen. Und auch sonst würde ich den Begriff „Vorbildlichkeit“ nicht auf mich selbst anwenden, auch wenn ich mich natürlich freue, dass Sie uns schon vor unserer Soproner Zeit als gutes Team erlebt haben. Ich denke, wir sind eine normale Familie. Meine Frau hat, wie ihr Mädchenname erahnen lässt, einen ungarndeutschen Hintergrund. Sie ist in Szombathely geboren und in Kőszeg aufgewachsen, wo ihre Familie auch heute lebt. Unser Sohn Theo ist gebürtiger Unterfranke. – Wir sind eine europäische Familie.

Die Kinder und Jugendlichen hatten in den vergangenen Jahren zwei feste Termine: am Mittwoch hieß es: „Megyünk Volkerre!” und im Juni  war eine Woche für die Kinderbibelwoche reserviert. Die Kinder fragten im Januar: „Was werden wir jetzt am Mittwoch machen?“ Was werden sie machen?
Vielleicht ist die Antwort: „Mennek Holgerre!“ Ich würde mich freuen, wenn sie weiterhin kommen. Jedenfalls auch von hier herzliche Einladung!
Sopron ist Schul- und Universitätsstadt. Drei evangelische Schulen, Nationalitätenklassen, Universität. Müsste eine gute Basis sein, scheint aber eher eine große Herausforderung zu sein.
Das können diejenigen, die schon ein paar Tage länger in Sopron sind als ich, vermutlich besser beurteilen. Aber ganz allgemein: Ich denke, jeder Ort, jede Gemeinde hat manches, was Basis ist, worauf Kirche gebaut werden kann. Und zugleich stößt man überall auch auf Herausforderungen. Das sei kein falscher Trost. Aber ich verweise da doch nochmals auf das Wirken des Heiligen Geistes. Auf dieser Basis kann Kirche leben.
Vielleicht renne ich offene Türen ein, wenn ich Sie frage, möchten Sie am „Sie” festhalten oder könnten Sie sich früher oder später das „Du” mit Kindern und Eltern vorstellen?
Ich habe in verschiedenen Gemeinden beides erlebt und mich jeweils den vorfindlichen Traditionen angepasst. Ich bin gerne offen für das gegenseitige Du – das zeigt ja auch etwas von der gleichen Augenhöhe, aber es soll auch fürs Gegenüber passen. Allerdings werde ich ja auch am Líceum unterrichten – und ich weiß nicht, ob das gegenseitige Du im Lehrer-Schüler-Verhältnis glücklich ist. Wir werden sehen.
Sie werden im Kirchenkreis Bayreuth zurückerwartet. Wir sind im Briefschreiben an den Herrn Landesbischof geübt, und haben im Festhalten und Loslassen auch Übung. Vorerst möchten wir Sie festhalten. Ich wünsche uns allen, dass in der Soproner Gemeinde Liebe wächst, wie Weizen und ihr Halm grünt.
Vielen Dank, dass Sie mich nicht gleich wieder zurückschicken möchten! Und Ihrem Wunsch kann ich mich nur von Herzen anschließen.

Katalin Hirschler